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Präsident Theodor Berchem zur geplanten Dienstrechtsreform

07.02.2001 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Der Präsident der Universität Würzburg, Prof. Dr. Theodor Berchem, der zugleich Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) ist, hat in einem Interview mit der in Würzburg erscheinenden Tageszeitung Main-Post am Samstag, 3. Februar 2001, Stellung zu den Überlegungen zur Dienstrechtsreform an den Hochschulen bezogen. Nachfolgend ist das Interview, das Main-Post-Redakteur Dr. Ludwig Sanhüter führte, dokumentiert.

Frage: Bundesministerin Bulmahn hat in ihrer Bilanz zur Mitte der Legislaturperiode erklärt, die Stagnation der Bildungspolitik auf Bundesebene sei überwunden. Wie sehen Sie das?

Berchem: Es ist Frau Bulmahn gelungen, mehr Mittel für die Bildung flüssig zu machen, das muss anerkannt werden. So soll Geld in Milliardenhöhe aus den UMTS-Erlösen in die Bildungs- und Forschungsförderung fließen. Aber der Bund ist nur zum Teil für uns zuständig, und in den Ländern sieht es recht unterschiedlich aus. Wir in Bayern sind noch verhältnismäßig gut dran. Es ist allerdings zu fragen, wie lange Bayern den Standard halten kann, denn das Geld aus den Privatisierungserlösen ist eines Tages auch ausgegeben. Da werden noch einige Probleme auf uns zukommen. Wir können nämlich nur dann Fördermittel einwerben, wenn eine angemessene staatliche Grundfinanzierung gesichert ist.

Frage: Wie kann sich Würzburg seinen Anteil sichern?

Berchem: Das Geld wird natürlich nicht einfach auf die Universitäten verteilt, sondern sie bewerben sich mit ihren Forschungsprogrammen um Fördermittel. Die Universität Würzburg ist z. B. bundesweit auf Platz zehn bei der Einwerbung von DFG-Drittmitteln - vor sehr angesehenen anderen Hochschulen. Wir bemühen uns, in diesem Wettbewerb auch weiterhin einen Spitzenplatz einzunehmen, z. B. im Bereich der biomedizinischen Forschung.
Frage: Ministerin Bulmahn will auch das Dienstrecht reformieren: Professoren sollen niedrigere Grundgehälter und leistungsabhängige Zulagen erhalten. Was bringt das?
Berchem: Die Professorenbezüge liegen jetzt im Schnitt bei etwa 10.000 Mark brutto, davon sollen künftig rund 2.000 Mark von den Leistungen in Forschung, Lehre und Selbstverwaltung abhängen. Ob das für die klügsten Köpfe, nach denen wir ja suchen sollen, angemessen ist, das hat nie jemand hinterfragt. Es wurde nur unterstellt, Professoren verdienten zu viel und seien zu faul. Nach den Plänen sollen die Leistungen alle fünf bis sieben Jahre überprüft und die Besoldung neu festgesetzt werden. Dazu brauche ich aber immer unter anderem zwei Gutachten, und das halte ich für unrealistisch: Bei einem fünfjährigen Turnus würde das bei den 400 Professoren der Universität Würzburg 160 Gutachten pro Jahr erforderlich machen, bundesweit 16.000. Das ist absurd, dieser Wust von Bürokratie würde uns ersticken.

Frage: Aber wer jetzt im Dienst ist, hat Besitzstandswahrung.

Berchem: Das ist richtig. Deswegen wird der Schaden auch nicht sofort, sondern erst in einigen Jahrzehnten eintreten. Denn wer unter den geplanten Bedingungen noch die Ochsentour einer Professorenlaufbahn auf sich nähme, müsste in seiner praktischen Intelligenz sehr beschränkt sein.

Frage: Junge Forscher sollen nicht mehr als Assistenten eines Professors, sondern als Juniorprofessoren selbstständig lehren können. Das soll die Laufbahn attraktiver machen.

