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Himmlische Augen helfen Landwirten und Umwelt

02.11.1999 - (idw) Senat der Bundesforschungsanstalten im Geschäftsbereich des BMVEL

Satellitennavigation in der Landwirtschaft soll kostensparendes und umweltschonendes Wirtschaften ermöglichen / Neues Forschungsprojekt "pre agro"


Die Luftaufnahme zeigt es: Bestimmte Unkräuter wie Ackerkratzdisteln treten nesterartig im Feld auf. Eine gezielte Bekämpfung spart Pflanzenschutzmittel. (Foto: BBA) Fragt man den Braunschweiger Unkrautforscher Dr. Henning Nordmeyer nach neuen Konzepten der Landbewirtschaftung, so richtet er seinen Blick steil nach oben. Denn dort, hoch über der Erde, schwebt ein Teil seines Arbeitsgeräts. Der Wissenschaftler der Biologischen Bundesanstalt für Land- und Forstwirtschaft (BBA) arbeitet an Verfahren, Navigationssatelliten zur gezielten Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln einzusetzen. "Viele Unkräuter wie zum Beispiel die Ackerkratzdistel treten auf den Feldern nesterartig auf", erläutert er seinen Forschungsansatz. "Statt den ganzen Acker einzusprühen wäre es sinnvoller, Herbizide nur an den Stellen auszubringen, wo sie auch nötig sind."

Nordmeyers Idee: Die Position der Unkrautnester wird über ein satellitengestütztes Navigationssystem (GPS: Global Positioning System) bestimmt und digitalisiert. Mit den Daten wird der Bordcomputer eines Traktors gefüttert, der - ebenfalls GPS-geleitet - seine Spritzdüsen gezielt nur über den Stellen mit Unkrautbewuchs öffnet.

Der BBA-Experte steht mit seinem Vorhaben nicht allein: Auch Wissenschaftler anderer Forschungseinrichtungen sehen in der Satellitennavigation große Potenziale. Schon vor Jahren haben Arbeitsgruppen der Bundesforschungsanstalt für Landwirtschaft (FAL) in Braunschweig und des Instituts für Agrartechnik Bornim (ATB) in Potsdam Pionierarbeit geleistet, indem sie Verfahren entwickelten, die himmlischen Augen während des Erntevorgangs zur Messung des Ertrages innerhalb großer Ackerschläge zu nutzen. Zusammen mit anderen Informationen lassen sich dadurch Zonen mit niedriger und hoher Produktivität identifizieren und entsprechend bewirtschaften.

Das Zentrum für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung (ZALF) im brandenburgischen Müncheberg begreift diese Hochtechnologie als Chance, Umwelt- und Naturschutzziele in die landwirtschaftliche Praxis zu integrieren. Denn über eine ortsgenaue, kleinräumige Anpassung der Bewirtschaftung können sich sowohl betriebswirtschaftliche als auch naturschutzbezogene Vorteile ergeben. Damit erscheint den Münchebergern der gordische Knoten der oft gegenläufigen Anliegen von Landwirten und Naturschützern gelockert.

In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsprojekt "pre agro" (precision agriculture) will das ZALF diesen Ansatz jetzt unter praktischen Bedingungen umsetzen. Dabei haben die Wissenschaftler besonders solche Stellen im Blick, die aufgrund der lokalen Standortgegebenheiten nicht besonders ertragreich, aus Sicht des Naturschutzes aber wertvoll sind: trockene Kuppen oder feuchte Senken zum Beispiel. Auf diesen Arealen finden sich oftmals spezialisierte, schützenswerte Pflanzen- und Tierarten, die auf der "normalen" Ackerfläche keine Chance haben. Auch eine ungleiche Nährstoffverteilung im Boden kann in das Bewirtschaftungskonzept mit einbezogen werden.

Sensible Bereiche innerhalb eines großen Ackerschlages werden zunächst metergenau vermessen. Die Bearbeitung dieser Stellen wollen die Umweltexperten des ZALF dann in Abstimmung mit dem Landwirt auf umwelt- und naturschützerische Gesichtspunkte abstellen. Dazu wird ein Traktor mit einem Satellitennavigationsempfänger und einem Bordcomputer ausgestattet. Sein Bildschirm zeigt ständig sowohl die Position des Traktors als auch die Lage der sensiblen Bereiche. Befindet sich die Landmaschine in einem sensiblen Raum, verändert der Bordcomputer die jeweiligen Bearbeitungsmaßnahmen entsprechend der programmierten Handlungsanweisung. Auf diese Weise lassen sich etwa Agrarchemikalien bedarfsgerecht genau dosieren. Unmittelbare Folge: Stoffausträge in Grund- und Oberflächenwasser werden verringert und Mittel eingespart. So gehen ökologische Effekte mit wirtschaftlichen Vorteilen Hand in Hand.

Wird der Landwirt auf diese Weise zum aktiven Naturschützer? Dipl.-Ing. Andreas Jarfe, Koordinator des "pre agro"-Projekts, möchte nicht polarisieren: "Es liegt auf der Hand, daß beide Gruppen, Landwirte wie Naturschützer, den Wert und das Potential von Landschaftsflächen aus unterschiedlichen Blickwinkeln sehen. Viel ist schon getan, wenn mögliche Konflike im Vorfeld erkannt und durch geeignete, innovative Nutzungskonzepte entschärft werden."


Nähere Informationen erteilt:
Dipl.-Ing. Andreas Jarfe, ZALF, Eberswalder Str. 84, 15374 Müncheberg, Tel.: 033432 / 82-257

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