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Forscher erstellen das "Who is who" für eine altorientalische Stadt

22.11.2000 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Einwohnermeldeämter gab es im Alten Orient noch nicht. Dennoch hatten Beamte und Schreiber einen perfekten Überblick über Steuerzahler, Wehrdienstpflichtige und Empfänger von Versorgungsleistungen: Möglich wurde dies durch die Anlage von "Datenbanken" mit Hilfe der Keilschrift. Wissenschaftler von der Universität Würzburg haben eine solche Datenbank - das Tontafel-Archiv eines altorientalischen Prinzen - geordnet. Jetzt wollen sie daraus ein "Who is who" erstellen.


Eine altorientalische Keilschrifttafel aus dem 14. Jahrhundert v.Chr. Sie gehört zu den rund 5.000 Urkunden aus der altorientalischen Stadt Nuzi, an deren Entzifferung und Auswertung Wissenschaftler aus Würzburg, Harvard und Cornell arbeiten. Die Hieroglyphen der Ägypter und die Keilschrift Mesopotamiens sind die ältesten Schriftsysteme der Menschheit. Die letztgenannte Schrift bediente sich eines besonders billigen "Datenträgers", der noch dazu viel dauerhafter ist als Pergament, Papier und Disketten, nämlich kissen- oder plattenförmige Tafeln aus Ton. In diese wurden die Schriftzeichen mit einem Griffel eingedrückt.

Im Gegensatz zu allen anderen Schriftträgern tut ein Brand einer Tontafel nur gut: Gerade in den Städten Altvorderasiens, die in vergangenen Zeiten einer Feuersbrunst zum Opfer fielen, ist die Ausbeute der Archäologen an Tontafeln besonders groß, weil die ursprünglich meist nur an der Sonne getrockneten Tafeln im Feuer hart und dauerhaft wie Ziegel wurden.

Mehrere hunderttausend solcher Tontafeln sind in Vorderasien bislang geborgen worden. Allerdings verteilen sie sich über drei Jahrtausende und einen gewaltigen geografischen Raum, der vor allem die heutigen Staaten Irak, Syrien und Türkei umfasst. Nur unter besonders günstigen Umständen ist es möglich, das "Who is who" einer altorientalischen Stadt zu rekonstruieren: Dazu müssen sehr viele gleich alte Texte von einem einzigen Ort vorhanden sein.

Dass solche Forschungen wichtige kulturgeschichtliche Erkenntnisse bringen können, zeigt ein Projekt am Institut für Orientalische Philologie der Universität Würzburg. Dort haben Prof. Dr. Gernot Wilhelm und seine Mitarbeiter nach langjähriger Arbeit an Tontafeln im Semitic Museum der Harvard-Universität (USA) jetzt das 730 Tontafeln umfassende Archiv eines altorientalischen Prinzen und Großgrundbesitzers aus der Gegend des heutigen irakischen Erdölzentrums Kirkuk rekonstruiert. Bevor es so weit war, mussten sich die Forscher durch einen Berg von rund 5.000 Tafeln und Tafelfragmenten kämpfen, die eine amerikanische Expedition um 1930 ausgegraben hatte.

Bei dem Archiv des Prinzen handelt es sich vor allem um Personallisten, Listen von Empfängern von Getreide-, Öl- und Wollzuteilungen, Quittungen, Briefe, Gerichtsurteile, Darlehensverträge, Adoptionsverträge und Testamente. Damit all diese Urkunden nicht ein "Datenfriedhof" bleiben, müssen die hinter den Namen stehenden Individuen und ihre Position und Funktion innerhalb des sozialen Netzwerks so weit wie möglich ermittelt werden. Prof. Wilhelm: "Eine solche Auswertung erlaubt es, die wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Verhältnisse einer altorientalischen Region sehr genau zu rekonstruieren und vermittelt gleichzeitig ein lebendiges Bild einer seit Jahrtausenden vergangenen Zeit."

Für diese zweite Stufe des Projekts hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft Prof. Wilhelm Personal- und Reisemittel bewilligt: Zwei Jahre lang wird er nun mit seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Barbara Spering die etwa 12.000 Namenseinträge der Urkunden in ein "Who is who" verwandeln können.

Weitere Informationen: Prof. Dr. Gernot Wilhelm, T (0931) 31-2861, Fax (0931) 31-2674, E-Mail:

gernot.wilhelm@mail.uni-wuerzburg.de
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