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Die "green card" für Informationsberufe

10.03.2000 - (idw) Institut Arbeit und Technik

Ein Armutszeugnis für Wirtschaft und Hochschulen in Deutschland -
Prof. Dr. Franz Lehner, Präsident des Instituts Arbeit und Technik

"Die Tatsache, dass in Deutschland heute rasch eine "green card" eingeführt werden müsste, damit die wirtschaftliche Entwicklung der Informationsgesellschaft nicht ins Stocken gerät, ist wirklich ein Armutszeugnis für die Wirtschaft und für die Hochschulen". Das erklärte jetzt der Präsident des Instituts Arbeit und Technik (IAT/Gelsenkirchen), Prof. Dr. Franz Lehner. Die "green card", mit der man ausländischen Fachkräften den Zugang nach Deutschland erleichtert, wäre sicher hilfreich, wenn sie rasch genug eingeführt würde. Gerade auch im Hinblick auf die Beschäftigung ist sie wichtig, weil die dringend benötigten neuen Arbeitsplätze vor allem in innovativen Wirtschaftsbereichen und neuen Märkten entstehen. "Aber damit ist das Problem keineswegs angemessen gelöst", so Lehner. Die "green card" ändert nichts an der Tatsache, dass in Deutschland die Entwicklung des für die Informationsgesellschaft benötigten Humankapitals bisher vernachlässigt wurde und weiterhin vernachlässigt wird.

Weite Teile der Wirtschaft haben in den letzten Jahren personalpolitisch von der Hand in den Mund gelebt und sich ihre Wettbewerbsfähigkeit viel zu oft über kurzfristige Rationalisierungsmaßnahmen statt über langfristige Personalentwicklung gesichert. Da wurde Personal abgebaut, das man hätte umschulen können und mit dem zusammen man in neue Geschäftsfelder hätte einsteigen können. Viel schlimmer noch, es wurde wenig getan, um frühzeitig junge Menschen an die Informationsgesellschaft heranzuführen und sie dafür auszubilden.

"Auch die Hochschulen haben die Entwicklung der Informationsgesellschaft verschlafen; ihre Ausbildung verharrt oft bestenfalls im tiefsten Industriezeitalter", kritisiert Lehner. Darüber hinaus haben vor allem die Universitäten bisher wenig getan, um ihre Absolventen an die Wirtschaft sinnvoll heranzuführen. So orientieren sich oft die Studiengänge lediglich an wissenschaftsinternen Kriterien und vernachlässigen die Bezüge von Wissenschaft zu ihrem Umfeld, dem sie ja letztlich dienen soll. Die Studierenden bleiben dabei oft beruflich auf der Strecke.

Dabei sind die Personalpotenziale für die Informationsgesellschaft an den Hochschulen in Deutschland keineswegs schon ausgeschöpft. Zwar werden heute Informatiker und andere einschlägige Experten von den Unternehmen schon früh angesprochen und angezogen. Aber außerhalb dieser im engeren Sinne einschlägigen Fächer gibt es heute an den Universitäten viele Studentinnen und Studenten, die gegenüber der Technik der Informationsgesellschaft aufgeschlossen sind und mit ihr umgehen können. Einige Unternehmen aus der Informationswirtschaft haben das längst erkannt und rekrutieren ihr Personal aus fast allen Fachbereichen. Häufig dominiert aber immer noch das arbeitsteilige Denken der Industriegesellschaft und nicht das vernetzte Denken der Informationsgesellschaft.

"Was uns die Geschichte mit der "green card" wieder einmal vor Augen führt, ist, wie groß in Deutschland die kulturellen Gräben zwischen den Hochschulen und der Wirtschaft sind und wie schlecht der Austausch von Personen und Ideen zwischen diesen Bereichen außerhalb enger Fachkontakte läuft", stellt Lehner fest. Die Forderung, dass die Hochschulen sich stärker an der Wirtschaft orientieren und einer wirtschaftlichen Logik unterwerfen müssten, führt jedoch in die falsche Richtung. Gerade der wissensbasierten Wirtschaft des 21. Jahrhunderts könnte man nichts Schlimmeres antun. Die Wissenschaft gewinnt ihre Leistungsfähigkeit - auch ihre Leistungsfähigkeit für die Wirtschaft - gerade daraus, dass sie Wissen losgelöst von wirtschaftlichen Zwängen entwickeln kann.

"Was wir brauchen, sind leistungsfähigere Brücken zwischen Hochschulen und Wirtschaft - Brücken, über die wir frühzeitig Studierende der Hochschulen an die Wirtschaft heranführen können, aber auch Brücken, über die die Wirtschaft den Studierenden attraktive Berufsbilder und Karrieren zum Beispiel für Ingenieure vermitteln kann", fordert Lehner. Wenn wir diese Brücken nicht rasch schlagen, werden wir immer wieder "green cards" für neue Berufe ausgeben müssen, weil wir unser eigenes Humankapital weiter vernachlässigen.

So sinnvoll es ist, eine "green card" für besonders dringend benötigtes Personal in den Informationstechnologien einzuführen, so verheerend wäre es wirtschaftlich, wenn die "green card" ausgeweitet würde auf anderes knappes Personal - etwa Facharbeiter im Maschinenbau. Damit würde man genau die falschen Signale setzen, warnt der Wissenschaftler. Man würde die Versäumnisse vieler Unternehmen bei der Entwicklung des Humankapitals, insbesondere auch bei der Ausbildung von Facharbeitern, nachträglich belohnen, während die Unternehmen, die in den letzten Jahren viel in Humankapital investierten und das auch weiterhin tun wollen, faktisch abgestraft würden.


Für weitere Fragen steht Ihnen zur Verfügung:

Prof. Dr. Franz Lehner
Tel.: 0209/1707-113

Pressereferentin
Claudia Braczko

Tel.: 0209/1707-176
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