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"Keine Veränderung als Selbstzweck"

19.01.1999 - (idw) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Bevorstehende Novellierung des baden-württembergischen Universitätsgesetzes: Heidelberger Rektor Prof. Dr. Jürgen Siebke steht der geplanten Änderung universitärer Leitungsstrukturen kritisch gegenüber - "Keineswegs ist die Universität ein umfassend am Markt operierendes Unternehmen"

"Ich bin gegen Veränderungen um der Veränderung willen." Mit dieser Kernaussage kommentiert der Rektor der Universität Heidelberg, Prof. Dr. Jürgen Siebke, die bevorstehende Novellierung des baden-württembergischen Universitätsgesetzes (UG), die weitgehende Änderungen der universitären Leitungsstrukturen zur Folge haben wird. Nach Siebkes Meinung "krankt die geplante Änderung der Leitungsstrukturen daran, daß Teilelemente einer an sich notwendigen umfassenden Reform der Universitäten aus dem Kontext gelöst und herausgegriffen werden." Von Studiengebühren und der umfassenden Auswahl der Studierenden durch die Universitäten sei in der Novelle nichts zu finden. Natürlich ist dem Rektor bewußt, daß hier die Kompetenz des Bundes den Aktionen des Landes Grenzen setzt.

Für Siebke haben sich die bisherigen Leitungsstrukturen bewährt. Hochschulrat, "starker Rektor" und "starker Dekan" als Elemente einer streng hierarchisch gegliederten Leitungsstruktur nach Vorbild der Wirtschaft können ihn nicht begeistern. Die Universität, befindet der Professor für Wirtschaftspolitik, sei auf Kooperation und kritische Kollegialität, deren Grenzen er wohl kenne, angelegt. Keineswegs sei die Universität ein umfassend am Markt operierendes Unternehmen, solange jedenfalls eine Universität kurz- und mittelfristig marktferne Grundlagenforschung betreibe und Bildung auch als Vermittlung von humaner Kompetenz verstehe, die nicht auf den Markt ausgerichtet ist. "Negativ formuliert: Die Universität ist keine Business School - sie kann diese als Teilelement wohl enthalten" (Siebke).

Er sehe kein Argument, das belege, warum der bisherige Verwaltungsrat nicht effizient gewesen sein soll. "Im Gegenteil betrachte ich den Verwaltungsrat nahezu als Vorbild für die Bundesrepublik." Das Gremium arbeite so effektiv, weil alle universitären Gruppen vertreten sind und es seine Entscheidungen "relativ weit entfernt von den Lobby-Einflüssen der Begünstigten" fälle. Die Universität Heidelberg könne mit ihrer jetzigen Leitungsstruktur eine lange, vorzeigbare Liste gelungener Strukturmaßnahmen präsentieren, sagt Siebke mit Blick auf das Zentrum für Molekulare Biologie, das Interdisziplinäre Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen, das Interdisziplinäre Institut für Umweltökonomie, das Biochemie-Zentrum, das beschlossene Interdisziplinäre Zentrum für Neurowissenschaften, die Selbststrukturierung der Fakultät für Biologie in drei Departments und vieles mehr. "Das alles haben wir aus uns selbst heraus geschaffen. Und wenn die Universität Heidelberg mit ihren zukunftsorientierten Umstrukturierungen nicht weiterkommt, so ist die Landespolitik der Hemmschuh - wie zum Beispiel bei der Neuordnung von Forschung und Lehre in der Pharmazie."

Der Arbeitsentwurf zur Änderung des Universitätsgesetzes aus dem Hause des Wissenschaftsministers sieht vor, daß Rektorat, Senat und Hochschulrat die Leitungsorgane der Universität werden - der bisherige Große Senat entfällt. Der Rektor soll Richtlinienkompetenz erhalten, seine Zuständigkeit wesentlich erweitert werden. "Der Hochschulrat kontrolliert die Geschäftsführung des Rektorats und steuert die Weiterentwicklung der Universität", heißt es in dem Entwurf. Während der Entwurf von elf Mitgliedern spricht, davon fünf Externen, bestehen die Landesrektoren auf sieben Sitzen für Interne, damit gewährleistet bleibt, daß jede universitäre Gruppe einen Vertreter in den Hochschulrat entsendet und die Professoren die Mehrheit der Internen stellen.

Was für den "starken Rektor" gilt, soll analog für den "starken Dekan" Realität werden. Die Novelle will den Fakultätsvorstand "für die wirtschaftliche Verwendung der für Forschung und Lehre zugewiesenen Mittel verantwortlich" machen. "Dann könnten wir unser Modellprojekt 'Dezentrale Ressourcenverantwortung' einstellen", kommentiert Rektor Siebke und erwartet eine Experimentierklausel, die es Heidelberg ermöglicht, einen anderen Weg zu gehen und die Institutsebene zu stärken.

Rückfragen bitte an:

Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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