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Medizinstudium ohne "Ankreuz-Prüfungen"

13.04.2000 - (idw) Private Universität Witten/Herdecke gGmbH

Erster Jahrgang beginnt Studium mit neuen Inhalten und Prüfungsformen

Die ersten 42 Studierenden der Humanmedizin an der Universität Witten/ Herdecke beginnen in dieser Woche ihr Medizinstudium nach ganz neuen "Spielregeln": Bisher waren für das "Physikum" (Prüfung nach dem vierten Semester) und das 1. Staatsexamen staatliche Prüfungen, sog. Multiple Choice vorgeschrieben. Diese Prüfungsform war immer wieder kritisiert worden, weil sie z.T. überholtes und praxisfernes Wissen mit vorgegebenen Prüfungsbögen zum Ankreuzen wie bei einer Führerscheinprüfung abfragte. Um diese Prüfung zu bestehen, mussten Generationen von Medizinstudenten stur die Fragen und Antworten mit oft nur geringem Praxisbezug auswendig lernen. Seit Februar 1999 macht eine Änderung in der Approbationsordnung auch andere Prüfungsformen im Rahmen eines staatlich anerkannten Modellstudienganges auf Antrag möglich. Einen entsprechenden Antrag der Universität Witten/Herdecke haben die Ministerien des Landes NRW für Gesundheit und Wissenschaft mit Wirkung vom 10. April 2000 genehmigt.
Damit müssen die angehenden Ärzten an der Universität Witten/Herdecke nicht mehr für Ankreuztests auswendig lernen, sondern gewinnen mehr Zeit für eine praxisbezogene Ausbildung am Krankenbett, im direkten Kontakt mit dem Patienten und mit innovativen Lern- und Prüfungsformen.
Das jetzt genehmigte System von Prüfungen wird in sieben Teilen, die für die Fortsetzung des Studiums relevant sind, das traditionelle Physikum sowie das erste Staatsexamen ersetzen. Hinzu kommen wie bisher Prüfungen in einzelnen Fächern, die den Studierenden ihren jeweiligen (Un-)Wissensstand vor Augen führen, aber keine "Versetzungsrelevanz" haben.

Mit dem MEQ (modified-essay-question)-Test wird der Wissensstand abgeprüft. Dazu werden dem Prüfling anhand von Patientengeschichten nacheinander Arbeitsblätter mit Fragen vorgelegt, die in einer bestimmten Zeit zu beantworten sind. Der Ablauf könnte z.B. so aussehen:
Blatt 1: Der Patient Martin Muster klagt über andauernde Schmerzen im rechten Unterbauch. Was fragen Sie ihn zur weiteren Eingrenzung der Ursache? Begründen Sie Ihre Anamneseschritte. Haben Sie eine Vermutung zur Ursache?
Blatt 2: Welche weiteren Untersuchungsschritte würden Sie einleiten? Manuelle Untersuchung, Labor, Röntgen, Ultraschall? Warum diese und in welcher Reihenfolge? Was sind die zur Diagnosestellung nötigen Daten?
Blatt 3: Welche Therapie würden Sie vorschlagen? Warum?
Blatt 4: Welche Alternativen gibt es zu Ihrem Vorschlag? Welche Kassen oder Versicherungen werden belastet? Welche finanziellen Folgen hat die Therapie für das Gesundheitssystem?

Mit dem OSCE (objective-structured-clinical-examination)-Test werden Fähigkeiten bei der Untersuchung und im Umgang mit Patienten geprüft. Dabei wird eine ärztliche Untersuchung simuliert und anhand einer Checkliste bewertet: Hat der Bewerber an alle Untersuchungsschritte gedacht? Hat er sie in der richtigen Reihenfolge durchgeführt? Hat möglicherweise das Ergebnis verfälscht oder beeinflusst? Hat er dem Patienten unnötig Schmerzen zugefügt? Hat er dem Patienten seine Schritte richtig angekündigt und erklärt?

Die neuen Prüfungsformen werden ergänzt durch mehrwöchige "Blockpraktika" in Kliniken der Grundversorgung und Allgemeinarztpraxen. Studienbegleitend bietet die Universität Witten/Herdecke Seminare in Kommunikation, Forschungsmethoden und medizinischer Ethik an.

In Witten steht die Ausbildung von Ärzten im Vordergrund, die neben ihrem Fachwissen das Patientengespräch beherrschen, sich dem neuesten Forschungsstand entsprechend weiterbilden und sich auch mit den schwierigen Fragen der medizinischen Ethik praktisch auseinandersetzen können. Problemorientiertes Lernen, Unterricht am Krankenbett, frühzeitiger Patientenkontakt, Untersuchungskurse und Blockunterricht in den klinischen Fächern: Das sind Stichworte zum Medizinstudium in Witten. Hinzu kommt das "Studium fundamentale" mit seinen Pflichtseminaren z.B. in Philosophie, Literatur, Kunst, Geschichte, Musik oder Theater.

Weitere Informationen bei Studiendekan Dr. Wilhelm Vermaasen, 02302/926-748

Hinweis an die Redaktionen: Wir ermöglichen Ihnen gerne einen Besuch in den Veranstaltungen bzw. ein Gespräch mit den neuen Studierenden zu deren Erfahrungen und Zielen. Die ersten Prüfungen nach dem neuen Verfahren finden im Januar 2001 statt.
Bitte stimmen Sie einen Termin mit uns ab.
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