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Journalisten im Labor

04.05.1999 - (idw) Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie

Am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen fand letzte Woche eine Veranstaltung besonderer Art statt: 13 Journalisten aus 12 europäischen Ländern, von Italien bis Finnland, von Portugal bis Russland, haben eine Woche lang im Labor gearbeitet, um die Forschung, über die sie berichten, auch in der Praxis kennenzulernen. Die von EICOS, einer "Europäischen Initiative für Vermittler von Wissenschaft", durchgeführte Veranstaltung sollte Journalistinnen und Journalisten Insider-Wissen über moderne biochemische und genetische Forschungsbereiche vermitteln und es ihnen ermöglichen, den Alltag wissenschaftlicher Arbeit kennenzulernen.

Dem Studentenalter waren sie eigentlich schon alle entwachsen, die dort mit Pipetten hantierten - und für die Universität des 3. Lebensabschnitts waren sie noch zu jung. Dreizehn Teilnehmer, darunter 4 Frauen, haben eine Woche lang am MPI Proteine lokalisiert und Gene manipuliert - eine ungewöhnliche Tätigkeit für Menschen, die sonst in ihrem Beruf Artikel schreiben, Interviews führen oder Filmberichte kommentieren. Dennoch war den meisten ihr neues Arbeitsgebiet nicht völlig fremd. In ihrem Heimatland, manchmal auch überregional, haben einige von ihnen regelmäßig über Wissenschaft berichtet, Zeitungsartikel geschrieben oder Wissenschaftsendungen für Fernsehen oder Radio produziert. Nun hatten sie Gelegenheit, diese Arbeiten einmal selbst im Labor durchzuführen und die Freude zu erleben, die Wissenschaftler empfinden, wenn ein geplantes Experiment geglückt ist.

Zwei Abteilungen am Max-Planck-Institut, die Abteilung Neurobiologie unter Prof. Reinhard Jahn und die Abteilung Molekulare Entwicklungsbiologie unter Prof. Herbert Jäckle, waren die Gastgeber dieser Veranstaltung. In Gruppen zu dritt oder viert wurden die Journalistinnen und Journalisten in diesen beiden Abteilungen betreut, zusammen mit Tutorengruppen haben sie dort eine Woche lang an den Projekten mitgeforscht, die in diesen Arbeitsgruppen durchgeführt werden. Die praktische Arbeit wurde abends durch Übersichtsvorträge ergänzt, in denen die Hintergründe der Experimente und die gesamte Forschungsrichtung der beiden Abteilungen erläutert wurden. Auch die Genforschung an sich stand zur Diskussion: Neben einem Besuch bei der Kleinwanzlebener Saatzucht AG in Einbeck, wo mit verschiedenen biotechnischen Methoden an einer Verbesserung des Saatguts gearbeitet wird, stellte Prof. Peter Gruss transgene Techniken vor und die zukünftigen Möglichkeiten, die sie für die Behandlung von Krankheiten bieten. Ansonsten hieß es 6 Tage lang: pipettieren, Proteine charakterisieren, "Banden" bestimmen oder Larven der Fruchtfliege nach körperlichen Veränderungen zu untersuchen. Auch andere moderne Techniken wurden anschaulich demonstriert, z.B. wie man die Bestandteile einer Zelle im Elektronenmikroskop darstellt oder die Substanzen sichtbar macht, die von Zellen freigesetzt werden. Wer wollte, konnte die Laborarbeit um eine Woche verlängern und einen Laborbesuch an einem anderen europäischen Institut anhängen. Für einige Journalistinnen und Journalisten war das aber von vorneherein zeitlich ausgeschlossen, da sie nicht so lange ihrem eigentlichen Beruf fernbleiben konnten. Nach genau 8 Tagen, am 1. Mai, sind sie an ihre "Wirkungsstätten" zurückgefahren, angefüllt mit neuen Erfahrungen und im wahrsten Sinne des Wortes "begriffenen" Eindrücken über moderne biologische Forschung und die wissenschaftliche Arbeit im Labor. Auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Journalisten eine Woche lang intensiv betreut hatten, haben in dieser Zeit viel gelernt: Wie man Wissenschaft anschaulich vermittelt, was die Medien überhaupt interessiert, und unter welchem Zeitdruck viele der Journalisten arbeiten müssen.

Veranstaltungen dieser Art sind die wichtigste Aktivität von EICOS, einer 1992 gegründeten Initiative, deren Ziel es ist, Wissenschaft der breiten Öffentlichkeit transparenter zu machen. "Hands on"-Laborkurse für Journalisten, wie dieser jetzt in Göttingen, werden seit 7 Jahren von EICOS organisiert und finanziert. Gastgeber für dieses Programm waren bisher die Max-Planck-Institute in Martinsried in München. Seit diesem Jahr werden die Kurse am MPI für biophysikalische Chemie in Göttingen durchgeführt. Wissenschaftsvermittler aus ganz Europa können daran teilnehmen, und trotz des Zeitdrucks, unter dem Journalisten immer stehen, ist die Nachfrage sehr groß. "Etwa 50 Bewerbungen hatten wir diesmal", erläutert Dr. Kuhnt, der zusammen mit Prof. Jahn und Dr. Mieskes den Ablauf der Tagung organiserte, "leider konnten wir nur wenigen von ihnen einen Laborplatz anbieten." Bei der Auswahl der Teilnehmer hat man sich darum bemüht, verschiedene Länder zu berücksichtigen und alle Medienbereiche zu repräsentieren. Schließlich ist nicht nur der Austausch mit den Wissenschaftlern im Labor, sondern auch der mit Kolleginnen und Kollegen Ziel von EICOS. Die nächste solche Veranstaltung wird im Früjahr 2000 stattfinden, wiederum in Göttingen.

Kontakt und weitere Informationen: Dr. Ulrich Kuhnt, Abt. Neurobiologie, MPI biophysikcalische Chemie, 37070 Göttingen, Tel: 0551 201 1636, eMail: ukuhnt@gwdg.de

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