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Trunkenbolde, Dionysosjünger - Der Wein in der antiken griechischen Literatur

18.05.2000 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jena (18.05.00) Griechischer Wein sei so wie das Blut der Erde, kündete noch der deutsche Schlager vor 20 Jahren. Die mystische Verwurzelung des berauschenden Rebsaftes sahen die antiken Griechen vor mehr als zwei Jahrtausenden allerdings viel klarer: Für sie war das Nahrungs-, Genuss- und Heilmittel in unverdünnter Form vor allem eines: Sakraldroge. Im dionysischen Alkoholdunst vollzog sich der unmittelbare Kontakt des profanen Erdenmenschen mit der Götterwelt. Den "Niederschlag des Alkoholproblems in der antiken griechischen Literatur" hat nun erstmals die Literaturwissenschaftlerin Dr. Katja Kersten-Babeck in ihrer Dissertation an der Friedrich-Schiller-Universität Jena nüchtern analysiert.

Dionysos, dem Gott der Fruchtbarkeit und der Ekstase, schrieb man in der Antike jene unerklärlichen Kräfte zu, die einerseits die alkoholische Gärung bei der Herstellung, andererseits den handfesten Rausch beim Genuss verursachten. "Wein galt als Medium des Göttlichen", erläutert die Altphilologin, "anders konnten sich die alten Griechen mit ihrem naturgemäß bescheideneren naturwissenschaftlichen Wissen die beobachteten Phänomene nicht erklären." Wahrscheinlich ging der Dionysos-Kult sogar noch auf vorantike Zeiten zurück, systematisch kultiviert haben ihn dann aber die alten Griechen: in Theoxenien und Symposien, in den frühjahrlichen Lenäen, Anthesterien und Dionysien - Umtrünken und rituellen Feiern, bei denen es durchaus derber und ausgelassener zuging als bei heute üblichen Weinfesten.

Den Beinamen "der Löser" verlieh man dem Weingott, weil er von den Sorgen des Alltags befreite, ein Aus-Sich-Heraustreten in Rausch und Begeisterung bewirkte, ja hinein in einen "göttlichen Wahnsinn" führte. In orgiastischen Tänzen ergingen sich vor allem Frauen bis zur körperlichen Erschöpfung, berichtet der antike Dichter Euripides in den "Bakchen", um sich in einen ekstatischen Seelenzustand - Vorgeschmack auf das erwartete Heil nach dem Tode - zu versetzen. Sinnen- und Weltentrücktheit prophezeite der Thrakische Dichter Musaios den Frommen im Hades, der Unterwelt, ununterbrochene Symposien, ewigen Rausch.

Eine ganze Reihe prominenter Weintrinker hat Dr. Kersten-Babeck in der Antike ausgemacht. Aischylos soll, wie Plutarch behauptet, seine Tragödien "in der Weinhitze" gedichtet haben, Anakreon weisen seine Grabepigramme als "weinberauschten Freund der Gelage" aus, und selbst der vernunftbetonte Sokrates wird als trinkfester Philosoph charakterisiert. Freilich machte die Trunksucht auch vor der großen Politik nicht halt: Ein wahrer Erzsäufer und Trunkenbold muss Alexander der Große gewesen sein, der syrische König Antiochos war wegen seines Alkoholismus sogar zeitweilig regierungsunfähig, und Mithridates IV., König von Pontos, zierte der entlarvende Beiname "Dionysos". Bei einem von Alexander veranstalteten Wettsaufen seien 41 Zecher zu Tode gekommen, berichtet Athenaios, der Sieger sei vier Tage später an den Folgen gestorben.

In der Literatur finden sich - etwa bei Homer, Aristophanes oder Theognis - immer wieder Hinweise auf die bekannten alkoholischen Folgeerscheinungen wie Sprachstörungen, vermindertes Denk- und Wahrnehmungsvermögen, Verlust der Körperkontrolle und Enthemmung bis zu Jähzorn und Gewalttätigkeit. Diskutiert wurden ebenso die erotischen Dimensionen des dionysischen Rauschs: Die Meinung, der Wein mache die Menschen auch liebessüchtiger, wird etwa Aristoteles zugeschrieben, zugleich aber das Eingeständnis einer alkoholvernebelten Blindheit bei der Partnerwahl und die kritische Frage nach den Folgen des Übermaßes: "Warum ist bei Trunksüchtigen der Samen meist nicht fruchtbar?" Folgerichtig legten Plutarch und Platon zechfreudigen Zeitgenossen nahe, sich der Zeugung von Nachkommen nur in nüchternem Zustand zu widmen.

Das bittere Erwachen nach ausgiebigem Gelage beschrieb angeblich Aristoteles als "eine Art Kochung und Entzündung in ihrem Endstadium", und Ariston berichtete, wie sich die Alten den Kopf mit Binden umwickelten, um den Kopfschmerz einzudämmen. Plutarch empfahl den Genuss von Bittermandeln, weil sie "die inneren Teile des Körpers austrocknen und so die Anfüllung der Adern verhindern, von deren Anspannung und Störung man die Berauschung herleitet". Auch ein Spezialabsud aus Kräutern und Gewürzen als Weinbeimischung galt als probates Mittel, um den Kater am Morgen danach zu mildern.

"Dennoch waren die Hellenen keine zügellosen Alkoholiker", beschwichtigt Dr. Katja Kersten-Babeck allzu überschwängliche Vermutungen. Über Risiken und Nebenwirkungen des gegorenen Rebsaftes waren sie sich durchaus bewusst und genossen ihn im Alltag zumeist stark verdünnt mit Wasser. Die Altphilologin, die selbst gern ab und an einen gepflegten Rotwein französischer Provenienz in Maßen genießt, verweist mit Recht darauf, dass andere Rauschmittel als der Alkohol in der griechischen Antike unbekannt waren. Mit Tabak, Haschisch und harten Drogen bis zur Mode- und Discodroge "Extasy" verfügt schließlich der vorgeblich zivilisiertere Mitteleuropäer heute über ein weitaus breiteres - und gefährlicheres - Arsenal an Rauschmitteln als die Altvorderen in der klassischen Antike.

(Illustrationen auf Anfrage)


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