Berchem: Im Prinzip ist die Idee nicht schlecht. Die Leute in der Qualifizierungsphase müssen jünger werden; ihre kreative Phase liegt in dieser Zeit, und diese sollen sie nutzen, wenn sie ins Amt kommen. Allerdings ist das Vorhaben kostenneutral geplant. Ein Juniorprofessor verdient jedoch mehr als ein Assistent. Auch wenn das nicht sehr viel ist, summieren sich diese Beträge. Und wenn tatsächlich 6.000 Assistentenstellen in Juniorprofessuren umgewandelt werden, ergibt das leicht einen Mehraufwand im siebenstelligen Bereich. Ohne steigende Kosten kann das nicht funktionieren. Es fragt sich auch, wie die Universität die Ausstattung für diese Juniorprofessoren finanzieren soll, wenn sie jetzt schon Schwierigkeiten bei der adäquaten Ausstattung für C4-Professoren hat - ganz zu schweigen von den C3-Stellen. Und ich will noch einen zusätzlichen Aspekt nennen: Wir reden seit Jahren über die Verbesserung der Lehre, und wir sind uns auch einig, dass da das eine oder andere zu verbessern ist. Wer jetzt Professor wird, hat meist nach dem Doktorat sechs bis zehn Jahre Lehr-Erfahrung als Assistent. Die Juniorprofessoren hingegen können gar keine Lehrerfahrung haben. Sie werden ins kalte Wasser geworfen; denn sie sollen ja relativ bald nach dem Doktorat dann Professoren werden. Wenn alle Änderungen so eingeführt würden, wie es vorgesehen ist - die Frage der Besoldung und die Juniorprofessur sind ja nur zwei von fünf Punkten - dann wäre dies das Ende für den Wissenschaftsstandort Deutschland.

Frage: Sehen Sie Privatuniversitäten als besondere Konkurrenz an? Können die etwas besser als staatliche Hochschulen?

Berchem: Ich bin dem Gedanken der Privatuniversität immer sehr offen gegenübergestanden. Nur muss man erstens sehen, dass das meiste, was jetzt unter diesem Namen läuft, den Titel Universität nicht verdient, weil es zu klein ist. Wenn ich nur Ökonomie oder Medizin anbiete, bin ich noch keine Universität. Zweitens sind viele gar nicht so sehr privat, weil sie doch am staatlichen Tropf hängen. Trotzdem dürfen sie z.B. Studiengebühren erheben. Private Hochschulgründungen werden ohnehin zahlenmäßig begrenzt bleiben, einfach aus finanziellen Gründen. Die Universität Würzburg hat einen Haushalt von einer Milliarde Mark. Wenn ich das durch Stiftungskapital absichern wollte, bräuchte ich bei fünf Prozent Verzinsung 20 Milliarden Kapital. Aber wir haben nicht wie die USA eine über Generationen gewachsene Stiftungskultur. Die Harvard University hat z. B. ein Stiftungsvermögen von umgerechnet 26 Milliarden Mark.

Frage: Wie werden sich die Studentenzahlen entwickeln? Entlastet der für 2020 bis 2030 erwartete Rückgang an jungen Leuten die Universitäten?

Berchem: Da bewegen wir uns auf dem Gebiet der Spekulation. Zunächst einmal werden die Studentenzahlen in den nächsten 15 Jahren noch ansteigen. Eigentlich müsste jeder Hochschulpräsident sich freuen, wenn die Zahlen dann zurückgehen, da wir noch immer sehr viel mehr Studierende als Studienplätze haben. So einfach mache ich es mir jedoch nicht, weil ein anderer Aspekt noch viel wichtiger ist: Wenn sich die Bevölkerungspyramide in den nächsten Jahren und Jahrzehnten umkehrt, wie alle es vorhersagen, dann ergibt sich für unser Land - das zweitgrößte Exportland der Welt - aufgrund des Arbeitskräftemangels ein enormes Problem. Das würde sich auch im akademischen Bereich stark auswirken. Und wenn es richtig ist, dass wir etwa 25 - 30% der Arbeitsplätze mit akademisch ausgebildeten Personen besetzen müssen, dann wird sich die Frage stellen, ob wir so viele deutsche Studierende noch haben. Wenn nicht, dann drängt es sich auf, an unseren Unis mehr Ausländer auszubilden und ihnen danach die Chance zu geben, in unserem Arbeitsmarkt tätig zu werden. Das hätte den großen Vorteil, dass sie schon während des Studiums deutsch gelernt haben, die Gesellschaft kennen und im weitesten Sinne akkulturiert sind. Dies wäre jedenfalls ein sinnvollerer Weg, zu Arbeitskräften zu kommen, als sie erst nach der Ausbildung anzuwerben, mit all den Problemen, die damit verbunden sind.

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