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"Buch des Jahres" - Unternehmensberater zeichnen Reinhard Pfriem und Klaus Günther aus

05.11.1999 - (idw) Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

"Die Zukunft gewinnen - Vom Versorgungsstaat zur sozialökologischen Unternehmergesellschaft"*, die im Frühjahr erschienene Publikation des Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Reinhard Priem und des westfälischen Unternehmers Klaus Günther, ist vom Bundesverband Deutscher Unternehmensberater BDU e.V. zum "Buch des Jahres" erhoben worden. Die Auszeichnung wird den beiden Autoren am 30. November in Berlin verliehen.
In der Begründung des Präsidiums, dem Jochen Kienbaum, Rimi Redley, Lutz Mackenbeandt und Michael Hörner angehören, heißt es, die von den Autoren aufgezeigte Verbindung zwischen der Notwendigkeit einer Verschlankung des Staates und der Rückkehr zu mehr persönlicher Verantwortung auf der einen Seite sowie den sozialökologischen Forderungen wie Vollbeschäftigung und naturverträglichen Wirtschaften auf der anderen Seite sei besonders überzeugend dargestellt.
Pfriem lehrt seit 1991 an der Universität Oldenburg Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Unternehmensführung und betriebliche Umweltpolitik. Vor zwei Jahren wurde er für seine Pionierarbeit auf dem Gebiet der ökologisch orientierten Unternehmensführung mit dem Umweltpreis des Arbeitskreises für umweltbewusstes Management (B.A.U.M.) ausgezeichnet. Der Lengericher Unternehmer Klaus Günther, Träger des Preises der Deutschen Stiftung Umwelt, ist u.a. Begründer des Förderkreises Umwelt/Future.

*Klaus Günther, Reinhard Pfriem, "Die Zukunft gewinnen - Vom Versorgungsstaat zur sozialökologischen Unternehmergesellschaft", Carl Hanser Verlag, München/Wien 1999, 69,-- DM

Kontakt: Prof. Dr. Reinhard Pfriem, Tel.: 0441/798-8345, Fax: 0441/798-8341

Auf in die "Unternehmergesellschaft"

Interview mit dem Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Pfriem über das Buch "Die Zukunft gewinnen - Vom Versorgungsstaat zur sozialökologischen Unternehmergesellschaft"

