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Sammelstudie: Kassel parteipolitisch

24.02.1999 - (idw) Universität Kassel

Die Entwicklung von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft und die damit verbundene Zufriedenheit mit dem Parteiensystem ist das Thema mehrerer Untersuchungen am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Gesamthochschule Kassel unter der Leitung des Politikprofessors Eike Hennig. Die Stadt Kassel ist dabei das exeplarische Objekt der Forschungen.

Kassel. Die Entwicklung von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaft und die damit verbundene Zufriedenheit mit dem Parteiensystem ist das Thema mehrerer Untersuchungen am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Gesamthochschule Kassel unter der Leitung des Politikprofessors Eike Hennig. Die Stadt Kassel ist dabei das exeplarische Objekt der Forschungen.

Die Nachkriegsmoderne mit einer gesichtslosen Innenstadt und autogerechten Planung prägen Kassel bis heute, politisch ist die Stadt eine sozialdemokratische Hochburg gewesen. Seit den 70er Jahren verblaßt der Aufbau. Strukturdefizite treten zutage, äußern sich z.B. im wachsenden städtischen Schuldenkonto und als politische Mentalität, die auf "Geld von draußen" (H. Eichel) setzt. Die letzten Jahre des sozialdemokratischen Regimes werden von einer reflexiven Moderne geprägt. Betont werden ÖPNV und Tempo-30-Zonen, Einfallstraßen werden zurück- und innerstädtische Einkaufszentren aufgebaut. Für die SPD bedeutet dies den Spagat zwischen neuen und alten Wählern, eine Quadratur des Kreises.
Anfang der 90er Jahre gerät die Stadt Kassel plötzlich in den Mittelpunkt bundesweiten Interesses. Ausschlaggebend hierfür war das Kommunalwahlergebnis vom 7. März 1993. Die SPD verliert 20 Prozent ihrer Stimmen (bzw. 45 Prozent ihrer Wähler von 1989) und nimmt erstmals seit dem zweiten Weltkrieg als zweitstärkste Partei in der Stadtverordnetenversammlung auf den Oppositionsbänken Platz. Hiermit und mit der Wahl des CDU-Oberbürgermeisters endet das sozialdemokratische Stadtregime. Aber nur 1993 profitiert die CDU. Keine Partei kann die SPD beerben, sondern die Nichtwähler werden zur stärksten Gruppe. Die 1997 gebildete rot-grüne Koalition will die Entwicklung umkehren, sie will Kassel (unter dem bis 1999 gewählten christdemokratischen Oberbürgermeister) "an die Spitze des Modernisierungsprozesses" führen.

Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich seit 1993 mehrere Forschungsgruppen an der Universität Kassel unter Leitung des Politikprofessors Eike Hennig mit der (partei-)politischen Lage der Stadt. Die Ergebnisse dieser Studien wurden jetzt in einem Sammelband zusammengefaßt.

Die Beiträge im Einzelnen:
Zu Beginn erläutert Eike Hennig die allgemeine politische, soziale sowie ökonomische Entwicklung Kassels. Er stellt dar, in welchen Bereichen die Beschäftigungverhältnisse Modernisierungen erfahren haben und wie sich diese Modernisierungen sowohl im sozialen als auch politischem Gefüge der Stadt niederschlugen - und dort bis heute wirken. Als Ergebnis wird eine Dreiteilung des städtischen Raumes präsentiert ("Oben", "Mitte", "Unten"), die soziale, politische, ethnische und ökonomische Brüche der Stadt sichtbar werden läßt. Die Hintergründe des "Absturzes" der SPD 1993 werden vor dem Hintergrund dieser Dreiteilung verdeutlicht.

Zusammen mit Bernd Völker unterzieht Eike Hennig die 1997er Wahl einer gesonderten Analyse.

Martin Eidmann bezieht die geschilderten Rahmenbedingungen theoretisch auf ein Mikromodell der individuellen Wahlentscheidung, das sich als "aufgeklärter" rational-choice-Ansatz mit dem Wahlakt als Vergabe (politischen) Vertrauensvorschußes beschäftigt, der bei Enttäuschungen zunächst zur Protest- und schließlich zur Nichtwahl führen kann.

Den Fragen von Vertrauen, Zufriedenheit und Wohlbefinden der Kasseler in und mit ihrer Stadt gehen Bernd und Marion Völker nach. Ihr Beitrag zeigt politische Vertrauensverluste und Zufriedenheitsdefizite anhand von Umfragedaten aus den für Kassel parteipolitisch sehr sensiblen Jahren 1993 bis 1994 auf.

Mit dem Beitrag von Heiko Homburg über die Kasseler CDU wendet sich die Untersuchung den Kasseler Parteien zu. Homburg zeichnet die Geschichte der Kasseler Union, des ältesten hessischen CDU-Stadtverbandes, nach. Untersucht werden dabei die Entwicklungen der Mitgliedschaft, deren Verankerung in den Sozialräumen und die Fragestellung, welche Bedeutung das "C" für die Partei noch hat.
Der folgende Beitrag von Wolfgang Gerstlberger über die Kasseler SPD ist vergleichend zur Untersuchung von Heiko Homburg angelegt. Wo bei Homburg die Bezüge der CDU zur Religiosität hergestellt werden, steht bei Gerstlberger die historische Anbindung der SPD an die Arbeiterschaft im Vordergrund.

Mit der dritten politischen Kraft Kassels, den Grünen, beschäftigt sich Ralf Baron. Neben der Geschichte der Partei in Kassel wird vor allem die Sozialstruktur der Mitglieder der Kasseler Grünen vermittels der Ergebnisse einer Mitgliederbefragung vorgestellt.

Die Problem politischer Unzufriedenheiten wird am Schluß des Bandes von Robert Loh-de-Reiff nochmals aufgegriffen. Unter der Fragestellung, welche Formen der Verarbeitung politischer Unzufriedenheit zu welchen Entscheidungen am Wahltag gerinnen, werden insbesonder grüne Wähler, Mitglieder und Sympathisanten anhand der Kasse-ler Zufriedenheitsstudie, der Kasseler Mitglieder- und Sympathisantenbefragung bei den Grünen und einer ipos-Studie verglichen. p./jb.

Eike Hennig / Heiko Homburg / Robert Lohde-Reiff (Hrsg.) 1998: Politische Kultur in städtischen Räumen. Parteien auf der Suche nach Wählern und Vertrauen. Eine Studie am Beispiel der Stadt Kassel, Opladen: Westdeutscher Verlag (280 Seiten, 68.- DM)

Mit Vorworten von Georg Lewandowski (Oberbürgermeister der Stadt Kassel - CDU) und von Wolfram Bremeier (ehemaliger Oberbürgermeister der Stadt Kassel - SPD)

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