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Stellenabbau zwingt zu Einschnitten in das Profil der Universität Dortmund

07.05.1999 - (idw) Universität Dortmund

In den ersten Gesprächen der vom Rektor der Universität Dortmund eingesetzten Strukturkommission darf keine Idee für eine "neue Universität Dortmund" tabu sein. Das erklärt Rektor Prof. Dr. Dr. h.c. Albert Klein in der neuen Ausgabe der Dortmunder Hochschulzeitung "unizet". Damit sind umfassende Beratungen über das künftige Profil der Universität am Ostrand des Ruhrgebietes eröffnet. Die Universität muß im Rahmen des von Wissenschaftsministerin Gabriele Behler sogenannten "Qualitätspaktes" in den kommenden Jahren einen erheblichen Abbau von Arbeitsplätzen (gefordert sind vom Ministerium 166 Stellen) bewältigen.

Der Rektor wirbt in seiner monatlichen Kolumne in "unizet" um Verständnis bei den Hochschulangehörigen, daß die Strukturkommission zunächst vertraulich beraten müsse: "Wir wissen, daß unweigerlich entstehende Gerüchte Gift für den Erneuerungsprozeß sind, dem wir entgegen gehen. Daher wird die Kommission so rasch wie möglich in offene Gespräche mit den Gruppen und den Fachbereichen gehen."

Das Rektorat der Universität Dortmund hatte in der vergangenen Woche am 28. April erklärt, daß sich die Universität an dem von der Ministerin praktisch ohne Alternative angebotenen "Qualitätspakt" beteiligen werde, der einerseits einen massiven Stellenabbau vorsieht, andererseits aber die Hochschulen finanzielle Entlastungen und mehr Planungssicherheit in Aussicht stellt. Das Rektorat der Universität Dortmund erwartet nun, daß die Landesregierung - selbst nach einem möglichen Regierungswechsel im Jahr 2000 - zu den Zusagen der Ministerin Behler steht.

In seinem Begleitschreiben zum Rektoratsbeschluß vom 28.4.1999 hat Rektor Klein am 29.4.1999 gegenüber Ministerin Gabriele Behler noch einmal die grundlegenden Einwände der Universität Dortmund gegen das Verfahren dargelegt. Nachfolgend die wichtigsten Abschnitte des Schreibens.
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Auszug aus dem Schreiben
von Rektor Prof. Dr. Albert Klein
an Ministerin Gabriele Behler
vom 29.4.1999
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· Ihrer Berechnung der Drittmittelausgaben legen Sie einen Mittelwert der Jahre 1993 bis 1997 zugrunde. Perspektiven und Tendenzen in diesem Zeitraum bilden diese Daten nicht ab; der Blick richtet sich in die Vergangenheit, wo doch die Zu-kunft gestaltet werden soll. Die Drittmittelausgaben für Forschungszwecke sind an der Universität Dortmund in den Haushaltsjahren 1997 und 1998 jeweils um rund 3 Millionen DM gegenüber dem Vorjahr gesteigert worden.
Allein drei neue Son-derforschungsbereiche und eine DFG-Forschergruppe ha-ben in diesem Zeitraum hier ihre Arbeit aufgenommen. In ihnen bildet sich das zukünftige Forschungspo-tential ab. Dies sollte Ihre Überlegungen, so argumen-tieren wir, eher bestimmen als vergangene Erfolge. Ihr Berechnungsmodell, des-sen Einfachheit Sie in der Öffentlichkeit aus seiner Transparenz begründet ha-ben, scheitert an der hohen Komplexität seines Betrachtungsgegenstands.

· Aus ihrer Gründungsgeschichte heraus hat die Universität Dortmund sich stets als Motor des Strukturwandels im östlichen Ruhrgebiet begriffen. Sie hat diese Auf-gabe in den zurückliegenden Jahren mit Energie und Kreativität bewältigt. Nach vorsichtiger Schätzung sind allein im Technologie-Park Dortmund über 6.500 neue Arbeitsplätze entstanden, die ohne Know-how und Ausbildungsleistung der Universität hier nicht geschaffen worden wären. Aus technologie- wie auch be-schäftigungspolitischer Sicht muss dieser besonderen Leistung der Universität Dortmund Rechnung getragen werden (auch für die Fachhochschulen hat der po-litische Wille einen Sonderweg gefunden!).

