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Herausragendes Werk über deutsches Kleingartenwesen

11.02.1999 - (idw) Universität Hamburg

In seiner vom Fachbereich Geschichtswissenschaft der Universität Hamburg als herausragend ("opus eximium") bewerteten Dissertation "Inseln im Häusermeer" untersucht Hartwig Stein die gesamte kulturhistorische Bandbreite des deutscheen Kleingartenwesens vom ausklingenden Spät-Absolutismus bis zur einsetzenden Post-Moderne. Ausgangspunkt der jetzt als Buch vorliegenden Analyse bilden die armenpflegerisch, philantropisch, merkantilistisch und/oder wohlfahrtspolizeilich inspirierten Hilfsprojekte des Reform-Absolutismus in Gestalt von Armengärten, Gartenarbeitsschulen, Kindergärten, Rettungshäusern und den diversen Ausprägungen der damaligen Spatenkultur.

Vor dem Hintergrund der einsetzenden Industrialisierung und Urbanisierung stellt Hartwig Stein exemplarisch vier historisch-systematische Hauptströmungen dar und befragt sie im Hinblick auf ihre stilbildenden Eigenschaften. Ausführlich beschäftigt er sich mit den Unternehmergärten des Kreises Waldenburg in Oberschlesien, den Berliner Arbeitergärten vom "Roten Kreuz", den ursprünglich rein spielpädagogisch orientierten Schrebergärten Leipzigs (und ihrem vermeintlichen Namenspatron Daniel Gottlob Moritz Schreber) sowie den Groß-Berliner Laubenkolonien des hauptstädtischen Proletariats.
Hintergrund der Analyse bildet das für die Kleingartenbewegung insgesamt konstitutive Spannungsfeld von Natur und Industriekultur, "Laubenparadies" und "Mietskaserne", Frei(zeit)raum und sozialer Kontrolle, schreber-pädagogischer Provinz und alternativ-ökonomischer Nische, poltiischer Reformbewegung und privatem Glücksverlangen.
Die dergestalt entwickelte nationale Typologie wird in der Folge am Beispiel des "laubenkolonialen Normalfalls" Groß-Hamburg überprüft, in ihrem realen Beziehungsgeflecht durchsichtig gemacht und im Hinblick auf ihr Verhältnis zu Kommunalverwaltungen, konkurrierenden Interessenorganisationen und politischen Parteien ausgebreitet. Besonderes Gewicht legt die Studie dabei auf den sich schon früh herauskristallisierenden, für Hamburg charakteristischen Gegensatz zwischen den staatlich inspirierten, im Verein mit der "Patriotischen Gesellschaft" entwickelten, Regulierungsbemühungen der Stadt, die die zunächst meist "wilden" Landnahmen der Freizeitsiedler so schnell wie möglich in geordnete Bahnen zu lenken versuchte, und den parallel auftretenden, tendenziell "antiautoritären" Selbstorganisationsbestrebungen der Kolonisten.
Ausgehend von der reichsweiten Entwicklung des Koloniewesens und seines raumzeitlichen Verteilungsmusters entfaltet die Arbeit danach den kriegswirtschaftlichen "Take-off" des Kleingartenbaus im Ersten Weltkrieg und seine (vorübergehende) Reduktion auf eine alternativ-ökonomische Nische zur Abwehr der englischen "Hungerblockade". In ihrem Zusammenhang werden zugleich die Hoffnungen und Leistungen, aber auch die Fehlschläge und Enttäuschungen dieser ersten großen Autarkiewelle der deutschen Geschichte analysiert und im Hinblick auf die Selbstversorgungsschübe der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs systematisiert.
Die Betrachtung der Weltwirtschaftskrise im eng verzahnten hamburgisch-preußischen Großraum mit ihrer erneuten Umfunktionalisierung der Kolonien im Zeichen der staatlich erst geduldeten, dann geförderten Erwerbs- und Obdachlosengärten bildet den Abschluß dieser Entwicklung und zugleich den Auftakt für den sich anbahnenden Bruch der NS-Diktatur, der die Gärten einmal mehr - nun freilich gezielt und von vornherein - auf ihre fragwürdige Funktion als kriegswirtschaftliche Ersatz- und Ergänzungsräume reduzierte. Hartwig Stein ergänzt diese Reprise durch Überlegungen zur Selbst-"Gleichschaltung" der kleingärtnerischen Organisationen und ihres Führungspersonals, zur Renitenz und Resistenz einzelner Kleingärtner, ja Kleingartenvereine, die manche Kolonien zu politischen Zufluchtsorten werden ließen, bevor sie im Gefolge der alliierten Luftkriegsführung Behelfsheimstätten für Zehntausende von Ausgebombten wurden.
Der abschließende Epilog skizziert das westdeutsche Kleingartenwesen als Randerscheinung im Zeichen von Automobilisierung, Massentourismus sowie sozialem Wohnungsbau und schließt mit einem vergleichenden Ausblick auf die Ergänzung und Substitution des großstädtischen Kleingartens durch das ihm verwandte Aufkommen des stadtferne(re)n Dauercampings.

Das Buch "Inseln im Häusermeer" ist 1998 im Peter Lang Verlag, Frankfurt, erschienen, hat 758 Seiten und kostet 168 Mark.

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