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Standortwettbewerb und tarifpolitische Dezentralisierung

07.05.1999 - (idw) HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung Hamburg

Standortwettbewerb und tarifpolitische Dezentralisierung

Von der zunehmenden weltwirtschaftlichen Integration und dem beschleunigten technischen Fortschritt ist eine Intensivierung des Standortwettbewerbs zu erwarten. Hiervon gehen starke Anpassungserfordernisse in Richtung auf eine stärkere tarifpolitische Dezentralisierung und Differenzierung in den Beschäftigungsbedingungen aus. Wenn es nicht gelingt, Formen und Inhalte der Arbeitsbeziehungen den neuen Bedingungen anzupassen, könnten sich die zu erwartenden Veränderungen zerstörerisch auswirken und den Übergang auf marktnähere Regime betrieblicher Lohnfindung erzwingen. Diese Position vertrat Prof. Dr. Hans-Jürgen Rösner von der Universität Köln in seinem Vortrag während der jährlich stattfindenden Wissenschaftstagung des HWWA-Instituts anläßlich des Hamburger Hafengeburtstages, die in diesem Jahr unter dem Dachthema "Internationale Unternehmenstrategien und nationale Standortpolitik" steht.

Es seien vor allem zwei treibende Faktoren, die zur fortschreitenden Erosion branchenzentrierter Verhandlungen beitrügen: Der erste Faktor bestehe in der von unterschiedlicher Faktormobilität verursachten zeitlich, regional und qualitativ asymmetrischen Anpassungssituation zwischen Arbeit und Kapital, die vermutlich zu einer wachsenden Dominanz der Kapitalverwertungsinteressen von Kapitaleignern gegenüber den Beschäftigungsinteressen der Arbeitnehmer führen werde. Der zweite Faktor scheine dem ersten zunächst entgegenzuwirken, indem nämlich nicht nur für das Sachkapital, sondern auch für Humankapital die durch Investition erzielbaren Renditen (allerdings ebenso die Abschreibungsraten) stark zunehmen werden. Der zunehmende Abstand in den Einkommenserwartungen zwischen Universitätsabsolventen und weniger Qualifizierten in den USA sei bereits ein deutlicher Indikator der auf diese Weise erzielbaren Knappheitsrenditen.

Auf der Verliererseite fänden sich zum einen diejenigen, die nicht mehr über genügend qualifikatorisches Anpassungspotential verfügten und deshalb immer früher zum beruflichen Ausscheiden gezwungen würden, zum anderen die wachsende Anzahl derjenigen, deren geringere Qualifikationen weltweit in genügendem Umfang abrufbar disponibel seien und die deshalb aufgrund ihrer Auswechselbarkeit das Reservekontingent der Beschäftigungsnachfrage bildeten, das nur zu zweitklassigen Bedingungen Einstellung finde.

Die daraus resultierende zunehmende Dualisierung der Erwerbschancen zwischen Arbeitnehmergruppen könnte für die bisherige Form der Arbeitsbeziehungen gravierende Auswirkungen haben: Die Beschäftigten mit wichtigen unternehmensspezifischen Qualifikationen sind für das Unternehmen viel zu wertvoll, als daß sie die Durchsetzung ihrer Interessen Branchentarifverhandlungen anvertrauen müßten. Zudem würden die Arbeitgeber mehr und mehr bestrebt sein, diese Beschäftigtengruppen durch gewinnorientierte Entgeltbestandteile an den Betriebserfolg zu binden, was für sich schon betriebliche Lohnfindungsprozesse voraussetzen würde. Gewerkschaftlicher Organisationsgrad und Streikbereitschaft dürften dadurch zumindest tendenziell abnehmen.

Nicht alle tarifpolitisch relevanten Beschäftigungsbereiche sind in gleicher Weise vom Standortwettbewerb betroffen, betonte der Kölner Wissenschaftler. So werde neben vielen anderen regional gebundenen Dienstleistungen, insbesondere die Interessenvertretung der im öffentlichen Dienst Beschäftigten eine Domäne der Gewerkschaften bleiben. Aber auch viele kleine und mittlere Unternehmen würden nicht so ohne weiteres auf andere Produktionsstandorte ausweichen können. Es wäre deshalb verfrüht, ein Ende von Branchentarifverträgen voraussagen zu wollen.

Neben der Möglichkeit, im internationalen Rahmen etwa der IAO oder der WTO Arbeits- und Sozialstandards verbindlich zu vereinbaren, böte es sich an, innerhalb der Europäischen Gemeinschaft grenzübergreifende Arbeitsbeziehungssysteme zu institutionalisieren. Diese an sich verlockende Aussicht auf "europaweite Tarifverträge" sei von den deutschen Gewerkschaften, hier insbesondere der IG Metall, frühzeitig erkannt und im Rahmen der Möglichkeiten des "Sozialen Dialogs" mit den Arbeitgeberverbänden verfolgt worden, - allerdings bislang mit eher gemischtem Ergebnis. Es gäbe eine ganze Reihe von Gründen, die auch zukünftig gegen eine größere Bedeutung supranationaler Vereinbarungen sprächen: erstens seien die nationalen Gewerkschaftsbewegungen in einem jeweils sehr landesspezifischen historischen Kontext entstanden und wiesen entsprechend beträchtliche Unterschiede auf, die sie deshalb zurückschrecken ließen, tarifpolitische Handlungskompetenzen an europazentrierte Institutionen zu delegieren. Zudem wiesen die meisten Gewerkschaftsführenden eben aufgrund dieses historischen Kontext auch eine starke nationale Bindung auf, die das Zustandekommen grenzübergreifender Solidarität behindere, wenn heimische Arbeitsplätze und Produktionsstandorte auf dem Spiel stünden.

Hamburg, 7.05.99 Telefon 040 428 34 354

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