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Früher auf Palmblättern, heute auf Video

17.04.2000 - (idw) Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Auf bis zu 400 Jahre alten Palmblättern überliefert werden sie noch heute aufgeführt: die Dra-men des klassischen Sanskrit-Theaters Kutiyattam. Tübinger Indologinnen haben die Palmblatt-Manuskripte von 13 verschiedenen Dramen in Indien fotografiert und moderne Aufführungen auf Videofilmen dokumentiert. Dabei hatten sie zum ersten Mal Zugang zu den angesehenen Schauspieler-Familien.

Pressedienst Forschung Aktuell 07/2000

Tübingen, 17. April 2000

Indologie

Auf bis zu 400 Jahre alten Palmblättern überliefert werden sie noch heute aufgeführt: die Dra-men des klassischen Sanskrit-Theaters Kutiyattam. Tübinger Indologinnen haben die Palmblatt-Manuskripte von 13 verschiedenen Dramen in Indien fotografiert und moderne Aufführungen auf Videofilmen dokumentiert. Dabei hatten sie zum ersten Mal Zugang zu den angesehenen Schauspieler-Familien.

Früher auf Palmblättern, heute auf Video

Weder Sprechtheater noch Ballett noch Oper - das klassische Sanskrit-Theater Indiens

Überliefert sind sie auf bis zu 400 Jahre alten Palmblättern - und werden auch heute noch auf-geführt: die Dramen des klassischen Sanskrit-Theaters Kutiyattam. Eine Forschungsgruppe um Heidrun Brückner, Professorin für Indologie an der Universität Tübingen, fotografierte in der südindischen Provinz Kerala 200 Palmblatt-Manuskripte von 13 Stücken, die möglicherweise dem legendären Dichter Bhasa aus dem 3. Jahrhundert zugeschrieben werden können. Als Edi-tionen und Übersetzungen sollen sie neue Erkenntnisse über die indische Theaterkultur brin-gen. Auf ihren Expeditionen erhielten die Forscherinnen auch erstmals Einblick in noch nicht erschlossene Manuskripte der angesehenen Schauspieler-Familien. Diese hatten bisher gegen-über Außenstehenden starke Zurückhaltung geübt.

Die Indologinnen haben erstmals auch moderne Aufführungen des Sanskrit-Theaters auf Vi-deoband aufgezeichnet. "Mit den westlichen Mustern Ballett, Oper, Sprechtheater lässt sich das Sanskrit-Theater Indiens nicht fassen", sagt Heidrun Brückner. Die Texte werden in einer Art Sprechgesang aus 21 verschiedenen Tonlagen auf der Bühne rezitiert. Noch während der Rezi-tation werden die Worte in eine stark differenzierte Handgestik umgesetzt. Danach folgt oft-mals eine Erklärung rein in der Gestensprache. Selbst für grammatikalische Funktionen, wie et-wa den Imperativ oder die Kasus-Endungen, gibt es eigene Handzeichen. Ein Akt eines Sans-krit-Stückes kann bis zu 41 Nächte dauern.

Jede Aufführung wird von Trommeln und Zimbeln rhythmisch begleitet. Stilisierte Körperbe-wegungen erinnern an Tanz. Ungewöhnlich prächtig für europäische Augen sind die Kostüme. Ein wichtiges Erkennungsmerkmal für die verschiedenen Charaktere sind die Schminkmasken. Durch Reisbärte und Bemalung werden ausdrucksstarke Gesichter geschaffen. Die Mimik spielt eine wichtige Rolle im Kutiyattam. "Die große Kunst ist es, in schnellem Wechsel kleinste Ge-fühlsnuancen herauszuarbeiten", weiß Heike Moser-Achuthath, eine Mitarbeiterin Brückners am Seminar für Indologie. So gibt es eine Szene, in der sich eine Dämonin namens Surpanakha in den Prinz Rama verliebt, ihn aber nicht bekommen kann, da er schon verheiratet ist. Die Ge-fühle der Dämonin stellt die Schauspielerin in schnellem Wechsel von Trauer, Eifersucht und Liebe dar.

Die Tradition von Kutiyattam reicht mindestens 1000 Jahre zurück. Früher wurde es als fester Bestandteil im Ritualzyklus nur in den großen Tempeln Keralas vor einem elitären, hochgebil-deten Publikum gespielt. Seit den 50er Jahren wird Kutiyattam aber auch für breitere Bevölke-rungsschichten aufgeführt: Dabei mussten die mehrtägigen Stücke jedoch stark gekürzt werden, und für die meist nicht des Sanskrit und der komplexen Gestensprache mächtigen Zuschauer wurden zum Beispiel Erklärungen über Mikrofon eingebaut. "Die Einbeziehung der regionalen Aufführungstradition beinhaltet einen völlig neuen Zugang zum Sanskrit-Theater", sagt Brück-ner. Der Vergleich von Palmblatt-Manuskript und lebendiger Aufführungstradition soll sowohl die Überlieferung der Dramentexte als auch die Entwicklung des alten Sanskrit-Theaters als Teil der Regionalkultur beleuchten. (3149 Zeichen)


