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Referenz-Informationssysteme: Mittelweg zwischen Paßform und Standard

22.05.2000 - (idw) Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Maßgeschneiderte Individualsoftware und weitgehend vorgefertigte Standardsoftware sind die zwei Pole integrierter betrieblicher Anwendungssysteme. Beide Arten haben zum Teil starke Nachteile. Prof. Dr. Peter Mertens und seine Mitarbeiter am Bereich Wirtschaftsinformatik I der Universität Erlangen-Nürnberg gehen daher der Frage nach, ob man bei der Entwicklung von Anwendungssystemen diese Software-Formen meiden, also Mittelwege beschreiten sollte. Im Zentrum der Überlegungen steht ein auf Branchen und Betriebstypen ausgerichtetes Software-Angebot.

Die Wirtschaftsinformatik folgt einer natürlichen Ausdifferenzierung, wie sie andere Disziplinen zum Teil wie selbstverständlich gehen (man denke an die Forschungen zu Gewebetypen in der Medizin oder über Elementarteilchen in der Physik). Die neueren Softwaretechniken werden in Zukunft eine Art der Entwicklung von Anwendungssystemen ermöglichen, wie sie für Produkte in etablierten, "reifen" Industrien schon seit Jahrzehnten fast selbstverständlich geworden ist. Z. B. verfügen die Maschinenbau- und die Automobilindustrie über eine Vielzahl an Komponentenlieferanten und oftmals hierarchische Zulieferstrukturen, sie haben verhältnismäßig niedrige Fertigungstiefen und verfolgen verstärkt Plattformstrategien.

Bisher ist die "herrschende Lehre", man müsse nach Branchen differenzieren, also z. B. unterschiedliche Anwendungssysteme für die Pharma-, die Chemie-, die Stahl-, die Automobilbranche usw. schaffen. Diesen Weg beschreiten große und kleine Softwareproduzenten, z. B. der Marktführer SAP.


21.000 Programmierer und ein Problemkreis

Idealtypisch bietet sich eine Kern-Schalen-Architektur an. Man sucht die Funktionen und Prozesse, die allen oder einer großen Zahl von Unternehmen gemeinsam sind, und vereint sie dann im Kern. Hingegen werden die branchenbezogenen Elemente in der Schale untergebracht. Beispiele für Branchenmodule sind: Algorithmen für das Stapeln von Barren in der Edelstahlindustrie, elektronische Produktkataloge mit Elementen der Virtuellen Realität in der Möbelindustrie, mathematische Verfahren zur Minimierung des Verschnitts in der Papierbranche.

Das folgende Rechenexempel verdeutlicht die Rationalisierungseffekte: Man denke sich sieben Funktionsbereiche in mittelständischen Betrieben, etwa die Sektoren Kostenrechnung, Finanzbuchhaltung, Anlagenbuchhaltung, Personalverwaltung, Beschaffung, Lagerhaltung und Fakturierung. Diese Sektoren seien bezüglich ihrer Informationsverarbeitungs (IV)-Funktionen, Daten und Geschäftsprozesse relativ einfach zu standardisieren. Jedes der etwa 3.000 Branchenpakete enthalte nun für jeden dieser sieben Bereiche die wichtigsten IV-Funktionen. Beschäftigt man nur einen Programmierer mit der Wartung und Pflege eines Bereichs für jedes Branchenpaket, so errechnen sich 21.000 Programmierer, die zur selben Zeit an denselben Problemen arbeiten!

Je mehr man sich mit branchenorientierten Modellen befaßt, desto deutlicher wird sichtbar, daß eine nur schlecht beherrschbare Kombinatorik resultiert.


Typus als Merkmal der Unterscheidung

Die Suche nach einem Ausweg führte zu dem Differenzierungskriterium "Betriebstyp". Es ist nicht auszuschließen, daß Betriebe mehrerer Branchen Anwendungssysteme nutzen können, die nach Betriebstypen orientiert sind. Ein Beispiel sind Konfiguratoren. Sie sind für viele Betriebe brauchbar, welche kundenorientierte Varianten herstellen, etwa in der Unterhaltungselektronik, bei Reisedienstleistern oder auch im Fahrzeugbau.

Ziel der Nürnberger Wirtschaftsinformatiker ist es abzuschätzen, ob man mit der Differenzierungsstrategie "Branchen" oder "Betriebstyp" zu einer kleineren Kombinatorik gelangt. Dies soll nun im Teilprojekt "Branche und Betriebstyp als Klassifikationskriterien von Referenzmodellen für Industrie- und angrenzende Dienstleistungsbetriebe" innerhalb des DFG-geförderten Forschungsvorhabens "Betriebliche Referenz-Informationsmodelle für Dienstleistungsunternehmen (BRID)" geschehen.

Eine wichtige Grundlage ist die in langjähriger Arbeit im Bereich Wirtschaftsinformatik I geschaffene Informationsbank ICF. Die Abkürzung steht für die drei betrachteten Dimensionen Branche (Industry), Merkmal (Characteristic) und IV-Anforderung (Function). Diese Informationsbank wurde im Hinblick auf die Fragestellung entworfen, welche Unternehmen welche Aufgaben mit IV unterstützen und warum gerade diese. Sie enthält Fallbeispiele von Unternehmen und deren IV-Systemen. Diese werden anhand von Katalogen für IV-Anforderungen (Funktionen ("Was"), Verfahren ("Wie"), sowie Parameter und Ausprägungen) beschrieben. In einem weiteren Modul lassen sich die Beziehungen von IV-Anforderungen und Merkmalen, aber auch von Branche und IV-Anforderungen statistisch ermitteln.

* Kontakt:

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Peter Mertens
Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre, insbes. Wirtschaftsinformatik I
Lange Gasse 20, 90403 Nürnberg
Tel.: 0911/5302 -284, Fax: 0911/53 66 34
E-Mail: mertens@wiso.uni-erlangen.de
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