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"Arbeit mit gewalttätigen Jugendlichen"

03.02.1999 - (idw) Technische Universität Dresden

"Von Gewalt spricht man dann, wenn jemandem gegen dessen Willen ein Verhalten oder Tun bis hin zur physischen Überwältigung aufgezwungen wird", sagte Lothar Böhnisch, Professor für Sozialpädagogik an der Technischen Universität Dresden, vergangenen Samstag (30. Januar 1999) in seinem Vortrag "Nachwachsendes Problem: Arbeit mit gewalttätigen Jugendlichen" während der Tagung "Wer lehrt unsere Kinder Gewalt?" im Dresdner Hygiene-Museum. In der Gewalt sei deshalb immer der Aspekt der Abwertung des anderen enthalten, die Abwertung anderer sei gleichsam der Vorhof der Gewalt, so Böhnisch.
Empirische Untersuchungen zu rechtsextremistischen Einstellungen, die durch eine hohe Gewaltakzeptanz gekennzeichnet sind, haben uns eindeutig vor Augen geführt, daß Gewalt für Jugendliche ein integraler Bestandteil des Alltagslebens sein kann. Alltägliche Ohnmachtserfahrungen gelten als Hintergrund für den Anschluß an rechtsextreme Szenen.
Die meist männlichen Jugendlichen möchten über den Anschluß an diese Szenen wieder etwas wert sein und versuchen, sich dieses Erlebnis über die rassistische und sexistische Abwertung anderer (Ausländer- und Frauenfeindlichkeit) zu verschaffen. Sie suchen Sicherheit und Eindeutigkeit in einer Gruppe, die ihnen diese Bedürfnisse über autoritäre Gruppenunterordnung und "Führung" vermittelt. Gewalt stellt dabei ein Medium dar, in dem man sich in Szene setzen, diffuse Situationen entscheiden, die Welt nach dem Schema Oben - Unten, Stark - Schwach wieder "in Ordnung bringen" kann.
Obwohl der Rechtsextremismus ein Extrembeispiel ist, macht uns doch hellhörig, daß seine psychosozialen Merkmale auf allgemeine Bewältigungsprobleme verweisen. Von daher ist er keineswegs als ein Sonderproblem ausgrenzbar.
Für die Zwecke der pädagogischen Diagnostik lassen sich dabei verschiedene Ebenen der subjektiv-biografischen Bedeutung von Gewalt für die Lebensbewältigung unterscheiden. Gewalt ist:
- Ein Mittel zur Selbstwertsteigerung und -demonstration, um zu zeigen, daß man da ist und an der Gesellschaft teilhaben will.
- Der Versuch, die "Eindeutigkeit" in der sozialen Orientierung in einer unübersichtlich und widersprüchlich gewordenen sozialen und kulturellen Umwelt wieder herzustellen, indem man sich situativ zum Herrn der Lage nacht bzw. die "Rangordnung" gegenüber Schwächeren demonstriert.
- Nach außen gerichtete Reaktion auf Überforderung in sozialen Beziehungen und gegenüber Problembelastungen, welche die eigene Hilflosigkeit freisetzen, die dann abgespalten und gewalttätig auf Schwächere projeziert wird.
- Strategisches Verhalten (Umwegverhalten) bei sozialer Isolation und Kontaktschwäche; man möchte mangels kommunikativer und sozialemotionaler Kompetenzen soziale Beziehungen im wahrsten Sinne des Wortes "mit Gewalt" herbeiführen und tut dies über den Umweg der gewalttätigen Annäherung und Suche nach sozialem Anschluß an abweichende Gruppierungen, wenn andere sozialintegrative Muster versagen oder nicht zugänglich sind. Die Biografisierung des Bewältigungsverhaltens schafft sich seine eigene sozialintegrative Moral (negative Integration). Die Bewältigungsbezüge erklären aber (noch) nicht die erregende Lust an der Gewalt, die man bei gewalttätigen Jugendlichen quer durch alle Schichten beobachten und spüren kann. Dies scheint nun wiederum etwas damit zu tun zu haben, wie Jugendliche sich im gesellschaftlichen Umfeld als Jugendliche fühlen. Neben dem Gefühl des Nicht-Gebraucht-Werdens ist es wohl ein Gefühl der Langeweile - als ständiges Defizit an eigener Wirksamkeit, das Jugendliche dazu treibt, sich über Gewalt in lustvolle Erregungszustände und omnipotente Narzismen zu versetzen. Solche Zustände sind zwar in der pubertären und nachpubertären Konstellation der Jugendphase angelegt, münden aber nur dort in aggressive und gewalttätige Ausdrucksformen, wo um die Jugendlichen herum alles beliebig ist, keine Tabus mehr zu brechen sind. Es ist ja angesichts der rechtsextremen Gewalttaten in den 90er Jahren immer wieder gesagt worden, daß der Holocaust das letzte von der deutschen Gesellschaft nicht bewältigte Tabu ist, das man herausfordern kann. Mit der Biografisierung der Jugendphase und der damit verbundenen Spannung von Selbstinszenierungszwang und sozialem Ausgesetztsein ist der Zustand von struktureller Langeweile und Erregung auf das eigene Selbst und seine Befindlichkeit verwiesen. Mit diesem Ansatz kann auch gewalttätiges Verhalten von Jugendlichen erklärt werden, die sonst sehr angepaßt in stark normierten und kontrollierten Milieu- und Arbeitsverhältnissen leben.

Informationen: Professor Lothar Böhnisch, Professur für Sozialpädagogik

Telefon (03 51) 4 63-29 21, Fax (03 51) 4 63-71 74
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