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100 Jahre Erdbebenforschung in Jena

14.06.2000 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jena/Moxa. (14.06.00) Ziemlich genau vor 100 Jahren, im Mai 1900, nahmen Wissenschaftler im Physikalischen Institut der Universität Jena den Betrieb eines der weltweit ersten seismologischen Observatorien auf. Grund genug für die heutige Generation von Jenaer Geophysikern, das Jubiläum zünftig zu begehen: mit einem Festkolloquium an diesem Freitag, dem 15. Juni, in Jena, und einem Tag der offenen Tür am Samstag, dem 16. Juni, im Geodynamischen Observatorium Moxa, das nach umfangreichen Renovierungen und Erweiterungen eingeweiht werden soll. Neben den seismischen Geräten arbeiten dort - gewissermaßen als Geburtstagspräsente - ein neues, rund eine Million Mark teures supraleitendes Gravimeter und ein Laser-Strainmeter.

Das hochempfindliche Gravimeter, das mit großer Präzision und in hoher zeitlicher Auflösung misst, soll dabei helfen, Schwerkraftänderungen an der Erdoberfläche zu erkennen, um damit u.a. den Aufbau des Erdkerns besser zu erforschen. Damit wird die Thüringer Station in Moxa in ein weltweites Netz von 18 gravimetrischen Forschungseinrichtungen integriert. "Die exakte Justierung und Kalibrierung der Apparatur war ausgesprochen aufwändig", erklärt der Jenaer Geophysiker Prof. Dr. Gerhard Jentzsch. Das Herzstück der Anlage besteht aus einer Niob-Kugel, die bei minus 269 °C Kälte - also unter Supraleitung - in einem konstanten Magnetfeld schwebt.

Vergleichsweise einfach waren die ersten Seismographen konstruiert, die im April 1900 von Adolf Winkelmann und Rudolf Straubel, quasi Jentzschs Urvätern im Amte, installiert wurden. Horizontalpendel nach Rebeur-Ehlert und ein Vertikal-Seismograph, von Straubel selbst entwickelt, bildeten das Hightech-Equipment im Jahre 1900. "Damit könnte man heute noch Erdbewegungen messen", lobt Jentzsch die Altvorderen, "natürlich nicht so präzise wie mit den modernen Anlagen." Dass überhaupt Jena - neben Straßburg und Potsdam - zu einem der Erdbebenforschungs-Zentren in der wilhelminischen Zeit erwuchs, ist der ideellen Förderung Ernst Abbes und der finanziellen Unterstützung der Zeiß-Stiftung zu danken.

Erster Standort der Jenaer Erdbebenstation war das damalige Physikalische Institut in der Neugasse, aber schon im Jahre 1902 zog man in einen Tiefkeller der alten Sternwarte im Schillergässchen um - zehn Meter unter der Erde. Nach dem 1. Weltkrieg kam sogar die Reichszentrale für Erdbebenforschung in ein neues Institutsgebäude in den Fröbelstieg am Landgrafen. 1945 nahm die Akademie der Wissenschaften der DDR die Geophysiker unter ihre Fittiche, erst 1991 fanden sie als Institut für Geowissenschaften zur Friedrich-Schiller-Universität.

"Nach wie vor gehören Erdbeben zu den Naturkatastrophen, die im Menschen wahre Urängste schüren", weiß Prof. Dr. Gerhard Jentzsch. "Wir gehen mit diesen Phänomenen sehr nüchtern um, können sie sogar inzwischen recht genau erklären und geotektonische Gefährdungsgebiete eingrenzen, aber die wichtigen Fragen nach dem Zeitpunkt, dem Ort und der Stärke eines Bebens werden wir wohl nie vorhersagen können - daher widmen wir uns lieber der Schadensbegrenzung."

Kernstück der Thüringer geophysikalischen Forschungseinrichtungen ist seit 1964 ein Forschungsstollen und eine Station in Moxa, die heute den Hightech-Gerätepark eines beachtlichen geodynamischen Observatoriums beherbergt: ein Horchposten, der jedes feine Knirschen im Erdinnern kilometerweit registriert. "Wir arbeiten in weltumspannenden Netzwerken", erläutert Jentzsch. Wenn in der Türkei, in Chile oder in Fernost die Erde bebt, bleibt das den Thüringer Wissenschaftlern nicht verborgen. Aus der gemeinsamen Datenanalyse mit Kollegen anderer Forschungsstationen sind Rückschlüsse auf Stärke und Epizentrum des Bebens und Analysen der neuen geotektonischen Situation möglich.

Besonders am Herzen aber liegt Jentzsch die Erdbebenforschung vor Ort. "Ostthüringen und das Vogtland sind besonders gefährdete Erdbebengebiete", warnt Jentzsch. Das letzte größere Beben datiert zwar aus dem 19. Jahrhundert, "aber fast täglich knirscht und knarzt es unter unseren Füßen." Ein Beben, das auch größere Bauschäden anrichtet, hält Prof. Jentzsch für nicht unwahrscheinlich. Damit dann das Schadensausmaß möglichst gering bleibt, erstellt er mit seinem Team eine spezielle Mikrozonen-Karte. Dort sind jene Gebiete verzeichnet, in der sensible Bauwerke wie Brücken, Talsperren oder teure Fabrikanlagen buchstäblich einen schweren Stand haben.


Ansprechpartner:
Prof. Dr. Gerhard Jentzsch
Institut für Geowissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tel. 03641/948661, Fax: 948662, E-Mail: Jentzsch@geo.uni-jena.de


Friedrich-Schiller-Universität
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Wolfgang Hirsch
Fürstengraben 1
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