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Spalten in den Netzhautblättern - Norddeutsche Augenärzte zu Gast in Greifswald

19.06.1999 - (idw) Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald

Über 200 norddeutsche Augenärzte diskutieren in Greiswald Faktoren, die zu Blindheit führen, neueste Forschungsergebnisse zur diabetischen Retinopathie, zur modernen Kataraktchirurgie und zur Altersmakulopathie und die schlechten Auswirkungen der Gesundheitspolitik auf die Versorgung der Kranken.

Die Augen zeigen dem Menschen mehr als alle anderen Organe seine Zerbrechlichkeit. In der Ophtalmologie gibt es nur Mikrooperationen, und so fern sie der übrigen Medizin zu sein scheint, so sehr vereint sie alle ihre Gebiete und dazu Physik und Chemie.

Greifswald ist zwar kein Transplantationszentrum, Hornhäute der Augen werden allerdings schon seit den zwanziger Jahren hier verpflanzt. Immunologische Abstoßungen sind selten, dennoch gefährlich. Darum gibt es seit mehreren Jahren hier eine Hornhautbank (die Lagerfähigkeit der Spenden ist von 5 auf 40 Tage gestiegen), um vorher die Verträglichkeit der gespendeten Gewebe mit dem des Empfängers prüfen zu können. Ein Allokationszentrum in Leiden (Holland) vermittelt die Risikodaten von Spendern und Nehmern. Frank Hoffmann hat gerade einen Promotionspreis bekommen für seine Überlegungen, wie man die Vermehrungsfähigkeit von transplantierten Oberflächenzellen festgestellen kann. Denn jene muß die neue Hornhaut in Risikofällen selbst auf die Umgebung ausdehnen können.

Über zweihundert norddeutsche Augenärzte, vom Emsland bis Ahlbeck, von Flens- bis Neubrandenburg sind seit dem 18. Juni in Greifswald zu ihrer 48. Jahrestagung, die am 20. Juni endet. Sie beschäftigen sich nicht nur mit der Hornhauttransplantation, sondern kreisen um drei große Themen, die diabetische Retinopathie, die moderne Kataraktchirurgie und die Altersmakulopathie. Das sind alles Dinge, die hinter der Hornhaut ablaufen.

Prof. Dr. Stefan Clemens, der Tagungspräsident und Direktor der Greifswalder Augenklinik, hat vor noch nicht langem einen neuen Op- bzw. Vorsorge-Standard einführt: ungefähr 7% der Menschen haben eine Schisis, gespaltene Netzhäute, wodurch diese sich ablösen können. Er überblickt zum Teil noch aus seiner Münsteraner Zeit das weltweit größte Kollektiv (120) an Menschen, die sich deshalb operieren lassen mußten, dreißig davon in Greifswald. Prophylaxe hilft, solche Operationen zu verhindern. Damit nicht operiert werden muß, schrumpft er mit Hilfe von Laserkoagulation die Netzhautblase, um sie am Platzen zu hindern.

Wenn durch die Zuckerkrankheit die Retina in mehreren Schritten über Verschwartung, Verhärtung, Zugspannung und Ablösung erkrankt und blind werden läßt, hilft wiederum die Laserkoagulation. Dabei wird die Außenfläche der Netzhaut an kleinen Stellen verbrannt; der Rest braucht weniger Nährstoffe und wird ökonomischer durchblutet. Allerdings scheinen das Vermutungen: man weiß um die Wirkung, kennt aber nicht wirklich die Ursache.

Auf der Tagung werden die Fortschritte der Katarakt-, der Glaskörperchirurgie beim Star diskutiert. Auch in Greifswald werden zunehmend sich nach der Operation entfaltende Linsen eingesetzt. Es wird erforscht, wie die künstlichen Linsen bei Blutern befestigt werden können. Auch im Blick auf die Ethik wird kontrovers diskutiert, welchen Nutzen und welches Risiko die Einpflanzung brechungsveränderder Linsen in gesunde Augen hat, um das Brilletragen zu beenden. Ethisch nicht kontrovers dürfte die Verwendung von künstlichen, verstellbaren Linsen, der Ersatz der Iris aus eigenem Gewebe und aus Kunstmaterial sein; je nach dem Bedürfnis des Patienten kann der mögliche Bereich der Verstellbarkeit festgelegt werden.

Die altersbedingte Makulopathie, die Trübung des Augenbrennpunkts im Alter scheint wiederum am ehesten durch frühe Laserkoagulation angehalten werden zu können. Röntgenbestrahlung wurde früher angewandt; heute, auch in Greifswald, wird auch in aufwendigen Operationen die Netzhaut gedreht.
Die Greifswalder Klinik für Augenheilkunde hat 58 Betten; besonders durch die Einführung der Glaskörperchirurgie konnte diese Größe bewahrt werden, da ansonsten ambulante Eingriffe heute zunehmen. Neben 350 Glaskörperoperationen im Jahr führen die Ärzte um Prof. Clemens (und er selbst ebenso) etwa 3000 Laserkoagulationen, 3000 Operationen aus allen Gebieten der Augenheilkunde und 600 ambulante Lideingriffe durch. Neueste Kooperation ist die mit der Uniklinik in Danzig, die einen Einzugsbereich von etwa 1,5 Mio Menschen hat. Die kompliziertesten Danziger Fälle von Netzhautablösung werden inzwischen, bezahlt von einer polnischen Stiftung, in Greifswald operiert. Kann man eigentlich auch Netzhaut verpflanzen? Das scheint gleich schwer wie eine partielle Hirnverpflanzung zu sein. Vielleicht wagen sich die Teilnehmer der Augenärztetagung auch an dieses Thema.

Gewiß wagen sie sich an das Thema der sich ankündigenden Misere der Krankenversorgung mit Kontingentierung von Versorgungsleistungen. Die Rede macht die Runde: "Werden Sie nur zu Jahresbeginn krank!" Das abschreckende Beispiel der englischen Krankenversorgung, bei der man, wenn das Budget leer ist, viele Monate auf einen Termin beim Augenarzt warten muß und Jahre auf eine Operation, selbst bei fortgeschrittenem Star, will Greifswald umgehen, indem es intensiv an der Vernetzung mit den umliegenden Kliniken und niedergelassenen Ärzten arbeitet. Prof. Stefan Clemens und seine Mitarbeiter hoffen, daß ihre Vorschläge dank der unbestrittenen und für eine Universitätsklinik ungewöhnlicherweise vielfachen Stärke auf drei Gebieten (Glaskörperchirurgie, Hornhautchirurgie und Laserkoagulation) sehr ernsthaft gewogen werden.

Info:

Prof. Dr. Stefan Clemens
Universitätsaugenklinik
Rubenowstraße 2, 17487 Greifswald
Tel. 03834-86-5900, Fax 03834-86-5902
e-mail: ophcle@uni-greifswald.de
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