FRAGE: In Ihrem neuen Buch sagen Sie, in Deutschland bräuchten wir die "Mentalität und Struktur einer Unternehmergesellschaft". Was ist damit gemeint?
PFRIEM: Der Begriff "Unternehmergesellschaft" ist natürlich provokativ, weil nach der überkommenen Vorstellung Unternehmer eine Minderheit in der Gesellschaft sind, denen die traditionelle linke Kritik zudem die Hauptverantwortung für Sozialstaatsabbau und Umweltzerstörungen zuschiebt. Mein Mitautor Klaus Günther, der selbst Unternehmer ist, und ich schlagen vor, sich von diesem traditionellen Unternehmerbild zu lösen. Wir erleben heute ja gewaltige Veränderungen im Wirtschafts- und Arbeitsbereich. Wir müssen immer mehr Abschied nehmen vom Großbetrieb, von der Fabrik, vom Angestelltentum. Ich denke, man sollte über diese unvermeidlichen Entwicklungen nicht klagen und jammern, sondern sich statt dessen mit den vielen neuen Chancen befassen, die darin liegen. Wechselnde Tätigkeiten innerhalb eines Arbeitslebens und individuelle Arbeit in Netzwerken machen das eigene Leben zum untemehmerischen Projekt. Wir setzen vor allem auf sozialökologische Existenzgründungen.
FRAGE: Inwiefern unterscheiden Sie sich von neolibe-ralen Konzepten, bei denen ja Umweltschutzinteressen und auch sozialen Sicherungssysteme nur eine nachrangige Rolle spielen?
PFRIEM: Wir glauben, daß der wirtschaftliche Erfolg einer Gesellschaft wesentlich auch an ihrem sozialen und kulturellen Zusammenhalt hängt. Unternehmergesellschaft in unserem Sinn bedeutet, die Bereitschaft der Menschen zur zukunftsorientierten Eigenaktivität zu fördern und nicht nur auf den Staat zu setzen, das schon alles regeln.
FRAGE: Hat das eigentlich noch mit "linker" und "rechter" Politik und Positionen zu tun?
PFRIEM: Nein und ja. Nein, weil Rechtsliberale und Traditionslinke gemeinsam auf die auschlaggebende Rolle der Rahmenbedingungen fixiert sind, während wir vor allem herausstellen, was sich in den Köpfen ändern muß. Ja, weil nach meiner Meinung der Kern des linken politischen Projekts in sozialer Verantwortung und dem Eintreten für Gerechtigkeit im elementaren moralischen Sinn bestand - im eigenen Land und weltweit. Die wichtigen sozialen und ökologischen Orientierungen der Wirtschaft liegen für mich jenseits von links und rechts.
FRAGE: Sehen Sie denn schon Ansätze für Ihre Vorstellungen?
PFRIEM: Ja, aber bei weitem noch nicht genug. Das Wirtschaftsleben in Deutschland ist in seiner Grundsteuerung immer noch viel zu sehr von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften geprägt, die nach unserer Auffassung nicht mehr angemessen ist und die auch etwa an den konkreten Bedingungen und Interessen des Mittelstandes deutlich vorbei geht. Die sozialen Beziehungen in Gesellschaften wie in Deutschland sind immer noch sehr lagermäßig strukturiert. In allen Lagern gibt es, wenn man noch einmal auf links und rechts zu sprechen kommt, innovative, zukunftsorientierte und andererseits strukturkonservative Kräfte. Wir möchten dagegen die innovativen Kräfte in allen Lagern zusammenführen.
FRAGE: Was die Gewerkschaften womöglich überflüssig macht?
PFRIEM: Überflüssig würde ich nicht sagen. Von der notwendigen Selbstveränderung scheinen mir die Gewerkschaften allerdings weit entfernt, vielleicht sind sie dazu auch nicht bereit. Sie funktionieren hauptsächlich nach wie vor als Organisationen von Arbeitsplatzbesitzern eines Fabrikzeitalters, das freilich zu Ende geht. Und ökologisch zählen halt keine rhetorischen Übungen und Programme, sondern das konkrete Konfliktverhalten, von der Atomenergie über Garzweiler bis zum Ems-Sperrwerk.
FRAGE: Herr Pfriem, was bedeuten Ihre Überlegungen konzeptioneller Art für das Studium hier?
PFRIEM: Ich sehe vor allen Dingen zwei Konsequenzen. Zum einen vermitteln wir den Studierenden durch enge Verbindungen mit entsprechenden Ansätzen aus der unternehmerischen Praxis, daß Unternehmertum nicht heißt, soziale und ökologische Ziele und Werte zurückzustellen, sondern daß sich gerade mit sozialen und ökologischen Innovationen neue Unternehmen mit neuen Perspektiven entwickeln lassen. Das versuchen wir u. a. in dem Diplom-Studiengang Ökonomie mit ökologischen Schwerpunkt einzulösen.
Zum anderen versuchen wir verstärkt, auf Existenzgründungen hin zu orientieren. Alle vorliegenden Untersuchungen zeigen, daß in Deutschland viel stärker als in vergleichbaren Ländern nach wie vor die Studierenden darauf orientiert und auch ausgebildet werden, als Angestellte und abhängig Beschäftigte in großen Unternehmen oder einer großen Organisation tätig zu sein. Die Bereitschaft und überhaupt die Idee, nach dem Studium sich alleine oder mit anderen selbständig zu machen, ist nur wenig ausgeprägt. Fachliches Know-how und Motivation hierfür kommen zu kurz. Und das ist einer der wesentlichen Gründe für die sogenannten Standortprobleme oder für Probleme deutscher Unternehmen im internationalen Wettbewerb. Der Förderverein unseres Fachbereichs, die Transferorganisation campus concept und das Absolventennetzwerk sind hier wichtige Instrumente.
FRAGE: Wie steht es mit dem Interesse der Studierenden?
PFRIEM: Nachdem wir lange für unseren Studiengang Diplom-Ökonomie mit ökologischem Schwerpunkt eine große Nachfrage hatten, erleben wir derzeit einen gewissen Einbruch, was sicher auch ein Spiegelbild der allgemeinen Entwicklung ist. Umweltschutz wird jetzt ja wieder stärker den wirtschaftlichen und auch Beschäftigungsinteressen entgegengestellt. Dabei ist das mit Sicherheit der falsche Weg in die Zukunft. Im übrigen konstatiere ich hier bei den Studierenden große Aufgeschlossenheit, was unsere Argumentation angeht, stärker auf Selbständigkeit zu orientieren.
*(Das Interview ist der Hochschulzeitung der Universität Oldenburg, UNI-INFO 5/99 entnommen)

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