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Leben mit einem fremden Herz

01.03.1999 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Ernährungs- und Sozialverhalten herztransplantierter Personen an der Uni Bonn untersucht


"Ich freue mich jeden Tag über das neu gewonnene Leben. Ich denke oft an den Herzspender und bin ihm dankbar." Diese Anmerkung eines Patienten macht deutlich, wie schwerwiegend eine Herztransplantation auch heute noch ist.
Obwohl die Operation ein viertel Jahrhundert nach ihrem ersten Einsatz fast schon Routine ist, bedeutet sie für die Patienten ein Leben mit Medikamenten, vor allem Immunsupressiva, die verhindern sollen, daß das fremde Organ vom eigenen Körper abgestoßen wird. Neben die tägliche Dosis Pillen treten oft auch gravierende Einschnitte in lieb-, aber gefährlich gewordene Angewohnheiten wie Essen oder der Konsum von Genußmitteln. Zu diesem Themenkomplex wurde die sozial-empirische Feldstudie "Ernährungs- und Sozialverhalten herztransplantierter Personen in privater Umgebung" von Reinhild Tenderich als Diplomarbeit an der Landwirtschaftlichen Fakultät angenommen.

In der Öffentlichkeit ist bislang noch nicht genügend bekannt, wie viele Fälle dieser Art es mittlerweile in unserer Gesellschaft gibt, und noch weniger Zeitgenossen können sich in die Lage einer herztransplantierten Person hineinversetzen. Andererseits: kommt dieses Thema im Gespräch auf, so ergeben sich Fragen über Fragen; solche nach der neuen Identität und dem neuen Selbstverständnis, dem neuen "Körpergefühl", den Empfindungen gegenüber dem Spender, oder, ganz pragmatisch, wie der Alltag in der Zeit nach dem Eingriff eingerichtet wird.

Somit ist es verdienstvoll, daß das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein- Westfalen in Bad Oeynhausen der Kandidatin vom Institut für Agrarpolitik, Marktforschung und Wirtschaftssoziologie die notwendigen Daten zur Verfügung stellte. Von den 901 Personen, denen am Zentrum ein neues Herz eingepflanzt wurde, lebten zum Zeitpunkt der Befragung noch 623, davon 506 männliche
(83,4 %) und 101 weibliche (16,6%) erwachsene Patienten. Der ihnen zugesandte Fragebogen umfaßte 38 Fragen zu drei Teilbereichen: 1. Ernährungsverhalten und -gewohnheiten, insbesondere eventuelle Veränderungen in Verhalten und Gewohnheiten seit der Transplantation, 2. Lebenssituation und Lebensqualität als auch 3. soziodemographische Angaben. Der Autorin standen 384 Fragebögen zur statistischen Auswertung zur Verfügung.

Die Ergebnisse der Studie bestätigen die Annahme, daß Menschen mit einem fremden Herzen in ihrer Brust sich viel gesünder ernähren als vor dem chirurgischen Eingriff. Sie verzichten auf Fleisch und Fett und bevorzugen Obst und Gemüse. Die ehemaligen Patienten sind sich über die Gefährlichkeit des Kochsalz- und Cholesteringehalts in Lebensmitteln eher bewußt als der Durchschnittmensch in der Bundesrepublik Deutschland. Sie achten auf ihr Körpergewicht und verzichten meistens auf Alkohol, Tabak oder Lebensmittel, von denen ihnen aus gesundheitlichen Gründen abgeraten wird.
Deutlich wird dieser Wandel auch durch das hohe Maß an Unterstützung, das diesen Menschen durch Partner, Familienangehörige und Freunde zuteil wird. Sie unterstützen und motivieren die Transplantierten insoweit, daß sie sogar ihre eigenen Gewohnheiten ändern und sich gesünder ernähren als zuvor. Nicht zu unterschätzen ist ihre Mitwirkung bei der Bewältigung alltäglicher Probleme, die den Patienten erhebliche Schwierigkeiten bereiten können, da sie trotz eines neuen Organs sich erheblich schonen müssen. Wichtig für das soziale Wohlbefinden sind Selbsthilfegruppen, in denen die Herztransplantierten offen über ihre Probleme sprechen können und psychologisch betreut werden.

Für Reinhild Tenderich steht als Studienergebnis fest, daß die Lebenssituation herztransplantierter Personen durchaus als positiv eingestuft werden kann.

Weitere Informationen bei Prof. Dr. Thomas Kutsch, Institut für Agrarpolitik, Marktforschung und Wirtschaftssoziologie, Nußallee 21, 53115 Bonn, Tel.: 0228/73 3546, Fax: 0228/73 3547, e-mail: kutsch@agp.uni-bonn.de

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