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Multinationale Unternehmen und nationale Innovationssyste-me: Konflikte oder Komplementarität

06.05.1999 - (idw) HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung Hamburg

Multinationale Unternehmen und nationale Innovationssyste-me: Konflikte oder Komplementarität

Zwei Positionen bestimmen die dynamische und sehr spannungsreiche Bezie-hung zwischen multinationalen Unternehmen und nationalen wirtschafts- und industriepolitischen Strategien, sagte Prof. Dr. Alexander Gerybadze von der Forschungsstelle Internationales Management und Innovation der Universität Hohenheim in seinem Vortrag im Rahmen der 6. Konferenz des HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung aus Anlaß des Hamburger Hafengeburtsta-ges.

Die Position "Global Total" gehe von einer weitestgehenden Globalisierung aller wirtschaftlichen Aktivitäten aus. Multinationale Unternehmen verlören ihre Anbindung an ein Stammland und optimierten nach rein betriebswirt-schaftlichem Kalkül über viele alternative Länderstandorte hinweg. Standorte seien mehr oder weniger austauschbar und nationale Unterschiede würden nivelliert. Das Verhältnis zwischen multinationalen Unternehmen und natio-naler Politik sei entweder antagonistischer Natur oder Unternehmen küm-merten sich schlichtweg nicht mehr um die Anliegen nationaler Regierungen.

Eine Gegenposition gehe eher von eine Renaissance von Standorten, Regio-nen bzw. Nationalstaaten aus. Kompetenzen und organisatorische Fähigkei-ten zur Durchsetzung von Innovationen seien an wenigen Standorten kon-zentriert. Multinationale Unternehmen seien mit ihrem Stammsitz zumeist einem Nationalstaat verbunden und konzentrierten hier wesentliche Wert-schöpfungsstufen und Führungsaufgaben. Sie suchten daneben gezielt Stand-orte auf, die für sie Vorteile für die Durchführung wichtiger Kernaufgaben offerierten. Wenige Spitzenzentren profilierten sich als Standorte und inter-regionale Disparitäten nähmen tendenziell eher zu. Das Verhältnis zwischen multinationalen Unternehmen und nationaler Politik in den hochentwickelten Ländern sei eher auf Kooperation angelegt; beide Seiten könnten sich durch Zusammenarbeit latent besserstellen.

Was macht die Stärken einzelner Regionen und Nationalstaaten aus? Zum einen zählt hierzu der Entwicklungsstand des nationalen Innovationssystems, d.h. die Strukturen und Prozesse der Forschung, Innovation und der nationa-len Technologiepolitik. Parallel dazu sei aber, nach Erkenntnissen des Wis-senschaftlers, auch das Konzept nationaler Systeme der Bedarfsartikulierung bedeutsam. Während das nationale Innovationssystem zu einseitig die ange-botsseitigen Faktoren betone und die Strukturen und Prozesse des For-schungs- und Ausbildungssystems thematisiere, werde beim Konzept nationa-ler Bedarfsartikulierung danach gefragt, an welchen Standorten Märkte und Kundenpräferenzen so hoch entwickelt seien, daß dies besonders hohe An-reize für multinationale Unternehmen schaffe, dort wesentliche Innovations-aktivitäten zu konzentrieren.

Technologisch vorauseilende Firmen bzw. Länder übernehmen eine Spitzen-position in der Forschung und beim Angebot neuer Produkte. Demgegenüber werde die Strategie der Bedarfsführerschaft von Firmen bzw. Ländern ver-folgt, in denen Bedarf für neue technisch-organisatorische Lösungen am klarsten akzentuiert und in besonders effizienter Weise in neue Produktions-konzepte und -designs übertragen würden.

Die empirischen Untersuchungen der Forschungsstelle Internationales Mana-gement und Innovation zu internationalen F&E-Strategien und Standortent-scheidungen in 40 multinationalen Unternehmen zeigten, daß Firmen be-stimmte Kernleistungen immer stärker an ganz wenigen Zentren der Welt konzentrierten. Auf ausgewählten, strategischen Feldern werden weltweit verantwortliche Kompetenzzentren eingerichtet. Für die Standortentschei-dung zähle die effektive Verbindung von F&E, Produktion und Marketing und auch die innovationsgerechte Regulierung. Multinationale Unternehmen konzentrierten ihre Kompetenzzentren also dort, wo Forschungskompetenz im engen räumlichen Verbund mit Anwendungs- und Umsetzungskompetenz verknüpft und wechselseitig verstärkt werden könne.

Auch Nationalstaaten könnten die Strategie der Technologieführernschaft oder die der Bedarfsführerschaft verfolgen. Die Strategie der Technologie-führerschaft setze hohe Investitionen in das nationale Forschungs-, Ausbil-dungs- und Transfersystem voraus. Sie werde dann erfolgreich umgesetzt, wenn ein Land auf einem bestimmten Gebiet über ein hochentwickeltes und effektives nationales Innovationssystem verfüge. Die Strategie der Bedarfs-führerschaft setze demgegenüber stärker auf den Sogeffekt hochentwickelter nationaler Märkte und Bedarfsprofile. Ein Land könne sich als weltweit füh-render Explorationsmarkt für hochdifferenzierte Güter, Dienstleistungen und komplexe Systeme profilieren.

Die Forschungs-, Technologie- und Industriepolitik sei in den meisten Staa-ten noch zu sehr am Konzept nationaler Innovationssysteme ausgerichtet, sagte der Hohenheimer Wirtschaftswissenschaftler weiter. Mindestens eben-so wichtig sei es jedoch, landesspezifische Bedarfsmuster zu erfassen und einer Politik zur Durchsetzung zu verhelfen, die stärker auf hochentwickelte nationale Systeme der Bedarfsartikulierung setze.

Obwohl die Innovationspolitik auch in Deutschland eher forschungslastig und angebotsorientiert sei, gebe es auch hierzulande Felder, in denen von funk-tionierenden und effektiven Lead-Märkten gesprochen werden kann. Beispie-le hierfür seien etwa:
· der High-end-Automobilbau und der entsprechende Zuliefersektor;
· die Fertigungstechnik, Materialbearbeitung und Automatisierungstechnik;
· Verkehrssysteme einschließlich öffentlicher Transport und Verkehrsver-bünde;
· Printmedien, Druckmaschinen einschließlich vor- und nachgelagerter Pro-zeßstufen;

· ausgewählte Bereiche der Materialtechnik, -bearbeitung und -anwendung (z.B. polymere Werkstoffe und Kunststoffverarbeitung)
· die Medizin- und Implantatetechnik ebenso wie
· die Energie- und Umwelttechnik

Besonders bedeutsam seien gerade in diesen Feldern die auf nationaler Ebene gewachsenen Innovationsbeziehungen zwischen Endkunden, Behörden, Handel, Herstellerfirmen, Zulieferer und Forschungsinstituten. In einzelnen Regionen in Deutschland würden hier funktionierende Verbünde und Kom-petenzcluster aufgebaut, die dazu führten, daß Bedarfe hier z.T. viel früher artikuliert würden als anderswo.

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