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Fünf Jahre anwaltsorientierte Juristenausbildung in Heidelberg

07.06.2000 - (idw) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Programm hat sich zum Markenzeichen der Heidelberger Juristen-Ausbildung entwickelt - Förderverein der in Heidelberg lehrenden Anwälte, Hans Soldan Stiftung und Universität veranstalten am 16. Juni 2000 einen Festakt in der Alten Aula der Universität

"Nicht für das Examen, für das Leben lernen wir!" Dieser Devise konnten bislang nur wenige Jura-Studenten zustimmen. Denn obwohl etwa 80 % von ihnen später den Beruf des Rechtsanwalts ergreifen, folgt das Studium bundesweit dem Leitbild des Richterberufs. Ganz anders stehen die Dinge in Heidelberg. Das Programm "Anwaltsorientierte Juristenausbildung" hat sich in nunmehr fünf Jahren zum Markenzeichen der Heidelberger Juristen-Ausbildung entwickelt. Hochschullehrer und Rechtsanwälte machen die Studierenden hier gemeinsam für die Praxis fit. Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll und viele andere Teilnehmer aus Politik, Hochschule und Praxis würdigen den Erfolg des Programms in einem Festakt am 16. Juni 2000 in der Alten Aula der Universität.

Der Arbeitsmarkt für Juristen ist im Umbruch. Seit Jahren schon sind neue Stellen in Justiz und Verwaltung rar. Und so streifen sich mittlerweile 70 % bis 80 % der fertigen Juristen die Anwaltsrobe über. Ihre Startchancen sind alles andere als rosig. Sie drängen auf einen Markt, der von mehr als 100 000 Rechtsanwälten besetzt ist und schon lange nicht mehr jedem von ihnen ein gesichertes Einkommen verheißt. Hinzu kommt: Der Beruf des Anwalts ist ihnen in ihrer Ausbildung fremd geblieben, denn Leitbild der traditionellen Juristenausbildung ist die Figur des Richters. Die Interessen eines Mandanten zu vertreten, Verhandlungen zu führen oder Verträge abzuschließen - all dies ist Neuland für die jungen Rechtsanwälte.

Heidelberg bietet Startvorteil

Wer aus Heidelberg kommt, hat einen klaren Startvorteil: Er erfährt schon während des Studiums, was die Praxis bringt. Das Programm "Anwaltsorientierte Juristenausbildung" holt seit nunmehr fünf Jahren erfahrene Praktiker aus Heidelberg, Mannheim und der weiteren Umgebung in die universitären Lehrveranstaltungen. Heidelberg zog damit als eine der ersten deutschen Fakultäten die Konsequenz aus einer Fehlentwicklung des Jura-Studiums: Die traditionelle Juristen-Ausbildung versetzt den Studenten allein in die Perspektive des Richters. Er lernt also nur Fälle kennen, die im Streit enden. Streit zu vermeiden - die vornehmste und wichtigste Aufgabe des Rechtsanwalts - lernt er dabei nicht. Zwar gibt es landauf, landab an bundesdeutschen Fakultäten Spezialveranstaltungen zu anwaltlichen Themen. Die Angebote in Vertragsgestaltung, Berufsrecht oder Prozessführung werden aber nur von einer verschwindend geringen Minderheit der Studierenden wahr genommen. Die große Masse steuert zielstrebig das Examen an, und dort zählt bislang allein die traditionelle Richterperspektive.

Will man die große Masse erreichen, muss der Beruf des Anwalts in die Pflichtveranstaltungen des Studiums getragen werden. Dies ist in Heidelberg geglückt. In Zusammenarbeit mit der anwaltsnahen Hans Soldan Stiftung entstand ein Ausbildungskonzept, das jede einzelne Studentin und jeden einzelnen Studenten erreicht und auf die spätere Berufstätigkeit vorbereitet. Zahlreiche Rechtsanwälte beteiligen sich Jahr für Jahr mit großem Engagement an der Lehrtätigkeit und erfüllen das Projekt mit Leben.

