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Umbruch um 1800 - Aufbruch zu einer Ästhetik der Moderne

17.01.2001 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jena (17.01.01) "Die andere Natur" nehmen Kunsthistoriker der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit einem Symposium vom 25. bis 27. Januar ins Blickfeld. Dabei spüren sie einem bahnbrechenden Umbruch im Naturverständnis und in der künstlerischen Naturbetrachtung nach, der sich um 1800 vollzogen hat. "Wir können während dieser Phase längst nicht mehr in Epochen wie Klassik und Romantik unterscheiden", gesteht Veranstalter Prof. Dr. Reinhard Wegner. "Im Grunde geht es sogar um die Geburtsstunde der Moderne." Namhafte Wissenschaftler wie die Professoren Horst Bredekamp, Werner Busch, Hartmut Böhme und John Neubauer nehmen an diesem Symposium teil, das im Rahmen des Jenaer Sonderforschungsbereichs "Ereignis Weimar - Jena. Kultur um 1800" stattfindet.

Um 1800 entsteht die Tendenz, Natur nicht mehr nach einem abstrakten Modell systematisieren und gestalten zu wollen, sondern ein der Natur inneliegendes Prinzip zu erkennen und zu adaptieren. Wegner: "Wir bemerken das etwa an den Gestaltungskonzepten für den von Goethe 1794 begründeten Botanischen Garten in Jena oder den Ilmpark in Weimar." Beides sind frühe Beispiele für die Abkehr von einem systematischen Prinzip, wie es der schwedische Naturforscher und Landschaftsarchitekt Carl von Linné geprägt hatte. Vielmehr bemühte man sich nun um eine natürliche Pflanzordnung, wie man sie als organisch aus dem Wesen der Natur entstanden glaubte.

"Johann Wolfgang Goethe ist für uns ein Kronzeuge, der diesen einschneidenden Wandel in der Naturbetrachtung dokumentiert", meint Reinhard Wegner. "Die Folgen in der Kunstgeschichte sind eminent." Auch überlieferte Diskussionen, Briefwechseln und Schriften des Jenaer Kreises um Goethe, Schiller, Schlegel und Humboldt ziehen die Wissenschaftler bei dieser Spurensuche heran. Goethes Verständnis von natürlichen Entstehungsprozessen beruht maßgeblich auf dem Metamorphosen-Begriff: Die Natur bildet sich demnach selbst, sie erlangt Autonomie von Eingriffen des Menschen, und ihre augenfälligen Ausprägungen entstehen aus Verwandlungen. Nachzulesen ist diese Anschauung zum Beispiel im "Faust", aber auch in vielen theoretischen Schriften des Weimarer Gelehrten.

Für die zeitgenössische Avantgarde nach 1800 bedeutete dieser ästhetische Umbruch eine Abkehr von althergebrachten formalen Prinzipien wie Perspektive, Proportionsregeln, Goldener Schnitt und anderen Bildsymmetrien. Stattdessen versuchten Maler wie Philipp Otto Runge oder Caspar David Friedrich nun, Landschaften nicht mehr nach kompositorisch aufgestülpten Regeln zu malen, sondern sie so darzustellen, wie sie sich ihrem Auge zeigten. "Maßgeblich für den Paradigmenwechsel ist demnach nicht das Ergebnis, sondern die ästhetische Anschauung, die ihm zu Grunde liegt", so Reinhard Wegner. Letztlich kreierten diese Maler also ihre Bilder so, wie sie die Natur selbst empfanden: als autonome Formen. Kunstwerke sind demnach nicht mehr reine Abbilder, sie entfalten - für sich und ebenfalls autonom - wiederum eine zweite, eine andere Natur.

In letzer Konsequenz öffnet dieser Wandel in der Ästhetik, d. h. in der Wahrnehmung, von Natur den Aufbruch in die Moderne. Wegner: "Wenn man etwa an Caspar David Friedrichs ,Eismeer' denkt, so sind hier nicht nur die lange Zeit gültigen Malregeln verletzt. Wir haben es auch nicht mit einer dokumentarischen Abbildung von Landschaft zu tun. Sondern Friedrich zeigt eine Interpretation des Eismeers, so wie er es sah: in einer dramatischen Komposition von Farben und Formen, die eigentlich schon abstrakten Charakter tragen."

Ganz nebenbei erhalten die internationalen Teilnehmer des Symposiums "Die andere Natur" auch eine luziden Einblick in jene Räume, wo dereinst der Jenaer Kreis zur Teestunde angeregte Ästhetik-Diskussionen pflegte: Das Frommannsche Haus am Fürstengraben, die ehemalige Residenz des Verlegers Carl Friedrich Ernst Frommann (1765-1837), wurde in den letzten Jahren liebevoll restauriert und dient nun den Jenaer Kunsthistorikern, Germanisten und Kulturgeschichtlern als Domizil. Tagungsort ist zwar der Senatssaal im Universitätshauptgebäude vis-à-vis, zur Tee- und Kaffeepause indes wird man sich an orignärer Geistesstätte einfinden.

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Reinhard Wegner
Kunsthistorisches Seminar der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Tel.: 03641/944175, Fax: 944172
E-Mail: reinhard.wegner@uni-jena.de


Friedrich-Schiller-Universität Jena
Dr. Wolfgang Hirsch
Referat Öffentlichkeitsarbeit
Fürstengraben 1
D-07743 Jena
Telefon: 03641 · 931030
Telefax: 03641 · 931032
E-Mail: roe@uni-jena.de
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