· Besonderes Merkmal der Universität Dortmund ist ihre "innovative Peripherie" von externen Forschungseinrichtungen, die mit Einsatz erheblicher Landesmittel ge-gründet und zum Teil von Wissenschaftlern der Universität Dortmund geführt werden. Durch diese Ausgründungen sind strukturrelevante Arbeitsplätze ent-standen, zugleich aber auch Drittmittel aus der Hochschule verlagert worden. Zwar ist die Höhe der abgewanderten Mittel in die mehr als 20 Unternehmungen, an denen unsere Professorinnen und Professoren beteiligt sind, nicht exakt zu bestimmen. Die Entwicklung der in der Universität verbuchten Drittmittel dieser Hochschullehrer gibt uns jedoch eine Orientierung: So betragen etwa die veraus-gabten Drittmittel von Professor Dr. Handschin 1998 nur noch gut 40 Prozent der Ausgaben von 1994 (von 892.000 DM auf 364.000 DM) - im selben Zeitraum also, als er entscheidend am Aufbau des "Zentrum für Beratungssysteme in der Technik" (ZEDO) mitgewirkt hat. Bei Professor Dr. Weinspach gehen die veraus-gabten Drittmittel sogar auf 1/5 zurück (von 2,2 Millionen auf 433.000 DM), wäh-rend er im Fraunhofer-Institut UMSICHT 1998 rund 13 Millionen DM eingeworben hat.

· Als Hochschule mit drittmittelintensiven technikwissenschaftlichen Bereichen ist die Universität Dortmund durch den Schlüssel 7:2:1 in einen besonderen Nachteil gesetzt. Diese Gewichtung ist Ausdruck der besonderen Würdigung geisteswis-senschaftlicher Forschung in diesem Lande; in der Landesrektorenkonferenz hat die Universität Dortmund daher 1995 mit für diesen Schlüssel votiert. Allerdings ging es dabei um die jährliche Zuweisung von Mitteln. Es ist nicht sachadäquat, diesen Schlüssel nunmehr Strukturentscheidungen zugrunde zu legen. Dies kann dem hohen Ausstattungbedarf technischer Professuren nicht gerecht werden.

· Schließlich erweist sich das gewählte Verfahren zur Bestimmung der Orientie-rungsgrößen zur Stellenabsetzung als blind für die Ausdifferenzierung der hiesi-gen Hochschullandschaft. Zu ihr zählen sowohl weithin ausgebaute Volluniversi-täten als auch kleine und mittlere Hochschulen, die nicht den Anspruch erheben können, das Ganze der Wissenschaften abzubilden (wie es Paul Mikat im Grün-dungskonzept der Universität Dortmund ausdrückte). Von der Gründung her schlank angelegt, hat die Universität Dortmund keine "stillen Reserven" und Ra-tionalisierungspotentiale. Der begrenzten Zahl ihrer Disziplinen ist die Universität Dortmund mit fächerübergreifender Kooperation begegnet. Aus diesem Gefüge Teile herauszulösen würde das Ganze nachhaltig beschädigen.

Verehrte Frau Ministerin, es darf nicht sein, dass Ihr Ministerium zur gleichen Zeit Konzepte (auch und vor allem an unserer Universität) zur wohlbedachten Evalua-tion von Wissenschaft fördert, jedoch sich selbst bei einer so bedeutsamen Aufgabe wie der Neuordnung des Hochschulwesens im Lande auf Rechenspiele einlässt, die nur scheinbar einen Eindruck von Qualität und Leistungsfähigkeit vermitteln und die Fra-ge der Zukunftsrelevanz unbeantwortet lassen. Ihr Argument, es handele sich nur um "Orientierungsgrößen", die von der Expertenkommission korrigiert werden kön-nen, läuft in diesem Kontext notgedrungen ins Leere. Denn schließ-lich sind den Planungen der Hochschulen diese Zahlen zugrunde zu legen.

Die Universität Dortmund sperrt sich mitnichten gegen die Reform unseres Hoch-schulwesens. Im Gegenteil! Wir haben etwa zu Fragen von Evaluation und leis-tungs-bezogener Mittelverteilung Beispielhaftes geleistet und sind dafür vom Stifter-verband für die Deutsche Wissenschaft ausgezeichnet worden. Ungeachtet unseres heute bekundeten Beitritts zu Ihrem "Qualitätspakt" appelliere ich namens des Rek-torates der Universität Dortmund nochmals an Sie, Ihre Pläne zur Reform der Hoch-schulen im Lande grundlegend zu überarbeiten und zu einem Verfahren zu kommen, welches von einem Leitbild für ein zukünftiges Universitätswesen getragen ist. Dies vermögen wir im "Qualitätspakt" nicht zu erkennen.

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