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"Alte Menschen machen Arbeit, neue Jobs für junge Leute"

18.06.1999 - (idw) Institut Arbeit und Technik

Institut Arbeit und Technik und Institut für Gerontologie veröffentlichen Memorandum zur "Wirtschaftskraft Alter"

Das Altern der Gesellschaft wird heute meist als Last- und Kostenfaktor diskutiert: Wer soll Renten und Gesundheitskosten zahlen, wenn der Anteil der über 60-jährigen von heute 21 Prozent auf 30 bis 40 Prozent im Jahr 2030 steigt? Die demographische Entwicklung bringt aber auch Chancen für Wirtschaft und Beschäftigung: der Markt für ältere Menschen hat mehr Dynamik und Wachstumspotentiale als viele andere "klassische" Wirtschafts- und Industriebereiche. Zu diesem Schluss kommt das Memorandum "Wirtschaftskraft Alter", das jetzt gemeinsam vom Institut Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen) und der Forschungsgesellschaft für Gerontologie e.V./ Institut für Gerontologie an der Universität Dortmund vorgelegt wurde.

Das Altern der Gesellschaft wird Arbeitsplätze schaffen, und zwar nicht nur im Pflegebereich. Die Anzahl und Qualität dieser Arbeitsplätze in Nordrhein-Westfalen wird allerdings entscheidend davon abhängen, ob und wie die Seniorenwirtschaft durch aktive Dienstleistungspolitik gestaltet wird, so Prof. Dr. Gerhard Naegele, Professor für soziale Gerontologie an der Universität Dortmund und Dr. Josef Hilbert, Leiter der Abteilung Dienstleistungssysteme am IAT. Werden die Kompetenzen und Angebote für Bedürfnisse, Interessen und wirtschaftliche Potentiale älterer Menschen gezielt weiterentwickelt, können daraus neue Angebote an Technik und Dienstleistungen für Lebensqualität im Alter entstehen, die auf einen riesigen Markt treffen. Ein Beschäftigungswachstum von 150.000 Arbeitsplätzen und mehr in den nächsten 10 bis 15 Jahren halten die Wissenschaftler nach Szenarienberechnungen für durchaus möglich.

Verzichtet man dagegen auf die Entwicklung von Seniorenwirtschaftskompetenz, könnten ältere Menschen in NRW nur unzureichend auf ihre Kosten kommen, Wirtschaftskraft würde in andere Regionen Deutschlands und Europas abfließen und auch die Beschäftigungsgewinne durch die wachsende Zahl alter Menschen fielen deutlich bescheidener aus.

Wegen ihrer verbesserten Einkommens- und Vermögenssituation gewinnen ältere Menschen auch als Kunden an Bedeutung. Bei durchschnittlichen Nettoeinkommen der über 65-jährigen von 3.020 DM (Männer) und 1.680 DM (Frauen) sowie Geldvermögen von ca. 55.000 DM haben sich in den letzten 20 Jahren die Ausgaben insbesondere für Dienstleistungen um das achtfache, für Verkehr und Nachrichtenübermittlung sogar um das zwölffache erhöht und sind damit rascher gestiegen als in den übrigen Einkommensgruppen.

Auch die Privatwirtschaft beginnt - wenngleich langsam und zaudernd - damit, die Umsatz- und Gewinnchancen des bislang vernachlässigten Seniorenmarktes zu entdecken. Die Autoren plädieren deshalb ausdrücklich für Benchmarking, Qualitätssicherung und Verbraucherschutz, damit ältere Menschen mit ihren berechtigten, aber häufig vernachlässigten Interessen und Bedürfnissen als Kunden auf privaten und öffentlichen Güter- und Dienstleistungsmärkten ernst genommen und vor unlauteren Methoden und einer neuen "Abzockermentalität" im Seniorenmarkt bewahrt werden.

Wie die Chancen genutzt werden können, die mit der "Wirtschaftskraft Alter" verbunden sind, zeigt das Memorandum für verschiedene Themenfelder auf: Gesundheits- und Sozialwirtschaft, Wohnungs- und Städtebau, Dienstleistungen für Lebensqualität (Kultur, Freizeit, Tourismus, Sport), Alter und Arbeit, Technik und soziale Dienste für selbständige Lebensführung, Qualitätsentwicklung und Verbraucherschutz. Ebenfalls diskutiert wird das Thema Arbeit im Alter; dabei geht es vor allem um alternde Belegschaften und ältere Existenzgründer.

Die Chancen, die für eine wirtschaftlich und sozial hoch entwickelte Region wie NRW mit dem Altern der Gesellschaft verbunden sind, werden sich nicht von selbst ergeben. Sie können nur durch eine Ausweitung des Engagements der entsprechend interessierten wirtschaftlichen, sozialen und wissenschaftlichen Einrichtungen genutzt werden. Die Autoren des Memorandums schlagen deshalb vor, dass die nordrhein-westfälische Landesregierung ihr Engagement bei Themen und Fragestellungen ausweitet, die für die Zukunft der Seniorenwirtschaft von Bedeutung sind.

Neben der Gesundheits- und Sozialwirtschaft sehen die Wissenschaftler aussichtsreiche Aktivitätsfelder für NRW vor allem im Ausbau von Freizeit- und Tourismusangeboten, in der Wohnungswirtschaft und bei einer besseren Nutzung der Neuen Medien, um die Angebote zur Unterstützung des Zu-Hause-Lebens im Alter weiter auszubauen. Viele der anstehenden Aufgaben können in public-private-partnership durchgeführt werden. Politik und Wissenschaft können dabei als Ideengeber für neue Produkte und Dienstleistungen auftreten und überbetriebliche Innovationspartnerschaften anregen, moderieren und unterstützen. Eine Grundlage für viele Aktivitäten ist eine detaillierte Einkommens-, Vermögens- und Verbrauchsberichterstattung, die potentiellen Investoren Orientierungs- und Marktdaten liefert.


Für weitere Fragen stehen
Ihnen zur Verfügung:
Dr. Josef Hilbert
Durchwahl: 0209/1707-120
Prof. Dr. Gerhard Naegele
Tel.: 0231/72 84 88-0
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