Wenn Augen Geschichten erzählen

Tübinger Indologinnen erforschen das indische Sanskrit-Theater

Vor fast hundert Jahren entdeckte Ganapathi Shastri, Ehrendoktor der Universität Tübingen, bei Trivandrum in der Provinz Kerala an der Westküste Südindiens Manuskripte von 13 Sans-krit-Dramen, die möglicherweise dem legendären Dichter Bhasa aus dem 3. Jahrhundert zuge-schrieben werden können. Neue Aufschlüsse über das klassische Sanskrit-Theater Kutiyattam, das auch heute noch aufgeführt wird, verspricht nun eine Forschungsgruppe um Heidrun Brückner, Professorin für Indologie an der Universität Tübingen: 200 Manuskripte der "Tri-vandrum-Stücke" sollen der Forschung in Form von Editionen und Übersetzungen neu zu-gänglich gemacht werden.

Überliefert sind die klassischen Sanskrit-Dramen auf Palmblättern, in die der Text beidseitig eingeritzt wurde. Auf zwei Forschungsreisen fotografierten die Tübinger Wissenschaftlerinnen solche Blätter, von denen die ältesten über 400 Jahre alt sind. Mit älteren Funden rechnen die Indologinnen nicht mehr. "Länger hält das Material nicht", erläutert Brückner. Nun müssen die fotografierten Manuskripte ausgewertet werden. "Wenn man bedenkt, dass ein Ein-Akter auf zehn bis 15 vorne und hinten beschriebenen Palmblättern Platz hat, liegt noch eine Menge Ar-beit vor uns", sagt Brückner. Die Dramen sind in unterschiedlicher Zahl erhalten: Manche gibt es in drei oder vier Ausfertigungen, andere in 40 bis 45 verschiedenen Versionen und Lesarten.

Auf ihren Expeditionen in die Provinz Kerala erhielten die Tübingerinnen auch Einblick in noch unbekannte Manuskripte der angesehenen Schauspieler-Familien aus der Cakyar-Kaste (unterer Brahmanen-Stand). Bisher übten jene gegenüber Außenstehenden starke Zurückhal-tung. Vermittelnd konnte hier eine Mitarbeiterin Brückners am Seminar für Indologie wirken: Heike Moser-Achuthath hat das in Kerala noch lebendige Sanskrit-Theater Kutiyattam bei einem zweijährigen Indien-Aufenthalt im Rahmen eines Stipendiums des DAAD und des Indian Council for Cultural Relations (I.C.C.R.) nicht nur erforscht, sondern auch selbst erlernt.

Das Forschungsprojekt der Indologie beschränkt sich nicht auf die Erschließung der Palmblatt-Manuskripte. Erstmals wurden moderne Aufführungen von Kutiyattam auch auf Videoband auf-gezeichnet. "Mit den westlichen Mustern Ballett, Oper, Sprechtheater lässt sich das Sanskrit-Theater Indiens nicht fassen", sagt Heidrun Brückner. Kutiyattam ist alles zusammen - und doch wieder ganz anders. Die Sanskrit-Texte werden in einer Art Sprechgesang auf der Bühne rezi-tiert. 21 verschiedene Tonlagen, die genau definiert sind, drücken die jeweilige Stimmung aus. Noch während der Rezitation werden die Worte in eine stark differenzierte Handgestik umge-setzt. Es gibt 24 Grundgesten, aus denen je nach Kontext unzählige Bedeutungsvarianten gebil-det werden. Selbst für rein grammatikalische Funktionen, wie etwa den Imperativ oder die ver-schiedenen Kasus, gibt es eigene Handzeichen. Nach der Rezitation wird der Gestenteil noch einmal wiederholt oder es wird eine ausführliche Erklärung des Gesagten ausschließlich durch Gesten angeschlossen.

Manche Textstellen können zu einer ein- bis zweistündigen Erklärung und langen Rückschauen in das Vorgeschehen einladen. Wenn der Text etwa damit endet, dass die Prinzessin vom Bade kommt, kann das in eine minutiöse, rein durch Gestik vermittelte Beschreibung münden, wie sie geschmückt wird und dann mit ihren Freundinnen Ball spielt. Oder nach einer Kampfszene wird detailreich erläutert, wie die Rüstung angelegt und die Kriegselefanten vorbereitet wurden. Eine Sonderform der Rückschau sind Soloeinlagen einzelner Schauspieler. Diese Nirvahana ge-nannten Einlagen können mehrere Tage dauern. Ein einzelner Akt kann sich so bis zu 41 Nächte hinziehen.

