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Wertewandel im Osten zeigt Bruchlinien

10.05.1999 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jena. Das Wertebewußtsein hat sich bei Teens und Twens in Ost und West seit der Wende relativ weit angeglichen. Eine deutliche Bruchlinie läßt sich aber schon bei der Endzwanziger-Generation feststellen. Diese orientiert sich in den neuen Bundesländern deutlich weniger an den individuellen Freiheitswerten, die für ihre westdeutschen Altersgenossen wichtig sind. Das ermittelten die Jenaer Entwicklungspsychologen Prof. Dr. Rainer K. Silbereisen und Dr. Matthias Reitzle durch den Vergleich zweier Meinungserhebungen von 1991 und 1996.

Kurz nach der Wende konnten Werteunterschiede zwischen Ost und West, die sich bei Jugendlichen wie bei jungen Erwachsenen zeigen, nicht überraschen: Betonen Westdeutsche individuelle Werte wie Freiheit, soziale Macht und innere Harmonie stärker, so sind ihren ostdeutschen Altersgenossen am Gemeinwesen orientierte Werte wie Höflichkeit, familiäre Sicherheit oder der Respekt vor der Tradition wichtiger. Hüben wie drüben steht gleichermaßen der Frieden in der Welt an oberster Stelle.

Bereits fünf Jahre später werden jedoch in Ostdeutschland feine Bruchlinen offenbar. Familiensinn und Tradition sind bei der jüngeren und älteren Untersuchungsgruppe gleichermaßen in der Werteskala abgerutscht, jedoch wird bei den späten Twens der Abstand zum Westen in Sachen individueller Werte sogar größer.

"Wer kurz nach der Wende Schüler oder Auszubildender war und noch keine prägenden Erfahrungen als Erwachsener gemacht hat, konnte sich noch relativ leicht auf die neue, individualistische Zeit umstellen", interpretiert Dr. Reitzle die Studie. "Wer hingegen schon gerade mit Anfang 20 im Berufsleben stand und bald darauf für eine Familie sorgte, hat durch Arbeitslosigkeit oder Verlust des erlernten Berufs die sozialen Umbrüche viel existentieller erfahren und faßt nur schwer Vertrauen in die demokratischen Freiheitswerte."

Mit den Endzwanzigern beginnt also bereits jene Altersgruppe, die Demokratie und Marktwirtschaft eher skeptisch gegenübersteht. Die Betonung einer ersatzweisen Ost-Identität, die bewußt als Abgrenzung gegenüber dem importierten Wertesystem des Westens verstanden werde, sei als Konsequenz nur logisch, so Reitzle. "Sich an Vertrautes zu halten, ist psychosozial immer noch gesünder, als in dumpfer Orientierungslosigkeit zu verharren."

Ansprechpartner:
Dr. Matthias Reitzle
Institut für Psychologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tel.: 03641/945208, Fax: 945202
e-mail: smr@rz.uni-jena.de


Friedrich-Schiller-Universität
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Wolfgang Hirsch
Fürstengraben 1
07743 Jena
Tel.: 03641/931031
Fax: 03641/931032
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