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Johanniskraut verändert die Wirksamkeit anderer Medikamente - Studien an der Charite

18.11.1999 - (idw) Charité-Universitätsmedizin Berlin

AUS DER MEDIZIN FÜR DIE MEDIEN 29-1999

Zur Beseitigung depressiver Verstimmungen leichten und mittleren Grades werden seit einigen Jahren bevorzugt Johanniskrautzubereitungen (als Tablette, Kapsel oder Tee) ärztlich verordnet oder auch von Betroffenen selbst gekauft, da sie rezeptfrei in Apotheken und Drogerien erhältlich sind. Als tägliche Dosis wird im allgemeinen eine Menge von 900 mg empfohlen. Manche Packungen haben aber bereits Aufdrucke mit der Empfehlung in dreifacher Höhe. Dies ist jedoch nicht ohne Risiko. Denn eine Arbeitsgruppe um Professor Ivar Roots vom "Institut für Klinische Pharmakologie" der Charité hat jetzt festgestellt, daß Johanniskraut die Wirksamkeit anderer Arzneimittel verändert:
So reduziert die Einnahme von Johanniskrautextrakt die Konzentration von Digoxin im Blut um ein Viertel (Clin Pharmakol Ther [1999] 66, 338-345). Digoxin ist als hochwirksame Substanz in vielen Herzmitteln enthalten. Patienten, denen solche Medikamente verordnet werden, müßten sie demnach höher dosieren, wenn sie zusätzlich Johanniskraut nehmen.
In einer weiteren Studie untersuchten die Wissenschaftler, was passiert, wenn Personen, die bereits gegen Depressionen mit den vielfach verordneten Substanzen "Amitriptylin" oder "Nortriptylin" behandelt werden, zusätzlich 14 Tage lang 900 mg Johanniskraut-Extrakt einnehmen. Im Vergleich zu Patienten, die nur die klassischen Antidepressiva verwendeten, fielen bei denen, die obendrein Johanniskraut schluckten, die Wirkstoffkonzentration von Amitryptilin im Blut kontinuierlich um 21 Prozent und von Nortriptylin sogar um 40 Prozent ab.
Schließlich erkundeten die Ärzte auch die Beziehung zwischen Johanniskraut und der Wirksubstanz "Phenprocoumon", die als Mittel zur Verhütung von Blutgerinnseln, etwa nach Herzinfarkt, häufig verschrieben wird. Auch hier ergab sich Ähnliches: Bereits bei Gesunden verringerte sich unter kombinierter Einnahme beider Mittel die Konzentration des wirksamen Teil von Phenprocoumon im Blut um 17 Prozent.
Patienten mit einem Leberschaden neigen vermehrt zu depressiven Verstimmungen. Greifen sie dann zu Johanneskrautextrakten, so müßten sie wissen, daß deren Abbau in einer geschädigten Leber anders erfolgt als im gesunden Organ und sollten die Einnahmemenge darauf abstellen. Die Berliner Forscher fanden nämlich auch heraus, daß die Bestandteile des antidepressiven Krautes bei Funktionseinbußen der Leber, wie sie bei leichter bis mäßiger Verhärtung des Organs (Leberzirhrrose) auftreten, unterschiedlich schnell abgebaut werden. In einer leicht zirrhotischen Leber wird Hypericin (eine von mindestens sieben Komponenten in Johanneskrautextrakten) in der Hälfte der Zeit abgebaut, die eine gesunde Leber braucht. Hingegen wird das Pseudohypericin, als ebenfalls wirksamer Bestandteil, langsamer verstoffwechselt: Bei einer Zirrhose mittleren Grades braucht die Leber mehr als doppelt so lange wie ein gesundes Organ.
Ivar Roots, der die Ergebnisse der Untersuchungen seiner Arbeitsgruppe auch auf der 10. Jahrestagung der Gesellschaft für Phytotherapie am 13. und 14. November in Münster vorgetragen hat, erwartet, daß die Verschreibungspflicht für Johanniskraut erwogen wird. Denn es könne dem einzelnen Patienten nicht zugemutet werden, die Dosierung seiner Medikamente mit der Einnahme von Johanniskraut selbst in Einklang zu bringen. Die Ergebnisse der Forschungen an diesem natürlichen Pflanzenstoff dürften im übrigen die bisher üblichen Voraussetzungen der Markzulassung für Phytotherapeutika in Frage stellen.
Silvia Schattenfroh
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Charité

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