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Vier Prozent der Kinder leiden unter Lese-Rechtschreib-Störungen

07.04.2000 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Der Jenaer Kinder- und Jugendpsychologe Prof. Bernhard Blanz fordert, dass die deutschen Krankenkassen die Behandlungskosten für Kinder mit Lese-Rechtschreib-Störungen übernehmen. Die Störung ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Krankheit anerkannt; inzwischen wurden auch genetische Prädispositionen nachgewiesen.

Jena. (07.04.00) "Jedes Kind kann lesen lernen!" Mit dieser guten Nachricht wartete der Jenaer Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Bernhard Blanz am Rande einer Fachtagung in der Saalestadt auf. Der 26. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie mit 700 Teilnehmern geht morgen (8.04.) an der Friedrich-Schiller-Universität zu Ende. Etwa 3-4 Prozent aller Kinder seien von der Lese-Rechtschreib-Störungen betroffen. "Das ist eine Störung, die von der Weltgesundheitsorganisation als Krankheit anerkannt ist", erläutert Blanz als Vorsitzender der Fachgesellschaft. Allerdings würden die erforderlichen Therapien von den deutschen Krankenkassen nicht bezahlt. "Das muss sich dringend ändern", fordert der Jenaer Experte, "die Folgen einer nicht behandelten Störung können für die Entwicklung des Kindes ganz erheblich sein."

Die Kinder bleiben nicht nur in der Schule zurück und sind ihrer kognitiven und sozialen Reifung behindert, sondern sie entwickeln oftmals auch so genannte sekundäre Störungen. "Der tägliche Misserfolg in der Schule führt zu Frustrationen, mitunter sogar zu Depression und Angststörungen", warnt Blanz. Viele Eltern, nicht zuletzt auch Lehrer in Grund- und Hauptschulen seien darauf aber nicht vorbereitet; in der Lehrerausbildung werde dieses Problem bislang zu wenig berücksichtigt, moniert der Jenaer Kinder- und Jugendpsychiater. Dabei seien die Schulgesetze zumindest in Thüringen und Bayern bereits so fortschrittlich, dass für Schüler mit Lese-Rechtschreib-Schwäche mündliche statt schriftlicher Prüfungen, verlängerte Prüfungszeiten oder sogar ein Aussetzen der Notengebung erlaubt sind.

Internationale Forscherteams ermittelten, dass für die Erkrankung eine genetische Prädisposition besteht, die in mehreren Genen auf den Chromosomen 6 und 15 lokalisiert ist. Jenaer Wissenschaftler haben mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) erstmals bewiesen, dass bei betroffenen Kindern die sprachverarbeitenden Zentren im Gehirn weniger aktiv sind. Abhilfe gegen Lese-Rechtschreib-Störungen schaffe gezieltes psychotherapeutisches Training, so Blanz. Man könne per fMRT nachweisen, dass bei behandelten Kindern die Aktivitäten in den betroffenen Gehirnarealen zunehmen. Die Behandlung will Prof. Bernhard Blanz ausschließlich in die Hände von Fachleuten gelegt sehen. "Es gibt einen grau-en Markt von Anbietern, die nicht immer seriös und erfolgreich arbeiten", warnt er.

Die Kunst des Therapeuten liege darin, zunächst einen Zugang zu gewinnen und dann über eine Serie kleiner Erfolgserlebnisse die Kinder an immer schwierigere Aufgaben heranzuführen. Dabei leiste "Kollege Computer" wertvolle Dienste: Die Schüler finden über den Bildschirm quasi spielerisch einen Umgang mit der Schriftsprache und sind besser motiviert. Allerdings dämpft Blanz auch allzu überschwängliche Hoffnungen: "Es handelt sich um eine chronische Störung, die oftmals über Jahre hinweg behandelt werden muss und sich nicht immer vollständig abstellen lässt."

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Bernhard Blanz
Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tel.: 03641/936581 bzw. 941875 (Kongressbüro)
Fax: 936583 bzw. 941876 (Kongressbüro)
E-Mail: blanz@landgraf.med.uni-jena.de

Friedrich-Schiller-Universität
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Wolfgang Hirsch
Fürstengraben 1
07743 Jena
Tel.: 03641/931031
Fax: 03641/931032
E-Mail: h7wohi@sokrates.verwaltung.uni-jena.de
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