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"Genieße das Leben!" - Eindrücke aus drei Monaten Brasilien

16.01.2001 - (idw) Technische Universität Clausthal

Alexander Stintzing studiert in Clausthal Verfahrenstechnik. In diesem Herbst war er für drei Monate als IAESTE-Praktikant an der Universität von Campinas in Brasilien. Überschäumende Lebensfreude, beeindruckende Natur, Armut, Kriminalität - ein Land der Kontraste.


Auf weiten Touren durchs Land.
Straßenfest in Salvador. "Als ich ankam, waren in Brasilien gerade Komunalwahlen. In Brasilien herrscht Wahlpflicht. Es zieht recht heftige Nachteile nach sich, nicht wählen zu gehen. Einen Führerschein zu bekommen, ist fast aussichtslos, keinen Ausweis, kein Visum für Ausland. Daß die Brasilianer deshalb gerne zur Wahl gehen, kann ich nicht behaupten. So hatte mein Gastgeber beschlossen, seine Stimme aus Protest ungültig zu machen. Die allgemeine Einstellung ist, Politiker seien korrupt, egoistisch. Etwas abgeschwächt ist das ein Urteil, das die Brasilianer scheinbar allgemein gegenüber ihren Landsleuten haben. Mit dem Ergebnis, daß sie Ausländern mehr vertrauen als Einheimischen. Grundsätzliche Ausländerfeindlichkeit wie in Deutschland habe ich hier auch nie erlebt, nur das Gegenteil. Und das ganz massiv." Die Wahlkämpfer fuhren in die Armutsquartiere, verschenkten Essen, T-Shirts und Basecaps mit ihrem Gesicht und ihrer Wahlnummer und hoffen dafür gewählt zu werden. "Brot und Spiele. Da die Menschen wählen müssen, zeigte diese Strategie auch Erfolg. Denn leider gilt oft, je ärmer die Leute sind, desto ungebildeter sind sie und desto leichter sind sie manipulierbar", berichtete er.

"Die Menschen waren wahnsinnig nett, freundlich und offen. Brasilianer haben eine ungeheure Energie. Manche meiner brasilianischen Kommilitonen arbeiteten tagsüber, nachts studierten sie. Claudia aus Rio arbeitete tagsüber bei Nestlé in Sao Paulo, studierte um die vier Stunden täglich und zog dann noch zwei Mal die Woche nachts mit uns Gringos umher. Woher sie die Kraft für das alles nahm, ich habe keine Ahnung. Und wenn das normale Studium geschafft wurde, kann man ja noch Aufbaustudien oder Sprachkurse belegen." Ein Besuch in Rio de Janeiro: " Eine riesige Meeresbucht, Berge, die so steil und hoch sind, daß man auf einige nur mit Seil und Steigeisen kommt, unterteilen die 8-Millionenstadt in viele kleine, klar voneinander abgetrennte Viertel. Diese Berge sind Reservate unberührter Natur inmitten der Stadt und die vielen kleinen Strände geben einem manchmal das Gefühl, man wäre in einem kleinen Fischerstädtchen. Die Copacabana ist eine der lebendigsten Strände. Touristen beobachten die schönen einheimischen Frauen, diese die Touris, die Armen beobachten die Reichen, die Reichen ignorieren die Armen. Wir waren auch auf dem Corcovado, auf dem die weltberühmte, leicht überdimensionale Jesusfigur steht. Jesus und Corcovado waren uns hold und schenkten uns bei strahlendem Sonnenschein einen so tollen Blick, daß ich mich spätestens hier in Rio verliebte. Genieße das Leben!"

Mit größter Sympathie für das südamerikanische Lebensgefühl sah er vieles recht kritisch: "Erfolgreich war die Privatisierung der Autobahnen. Die Regierung baut, verkauft sie, und die privaten Eigner sind für die Instandhaltung verantwortlich. Sind die Straßen zu schlecht, dürfen die Eigentümer keine Mautgebühren mehr verlangen. Das funktionierte gut. Es gibt aber in Brasilien auch einige Politiker, welche die staatlichen Universitäten privatisieren wollen. Die Begründung dafür ist extrem zynisch. Die öffentlichen Schulen in Brasilien haben mittlerweile eine sehr schlechte Qualität. Wer auf einer staatlichen Schule war, hat kaum eine Chance den Aufnahmetest an der Uni zu bestehen. Nur Abgänger der teuer zu bezahlenden Privatschulen schaffen das. Also wird argumentiert: Weil eh nur die Kinder reicher Eltern eine Uni besuchen könnten, könne man die Universitäten auch privatisieren. Gewissermaßen wird argumentiert: Da uns ein Standbein, die öffentliche Schulbildung, verfault ist, macht es keinen Sinn, diese wiederherzustellen, wir reißen lieber auch noch heile Standbeine ein."

Zusammen mit anderen IAESTE-Studenten bildeten sie einen international gemischten Kreis. Eine Israelin erzählte ihm, daß in Israel erst seit wenigen Jahren in der Öffentlichkeit über die Judenvernichtung der Nazis gesprochen werde. " Als nach 1945 die Juden aus Deutschland und Europa nach Israel kamen, wurde ihnen vorgeworfen, warum sie nicht einen Aufstand gegen Hitler unternommen hätten oder ausgewandert seien. Den recht wehrhaften israelischen Juden war dieses schlicht unverständlich, und so reagierten sie mit Ablehnung und Verachtung. Die dem Holocaust entkommenden Juden trauten sich nicht mehr darüber zu reden und schwiegen lieber. Angesichts der Hölle, die sie hinter sich hatten, ein psychisch wohl schwer zu bewältigendes Unterfangen." Alexander Stintzing erlebte, wie Serben, Kroaten und Slowenen, beim Sturz Milosevics in Serbien, im fernen Brasilien zusammenhockten, um darüber zu reden und zu feiern: "Jeder sprach in seiner Sprache, sie verstanden sich problemlos. Alle sahen ihre Zukunft in der Europäischen Union. Und sie hatten große Sorgen, was passieren könnte, wenn diese Tür geschlossen bleibt."

Sein Fazit: "Das Eintauchen in eine andere Kultur erweitert den Horizont enorm, bringt praktische Lebenserfahrung im Umgang mit neuen unbekannten Situationen und Problemen. Sprachkenntnisse werden aufgefrischt und ausgebaut, neue Kontakte und Freundschaften entstehen weltweit und last but not least - es macht Spaß!"

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