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Gibt es ein Postimplantationssyndrom bei Gefäßstents?

29.10.1999 - (idw) Universität Ulm

Gibt es ein Postimplantationssyndrom bei Gefäß-Stents?
Erstmals nach Deutschland vergeben: der Young Investigator Award des American College of Angiology

Stents (Gefäßstützen) zur Behandlung von Aortenaneurysmen (Gefäßerweiterungen bzw. -aussackungen) stehen im Ruf, nach der Implantation spezifische Körperreaktionen auszulösen. Die Postimplantationssyndrom genannten Phänomene werden in den einschlägigen Berichten mit Fieber, Leukozytenanstieg, Abnormitäten im Gerinnungssystem sowie erhöhter Freisetzung von Entzündungs-Mediatoren (Interleukinen, Stoffwechselprodukten der Arachidonsäure - einer ungesättigten Fettsäure, die in Leber, Drüsen und Fetten vorkommt -, des Tumor-Nekrose-Faktors u.a.) charakterisiert. Zur Erklärung der Befunde dient die Hypothese, daß die große Fremdoberfläche des Stents im Blutstrom zu einer Kontaktaktivierung von Blutkomponenten führt und in der Folge eine nichtbakterielle Entzündung (Inflammation) auslöst.

Privatdozent Dr. Martin Storck, Mitarbeiter der Abteilung Thorax- und Gefäßchirurgie (Ärztlicher Direktor Prof. Dr. Ludger Sunder-Plassmann) der Universität Ulm, ist mit seiner Arbeitsgruppe (unter Kooperation mit Prof. Dr. Uwe Brückner, Leiter der Sektion chirurgische Forschung) in einer Studie der Frage nachgegangen, ob sich dieses Syndrom, das derzeit in der Fachwelt kontrovers diskutiert wird, bestätigen läßt. Die klinischen Parameter, die auf ein Postimplantationssyndrom hindeuten könnten, wurden im postoperativen Verlauf an insgesamt 119 Patienten gemessen. Bei diesen Patienten waren in endovaskulären, das heißt mittels Katheter durchgeführten gefäßinternen, nichtoffenen Operationen Bauch-Aortenaneurysmen mit Hilfe von Stents stabilisiert worden.

Die Studie hat in Verlaufsbeobachtungen unter anderem die Entwicklung der CRP-Konzentration erhoben, das Auftreten des C-reaktiven Proteins. Sowohl bei infektiösen als auch nichtinfektiösen Entzündungsprozessen tritt es unter Umständen massiv vermehrt in Erscheinung und ist deshalb ein wichtiger Marker für Entzündungsvorgänge. Mit den hierbei ermittelten Werten wurden die Temperatur-Kurven der Patienten direkt verglichen. Storck ging aber auch der Frage nach, ob Unterschiede bei den postoperativen Verläufen zwischen endovaskulärer und konventioneller Prothesenimplantation, das bedeutet offener Operation, festzustellen sind. Dabei verfolgte er die Freisetzung entzündungsspezifischer Marker sowohl in extremitätenvenösem als auch arteriell entnommenem Blut. Die gleichzeitige Abnahme beider Proben ist ein besonderes Merkmal der Studie; sie liefert zusätzliche Informationen über die Konzentrationsunterschiede der gesuchten Stoffe im venösen und arteriellen Blutkreislauf.

Die Häufigkeit eines einmaligen Temperaturanstiegs auf Werte über 38° C war bei der Gruppe endovaskulär behandelter Patienten mit 72% deutlich höher als in der konventionell operierten Gruppe (28%). Demgegenüber unterschieden sich die Verläufe der CRP-Konzentrationen und weiterer entzündungsspezifischer Parameter in den ersten acht Tagen in den beiden Gruppen nicht signifikant voneinander. In der offen operierten Gruppe fand sich intraoperativ eine höhergradige Azidose, das bedeutet eine Absenkung des pH-Wertes im Blut. Sie ist Folge einer operativ bedingten vorübergehenden Durchblutungsstörung, aufgrund deren es zu einer Ansammlung saurer Stoffwechselprodukte kommt. Aus denselben Gründen steigen auch die Laktatwerte an. Laktat, ein Salz der Milchsäure, entsteht als Produkt der anaeroben Glykolyse, des Blutzuckerabbaus unter Sauerstoffmangel. Auch ist ein Prostaglandinanstieg zu beobachten, der mit der Darmauslagerung (Eventeration) während der Operation in Zusammenhang steht.

Von diesen Reaktionen abgesehen fand Dr. Storck keine postoperativen Besonderheiten, die sich klinisch oder biochemisch als Postimplantationssyndrom ansprechen ließen. Auch die während offener Operation zu beobachtende gesteigerte unspezifische Entzündung klingt postoperativ rasch ab.

Das American College of Angiology hat anläßlich seiner diesjährigen 46. Jahrestagung PD Dr. Martin Storck für seine Studie zu der Frage "Gibt es ein Postimplantationssyndrom nach endovaskulärer Aneurysma-Ausschaltung?" mit dem Young Investigator Award ausgezeichnet, der damit erstmalig nach Deutschland vergeben wurde. Der Preis geht an Wissenschaftler, die noch nicht im Rang eines Universitäts-Professors stehen.

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