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Otto-von-Freising-Fachtagung: Perspektiven für den Sozialstaat

25.02.1999 - (idw) Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt

Von 24. bis 26. Februar findet an der Katholischen Universität Eichstätt die Otto-von-Freising-Fachtagung statt. Die vom Lehrstuhl für Soziologie II organisierte Tagung soll die Situation des Sozialstaates und seine Entwicklungsperspektiven wissenschaftlich fundiert hinterfragen. "Damit wollen wir der in der Öffentlichkeit teilweise emotionalisierten Debatte um brennende Themen wie Arbeitslosigkeit, Alterssicherung, Armut oder Mißbrauch staatlicher Leistungen entgegenwirken", erläutert Prof. Siegfried Lamnek das Ziel der Fachtagung. Gleichzeitig wollen die Experten Reformvorschläge für den Sozialstaat entwickeln bzw. diskutieren.

Bei Wissenschaftlern und Praktikern stoßen diese Zielsetzungen auf breite Zustimmung. Allein die Tatsache, daß 30 Experten aus dem deutschsprachigen Raum ihr Kommen nach Eichstätt zugesagt hatten, bestätigt den dringenden Wunsch, die politisierte und teilweise instrumentalisierte Debatte um den Sozialstaat neutral und aus größerer Distanz zu führen. Gleichwohl vertreten natürlich die Referenten der Tagung ein breites Spektrum von moderaten Sozialstaatsreformern bis hin zu Neoliberalisten. Dennoch dürften einige auf der Tagung vorgestellten Studien und Reformvorschläge mit manchem Vorurteil oder vermeintlich schnellen Lösungen der öffentlichen Debatte aufräumen.

So kommt beispielsweise der Passauer Soziologe Stefan Immerfall zu dem Ergebnis, daß weder die ökonomische Globalisierung noch der gesellschaftliche Wertewandel derzeit ein ernsthaftes Problem für den Sozialstaat seien. "Seine Stand- und Wetterfestigkeit ist größer als die Kritiker und Befürworter des Sozialstaats annehmen", faßt Immerfall ein Ergebnis seiner wissenschaftlichen Untersuchungen zusammen. Er sieht die besondere Chance, soziale Sicherheit als wettbewerbsstärkenden Beitrag in den enger werdenden internationalen Verflechtungen zu begreifen.

Auch Heinz Lampert, Wissenschaftlicher Beirat im Familienministerium, hält es für möglich "die sozialstaatliche Kernsubstanz der Bundesrepublik zu erhalten". In seinem in Eichstätt skizzierten Reformkonzept fordert er unter anderem die Entlastung der Sozialversicherungssysteme von der Finanzierung allgemeinpolitischer Aufgaben und "den Abbau der Überlast der Bundesrepu-blik in der EU". Außerdem schlägt Lampert einen europäischen Verhaltenskodex "zur Vermeidung eines ruinösen Standort-, Subventions- und Steuerwettbewerbs" vor, sowie "eine weltwirtschaftliche Rahmenordnung für internationale Kapitalbewegungen und gegen einen menschenrechtsverletzenden Wettbewerb". National fordert Lampert eine zurückhaltende Lohnpolitik und eine Verringerung der Lasten durch Sozialabgaben und Steuern.

Gerd Vonderach, Soziologe an der Oldenburger Universität, konzentriert sich besonders auf die Rentenversicherung, die nicht allein durch die Globalisierung unter Reformbedarf stehe, sondern gleichzeitig durch den Wandel der Arbeitsgesellschaft, die demographische Entwicklung und durch neue Lebensformen vieler Bürger. Dabei fordert er Reformansätze, die mindestens die Existenzsicherung im Alter, den Ausgleich für die Kindererziehung sowie für andere gesellschaftlich nützliche Tätigkeiten unabhängig von einem Arbeitsverhältnis gewährleisten.


Hintergrund:

Der Lehrstuhl für Soziologie II an der Katholischen Universität Eichstätt beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit sozialen Problemen und abweichendem Verhalten. Seit 1997 läuft in Verbindung mit der Volkswagen-Stiftung das Forschungsprojekt "Informelle Ökonomie und Leistungsmißbrauch im Sozialstaat - die Kriminalität der Braven?" Außerdem wurden mehrere Untersuchungen zu Arbeitslosigkeit und deren sozialen Folgen durchgeführt, wie auch eine Otto-von-Freising Fachtagung zum Thema "Jugend und Gewalt".
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