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Das seltene Glück der Selbstbestimmung

04.11.1999 - (idw) Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

50 Jahre Rehabilitationspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Neue Aufgaben seit der Wende

Das Institut für Rehabilitationspädagogik an der Martin-Luther-Universität wird 50 Jahre alt.
Aus diesem Anlaß findet am Dienstag, dem 9. November 1999, 14:00 Uhr bis 18:30 Uhr im Deutschen Saal, Haus 7 der Franckesche Stiftungen zu Halle, Franckeplatz 1, ein Symposium zu dem Thema "50 Jahre Rehabilitationspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg: Wissenschaft und Profession im Wandel" statt. Dazu sind interessierte Vertreter der Medien herzlich eingeladen.

Das Fach Rehabilitationspädagogik ist im Unterschied zu anderen universitären Ausbildungsgängen stark praxisorientiert und ethisch motiviert. Das spiegelt sich unter anderem auch in den Vortragsthemen des Symposiums anläßlich der 50-Jahr-Feier des Institutes wider. Die Beiträge "Ökonomisierung sozialer Qualität" und "Rehabilitationspädagogik zwischen Wissenschaft und Profession" werden zeigen, vor welchen neuen Herausforderungen die Berufsgruppe der Rehapädagogen steht. Ihrem Selbstverständnis nach sind Rehapädagogen immer auch Anwalt der Menschen, deren Chancen zur selbstbestimmten Lebensgestaltung in der Gesellschaft stark eingeschränkt oder bedroht sind.

Behinderung ist keine Krankheit und sie ist deshalb im medizinischen Sinne auch nicht heilbar. Ob ein Mensch als behindert angesehen wird oder nicht, ist sehr stark von gesellschaftlichen Normen bestimmt, die sich im Laufe der Zeit auch wandeln. Was aber von den Betroffenen immer als Belastung empfunden wird, ist die Ausgrenzung aus dem Alltag. Jahrelang haben sich Behindertenpädagogen deshalb mit dem Thema 'Integration' intensiv auseinandergesetzt. Behinderte Menschen sollten im weitestgehenden Sinne in das gesellschaftliche Leben integriert werden. "Inzwischen haben sich die Akzente etwas verschoben. Der Behindertenpädagogik geht es heute auch darum, das Selbstbewußtsein behinderter Menschen zu stärken. Nur wenn sie ihre Stärken erfahren und erkennen, sind sie in der Lage, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden", sagt Prof. Dr. Günther Opp, Dekan des Fachbereichs Erziehungwissenschaften und Professor für Verhaltensgestörtenpädagogik am Institut für Behindertenpädagogik der halleschen Universität.

Den behinderten Menschen soll die Individualität und die Verantwortung für das eigene Leben nicht abgesprochen werden. Es ist therapeutisch wenig sinnvoll, lediglich Defizite aufzulisten. Aus pädagogischer Sicht ist es viel spannender, sich mit den Dingen auseinanderzusetzen, die ein Mensch kann und nicht mit denen, die er nicht kann. "Als Wissenschaftler und als Pädagogen arbeiten wir nicht erfolgreich, solange wir nur an den Schwächen arbeiten. Wir müssen die Stärken dieser Menschen herausfinden und fördern", so Prof. Opp. "Unter günstigen Bedingungen", erklärt der Erziehungswissenschaftler, "können sich körperlich wie geistig behinderte Menschen Fertigkeiten aneignen, durch die sie im Leben unabhängiger und selbstbestimmter werden. Dieser Autonomiegewinn wird als großes Glück und häufig als Wendepunkt im Leben empfunden". Behinderte Menschen müssen so weit wie irgend möglich aus Abhängigkeiten herausgelöst werden. Es gilt, Handlungsspielräume im Wohnen, in der Arbeit und im Freizeitbereich für sie zu schaffen und zu erweitern.
Zugleich muß in der Gesellschaft für mehr Akzeptanz geworben werden. Nur so kann die Selbstbestimmung von Behinderten dauerhaft gelingen. Für die Bewältigung dieser Aufgaben werden geschulte Fachleute benötigt, die weniger aus der Medizin oder Psychiatrie kommen, sondern vielmehr aus den Bereichen der Pädagogik.
In den letzten zehn Jahren haben sich die Aufgaben der Rehapädagogen stark verändert: Das Sonderschulsystem der DDR war weitaus weniger differenziert auf die verschiedenen Formen der Behinderung ausgerichtet. Die schulische Integration behinderter Kinder wurde praktisch nicht diskutiert. Hier besteht ein großer Nachholbedarf, auch was die Qualifikation der Lehrer betrifft.
Die Wende wurde von vielen Menschen als tiefer biographischer Einschnitt erlebt. "Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderung sind immer die ersten Opfer solcher Transformationsprozesse," erläutert Günther Opp. "Insbesondere Kinder und Jugendliche reagieren häufig mit Verhaltensstörungen und abweichendem Verhalten auf die Zerstörung gewohnter Schutzräume. Neben den präventiven Arbeitsfeldern der Rehapädagogik, ist eine unserer vordringlichen Aufgaben, gemeinsam mit den Lehrern in der Schule, aber auch mit den Eltern und den Kindern selbst, Wege zu finden, die zurück führen in die Gesellschaft. In diesem Sinne ist Rehapädagogik mehr als nur Wissenschaft, sondern immer auch praktisches Engagement für Menschen, die ausgegrenzt werden oder von Ausgrenzung bedroht sind".

An der Martin-Luther-Universität hat die Ausbildung von Fachpersonal auf dem Gebiet der Rehabilitationspädagogik, die heute auch oft unter dem Begriff Heilpädagogik gefaßt wird, bereits eine 50jährige Tradition. Das Institut für Rehabilitationspädagogik bietet Studierenden neben dem grundständigen Studium des Lehramts an Sonderschulen, ein Diplom- oder Magisterstudium in den fünf Fachrichtungen Körperbehindertenpädagogik, Geistigbehindertenpädagogik, Verhaltensgestörtenpädagogik, Lernbehindertenpädagogik und Sprachbehindertenpädagogik an. Darüber hinaus können Lehrer und Lehrerinnen an einer berufsbegleitenden Qualifizierung in allen Fachrichtungen, außer Sprachbehindertenpädagogik, teilnehmen.

Das ausführliche Vortragsprogramm kann unter der Internetadresse http://www.verwaltung.uni-halle.de/tagungen/tag99.htm#50 Jahre eingesehen werden.

Bianca Bast

Ansprechpartner:

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Fachbereich Erziehungswissenschaften
Institut für Rehabilitationspädagogik
Prof. Dr. Günter Opp
Tel.: (0345) 55 237 54
Fax: (0345) 55 270 49
e-mail: opp@paedagogik.uni-halle.de
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