So gewinnt jede Vorlesung durch den Bericht "aus erster Hand" zusätzlichen Reiz. Im Erbrecht sind zwar die gesetzliche Erbfolge und die Unterscheidung von Erben erster oder zweiter Ordnung nach wie vor zentral. Wer aus Heidelberg kommt, weiß aber auch, wofür das alles gut ist. "Estate planning" heißt das moderne Zauberwort; die umfassende Beratung eines Mandanten über die Gestaltung seines Nachlasses, die den Heidelberger Studierenden aus dem berufenen Munde des Praktikers erläutert wird. Oder das Recht der Kreditsicherheiten: Ob ein "Anwartschaftsrecht" dem "Vollrecht" gleich gestellt werden kann, muss auch der Anwalt wissen. Er sollte aber auch die Zwickmühle des Mandanten bedenken, der an der Zahlungsmoral seines Kunden zweifelt, gleichzeitig aber dessen Großauftrag nicht verlieren will, und deshalb nach geeigneten Sicherheiten fragt. Die Sichtweise des Richters, die nur abgeschlossene Fälle beurteilen muss, hilft hier nicht weiter.

Brauchen wir ein neues Leitbild der Juristenausbildung?

Anlässlich des fünfjährigen Bestehens der "Anwaltsorientierten Juristenausbildung" veranstalten der Förderverein der in Heidelberg lehrenden Anwälte und die Hans Soldan Stiftung gemeinsam mit der Universität am 16. Juni 2000 einen Festakt in der Alten Aula der Universität. Der baden-württembergische Justizminister Prof. Dr. Ulrich Goll und der Dekan der Juristischen Fakultät, Prof. Dr. Peter-Christian Müller-Graff, werden dort ebenso wie Vertreter der Anwaltschaft und der Hochschule Position zu den Perspektiven einer anwaltsorientierten Juristenausbildung beziehen. Der Festvortrag von Prof. Dr. Görg Haverkate widmet sich der Frage, die untrennbar mit einer zeitgemäßen Ausgestaltung des Jura-Studiums verbunden ist: Brauchen wir ein neues Leitbild der Juristenausbildung?

Zentrales Thema der nachfolgenden Diskussionsrunde, in der auch die Justizprüfungsämter vertreten sein werden, ist die anwaltsorientierte Prüfung. Gelernt wird (fast) nur das, was auch geprüft wird. Die juristischen Prüfungen müssen daher um anwaltsorientierte Prüfungsfälle erweitert werden. Die Heidelberger Fakultät hat auch hier Erfahrungen gesammelt. Fortgeschrittene Studenten bewältigen in der Übung im Bürgerlichen Recht seit langem Anwaltsfälle mit gutem Erfolg.

Die Heidelberger Erfahrungen sind auch in Buchform erhältlich. Dr. Gerald Rittershaus, Mannheimer Anwalt mit langjähriger Lehrpraxis, und Dr. Christoph Teichmann, ehemals selbst Anwalt und nun Wissenschaftlicher Assistent in Heidelberg, füllen mit ihrem Werk "Anwaltliche Vertragsgestaltung" eine Marktlücke. Bislang findet sich in der juristischen Fachliteratur kein Werk, das derart gezielt auf anwaltliche Prüfungsaufgaben des Studiums vorbereitet.

Für besonders interessierte Studenten hat der Heidelberger Lehrplan auch noch mehr zu bieten. Methodik der anwaltlichen Vertragsgestaltung, rechtliche Gestaltung im Familien- und Erbrecht und andere Spezialthemen finden großen Zulauf. Häufig wurde das Interesse am anwaltlichen Berufsbild gerade durch den ersten Kontakt in den Pflichtveranstaltungen geweckt. Wer sich dann zutraut, selbst "in den Ring zu steigen", nimmt am so genannten Moot Court teil. In simulierten Gerichts- oder Vertragsverhandlungen treten dort mehrere Teams gegeneinander an, um die Interessen ihrer Mandanten zu verfechten. Die Jurys sind gemischt besetzt, Professoren, Richter und Anwälte beurteilen die juristischen und rhetorischen Fähigkeiten der Studenten. Die Teilnehmer lernen dabei Teamarbeit, strategisches Denken und Verhandeln - Fähigkeiten, die sie in der Praxis dringend benötigen, im Studium aber bislang nicht erlernt haben.

Rückfragen bitte an:

Martin Altrock, Tel. 06221 547729
Juristisches Seminar der Universität Heidelberg
altrockm@hotmail.com

oder:
Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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