Jede Aufführung wird von Trommeln und Zimbeln rhythmisch begleitet. Stilisierte Körperbe-wegungen erinnern an Tanz: Wie in Zeitlupe bewegen sich die Schauspieler über die Bühne, kraftvolle Sprünge erfordern jedoch ein hohes Maß an Körperbeherrschung. Ungewöhnlich prächtig für europäische Augen sind die Kostüme mit viel Gold und aufgesetzten Spiegeln. Ein wichtiges Erkennungsmerkmal für die verschiedenen Charaktere sind die Schminkmasken. Durch Reisbärte und Bemalung werden ausdrucksstarke Gesichter geschaffen. Ein Spektakel ist der Affenkönig Bali: Das Gesicht ist über und über mit grünen, weißen und roten Ornamenten bemalt, eine üppige Haarmähne aus Stroh und ein roter Bart verstärken den furchterregenden Eindruck dieser Mischung aus Held und Tier.

Neben der Gestik spielt auch die Mimik eine wichtige Rolle im Kutiyattam. Es gibt ein halbstün-diges Meisterstück, in dem allein mit dem Gesicht und vor allem durch die Augen ein Vers be-schrieben wird: eine paradiesische Szene, in der eine Tigerin ein Rehkälbchen säugt, ein Mungo eine Schlange in den Schlaf wiegt und eine Fliege unversehrt ein Feuer durchquert.

Die Inhalte der Stücke des Kutiyattam stammen aus älteren Dramen und Epen. Göttermythen, Liebesgeschichten und Kampfdarstellungen sind beliebte Motive. Im klassischen Sanskrit-Theater geht es darum, Stimmungen lebendig zu machen. "Die große Kunst ist es, in schnellem Wechsel kleinste Gefühlsnuancen herauszuarbeiten", weiß Moser-Achuthath. So gibt es eine Szene, in der sich eine Dämonin namens Surpanakha in den Prinz Rama verliebt, ihn aber nicht bekommen kann, da er schon verheiratet ist. Die Gefühle der Dämonin stellt die Schauspielerin in schnellem Wechsel von Trauer, Eifersucht und Liebe dar. Liebe wird im Kutiyattam mit einem lächelnden Mund und leuchtenden, offenen Augen sowie Augenbrauen, die sich nach oben und unten bewegen, dargestellt. Bei der Eifersucht mischt sich Wut in die Liebe: Das Auge zittert.

Die Wurzeln des Kutiyattam reichen bis in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte zurück. Bis vor kurzem wurde es nur in den großen Tempeln Keralas vor einem elitären, hochgebildeten Publikum aus Brahmanen und Adeligen gespielt. Sanskrit-Theater ist fester Bestandteil des ein-jährigen Ritualzyklusses in bestimmten großen Tempeln Keralas. Seit den 50er Jahren wird Ku-tiyattam aber auch außerhalb der Tempel aufgeführt: Zu festlichen Anlässen werden die drei in Kerala aktiven Schauspieltruppen in Kulturzentren eingeladen oder spielen öffentlich in den kleinen, ihren Schulen angeschlossenen Theatern. Dabei werden Kompromisse geschlossen. Die mehrtägigen Stücke mussten auf zwei bis drei Stunden gekürzt werden - die langen Vor-stellungen finden weiterhin in Tempeln statt. Für die meist nicht des Sanskrit und der komple-xen Gestensprache mächtigen Zuschauer mussten zum Beispiel Erklärungen über Mikrofon eingebaut werden.

Die Tübinger Indologinnen haben an den verschiedensten Spielorten alle Arten von Kutiyattam aufgenommen und - zu Dokumentationszwecken - auch selbst Aufführungen in einem Tempel organisiert. "Die Einbeziehung der regionalen Aufführungstradition beinhaltet eine völlig neuen Zugang zum Sanskrittheater", sagt Brückner. Der Vergleich von Palmblatt-Manuskript und le-bendiger Aufführungstradition soll sowohl die Überlieferung der Dramentexte als auch die Entwicklung des alten Sanskrit-Theaters als Teil der Regionalkultur beleuchten. Die Forsche-rinnen erwarten sich davon auch neue Erkenntnisse über Geschichte und Eigenart von Drama und Theater in ganz Indien. (7238 Zeichen)

Nähere Informationen:

Prof. Heidrun Brückner

Seminar für Indologie und Vergleichende Religionswissenschaft
Abteilung für Indologie
Münzgasse 30
72070 Tübingen
Tel. 0 70 71/2 97 40 05
Fax 0 70 71/29 26 75

Heike Moser-Achuthath
Tel. 0 70 71/2 97 26 75
sowie privat: 0 70 71/4 98 21

Die Forscherinnen stellen gerne Fotos und Videoaufnahmen zur Verfügung.


Der Pressedienst im Internet: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html

Unter dieser Adresse sind auch Abbildungen einsehbar, die auf Wunsch per e-mail verschickt werden.
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