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Friederike Mayröcker - eine Herausforderung für die Literaturwissenschaft

07.02.2001 - (idw) Universität Bielefeld

Ehrendoktor für die Wiener Schriftstellerin

Die Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft der Universität Bielefeld hat am 7. Februar der Wiener Schriftstellerin Friederike Mayröcker den Doctor honoris causa für ihr vielfältiges literarisches Werk verliehen, das Gedichte, Hörspiele, Romane und eine große Zahl verschiedenartiger Prosatexte umfasst. Die Fakultät würdigt hiermit den Rang der künstlerischen Arbeit der seit den frühen fünfziger Jahren literarisch tätigen Dichterin und möchte mit der Ehrenpromotion auch ihrer Bewunderung für die große Herausforderung Ausdruck verleihen, welche die Dichtungen Friederike Mayröckers für die Literaturwissenschaft darstellen. Sie ehrt in ihr eine der großen lebenden Autorinnen deutscher Sprache, die der Universität Bielefeld auch durch ihre Zugehörigkeit zu den Autorinnen und Autoren des "Bielefelder Colloquiums Neue Poesie" verbunden ist.

In der Laudatio, die der Bielefelder Literaturwissenschaftler Jörg Drews hielt, heißt es unter anderem:

"Wollte man das vielfältige literarische Schaffen von Friederike Mayröcker in einer liebevoll ironischen Formel zusammenfassen, so müßte man sagen: Sie erprobt immer neu die Übersetzbarkeit von Materie in Sprache, von Schichten des Draußen in geschichtete Sprache. Daher muß sie auch so viele sprachliche Formen finden und erfinden: um die unendliche Vielfalt des Wirklichen - und dazu gehören auch das eigene Innere, Erfahrensweisen, ja das Innewerden der Möglichkeiten von Sprache - dahinein 'übersetzen' zu können. Dies ist vielleicht das hervorstechendste Merkmal ihres Werkes: sein immenser Formenreichtum,- die Vielfalt der Gattungen - vom Gedicht bis zur Erzählung und zum Roman, vom Drama bis zum Hörspiel, vom Bildkommentar bis zur Prosaminiatur -, deren sie sich eben nicht 'bedient', sondern die sie verändert, verschiebt und die sie ergänzt um Texte, um Textarten, für die es noch gar keine Gattungsbezeichnungen gibt.

Wir, die Literaturwissenschaftler, sind dankbar, daß Friederike Mayröcker durch die Komplexität ihrer Dichtungen uns vor solch beglückende Herausforderungen stellt. 'Erkenntnis' ist, wie gesagt, nicht an Wissenschaft gebunden, sie kann ganz anders, in ganz anderen Materialien und Medien und nicht zuletzt eben in der Kunst sich konstituieren und die Wissenschaft zeichnet sich eigentlich nur dadurch aus, daß sie sich auf Verfahren zur Überprüfung und Diskussion ihrer Erkenntnisse geeinigt hat. Die Wissenschaft von der Literatur aber würde keinen Fortschritt machen, kämen ihr nicht Gegenstände vor Augen, Texte, in denen Sprache aus mehr besteht als aus schnöden 'Zeichen' und die also anders als 1 : 1 mit der Welt korrelieren, Texte, die das Außerordentliche, nach surrealistisch-romantischem Sprachgebrauch: das Wunderbare in neuer Form enthalten, in so neuer Form, daß wir zu der Anstrengung gezwungen sind, uns benennend und unterscheidend Rechenschaft zu geben über diese ästhetischen Gegenstände. Dergestalt nämlich fördert alle Poesie von Rang die Wissenschaft: indem sie sie so und so sehr verunsichert, daß die Literaturwissenschaft sich vom Nicht-Verstehen über erste Thesen bis zu geprüftem, aber immer nur vorläufigem Verstehen bewegt. Daher hat die Literaturwissenschaft Friederike Mayröcker zu danken."


Die Laudatio auf Friederike Mayröcker von Prof. Dr. Jörg Drews findet sich im Internet unter www.uni-bielefeld.de auf der Seite 'Aktuelles' / 'Dokumente'
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