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Freiheit oder Wohlstand?

22.11.2000 - (idw) Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung gGmbH

Für die Ostdeutschen ist Freiheit wichtiger als Wohlstand

Demokratiezufriedenheit in Osteuropa

Berlin (wbs) Die Zufriedenheit der Ostdeutschen mit der Demokratie hängt vor allem davon ab, ob die Bürger elementare Freiheitsrechte als gewährleistet ansehen. Dagegen zählen in Ungarn die Freiheiten nicht so viel. Dort wird die Demokratiezufriedenheit in erster Linie von der individuellen wirtschaftlichen Situation bestimmt. Dies geht aus einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) hervor, die schwerpunktmäßig Ostdeutschland und Ungarn vergleicht.

Mit Umfragedaten haben Verena Tobsch (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, DIW) und Jan Delhey (WZB) untersucht, wie die Menschen in Osteuropa Demokratie und Marktwirtschaft bewerten. Ostdeutschland gehört dabei mit Polen, Tschechien und Slowenien zu den Ländern, in denen der Abschied vom Sozialismus überwiegend als Erfolg gesehen wird. In Ländern wie Rumänien, Bulgarien und der Slowakei ist die Bilanz gemischt, während der Systemwechsel in Rußland, Weißrußland und der Ukraine von der Mehrheit als Verschlechterung gegenüber dem Kommunismus gesehen wird.

Überraschenderweise ist dies auch in Ungarn so. Überraschend deshalb, weil die Reformen in Ungarn nach Expertenmeinung erfolgreich verlaufen und das Land als heißer Anwärter für einen EU-Beitritt im Zuge der Osterweiterung gilt. Über die letzten zehn Jahre betrachtet sind diese unterschiedlichen Bewertungen relativ konstant.

Für die Politiker ist es wichtig zu wissen, worauf die Zufriedenheit der Bürger mit ihrem politischen System beruht. Dies wurde detailliert für Ostdeutschland und Ungarn untersucht. In Ostdeutschland ist es vor allem die Verwirklichung demokratischer Bürgerrechte wie der Meinungsfreiheit, die die Zufriedenheit mit den demokratischen Institutionen erhöht. Die wirtschaftliche Situation der Befragten ist von weit geringerer Bedeutung.

In Ungarn ist es umgekehrt. Die wirtschaftliche Situation ist der stärkste Einflußfaktor. Bislang glaubte man, daß in allen ehemals sozialistischen Ländern die neugewonnene Freiheit die Hauptquelle der Legitimität ist. Für die Ungarn spielen aber auch Aspekte wie die Gewährleistung sozialer Absicherung, öffentlicher Sicherheit und sozialer Gerechtigkeit eine Rolle - alles Gesichtspunkte, die für das Urteil der Ostdeutschen nicht zentral sind.

Eine Erklärung könnte so lauten: Das SED-Regime war sehr repressiv, der ungarische Sozialismus war schon in den 80er Jahren reformorientiert. Die Ostdeutschen haben mit der Wende deshalb "mehr" an Freiheit gewonnen als die Ungarn. Eine zweite Erklärung könnte lauten: Die heutigen sozialen Probleme sind in Ungarn um ein vielfaches größer als in den neuen Bundesländern - die Ungarn achten deshalb vor allem auf ihre eigene wirtschaftliche Lage und auf soziale Probleme.

Wollen die Regierungen der osteuropäischen Staaten die Unterstützung in der Bevölkerung erhöhen, müssen sie sich also stärker als bisher um die Wohlfahrtsentwicklung kümmern. Nur wenn sich die Lebensverhältnisse für breite soziale Schichten verbessern, können sich die noch jungen Demokratien festigen. Offen ist, wieviel Aufmerksamkeit die Politiker sozialen Gesichtspunkten in Zukunft schenken werden.

Weitere Informationen: Jan Delhey
Tel.: 030 - 25 49 13 83
E-mail: delhey@medea.wz-berlin.de

"Freiheit und Wohlstand", in: WZB-Mitteilungen, Heft 89, September 2000, S. 11-14

Jan Delhey, Verena Tobsch, Understanding Regime Support in New Democracies - Does Politics Really Matter More than Economics?, 31 S. (WZB-Bestellnummer FS III 00-403)
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