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Im 18. Jahrhundert wandelte sich das musikalische Denken

29.11.2000 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Im Jahr 1725 erschien die Kompositionslehre des kaiserlichen Hofkapellmeisters Johann Joseph Fux. Dieses in lateinischer Sprache geschriebene Werk wurde seinerzeit in vier Sprachen übersetzt. Musikwissenschaftler von der Universität Würzburg erforschen diese Übersetzungstätigkeit und versuchen dabei, den Wandel im musikalischen Denken dieser Zeit nachzuvollziehen.


Ausschnitte aus der Kompositionslehre von Fux: Links der lateinische Ausgangstext (1725), rechts die französische Übersetzung (um 1775). Der Übersetzer aktualisierte den Text und erleichterte die Lektüre der Notenbeispiele. Heutzutage erscheint es selbstverständlich, dass Texte fremdsprachiger Autoren, sofern sie in einem wichtigen aktuellen Diskussionszusammenhang auftauchen, auch übersetzt werden. Umgekehrt kann häufig beobachtet werden, dass ein Text erst dann in einem bestimmten Kulturkreis wahrgenommen oder diskutiert wird, wenn seine Übersetzung vorliegt.

Im 18. Jahrhundert stieg die Zahl der Publikationen in Europa massiv an. Dies geschah vor dem Hintergrund einer generellen Alphabetisierung der Bevölkerung, der Ausbildung einer lesenden Öffentlichkeit und einer zunehmenden Kultivierung der Nationalsprachen.

Die rege Publikationstätigkeit wirkte sich vor allem auch auf den Sektor der Übersetzung aus. Dieser entwickelte sich rasch zu einem fast schon industriellen, straff organisierten und scharf kalkulierenden Gewerbe, das etwa der Verleger Friedrich Nicolai 1773 in seinem satirischen Roman "Sebaldus Nothanker" am Beispiel Leipzigs beschrieb.

"Doch vor solchen allzu starken Verallgemeinerungen sollte man sich hüten", sagt der Würzburger Musikwissenschaftler Oliver Wiener: In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe die kulturhistorische Forschung über den Wissenstransfer in Europa darauf aufmerksam gemacht, dass die Übersetzungstätigkeit auf den verschiedenen kulturellen Gebieten durchaus differenziert betrachtet werden müsse.

Hier setzt ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt an, das unter der Leitung von Prof. Dr. Ulrich Konrad am Würzburger Institut für Musikwissenschaft läuft: Grundlage bilden die vier gedruckten Übersetzungen der "Gradus ad Parnassum, sive manuductio ad compositionem regularem", der 1725 erschienenen Kompositionslehre von Johann Joseph Fux. Oliver Wiener untersucht, welche Rolle diese Übersetzungen für die europäische Gesamtrezeption des Textes bis etwa 1810 spielten.

1742 wurde der Text ins Deutsche übertragen, 1761 ins Italienische, um 1770 ins Englische und schließlich etwa um 1775 ins Französische. In diesen Zeitraum fällt laut Wiener eine Phase des radikalen Umbruchs der musikalischen Sprache wie auch des Sprechens über Musik: Daher soll bei dem Projekt versucht werden, die Funktion der Texte medientheoretisch und begriffsgeschichtlich zu bestimmen, um ein Modell für die Erforschung der Übersetzertätigkeit in der Musiktheorie und damit auch für den Wandel im musikalischen Denken zu erhalten.

Weitere Informationen: Oliver Wiener, T (0931) 31-2828, Fax (0931) 31-2830, E-Mail:
oliver.wiener@mail.uni-wuerzburg.de
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