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Ein Volk im Pflegebett

09.02.2001 - (idw) Leibniz-Gemeinschaft

Die Pflegebedürftigkeit nimmt dramatisch zu. Neueste Berechnungen von Leibnizforschern

BONN/BERLIN. Im Jahr 2020 werden rund eine Million mehr pflegebedürftige Menschen als heute in Deutschland leben - eine Zunahme um mehr als 50 Prozent. 2050 wird die Zahl mit 4,7 Millionen sogar das 2,5fache des heutigen Stands erreichen. Gut drei Viertel der Pflegebedürftigen werden dann 80 Jahre und älter sein, knapp jeder Dritte älter als 90 Jahre. Zu diesen dramatischen Zahlen kam das zur Leibniz-Gemeinschaft gehörende Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin bei seinen jüngsten Untersuchungen über die "Auswirkungen der demographischen Entwicklung auf die Zahl der Pflegefälle".
Den Berechnungen liegt eine Bevölkerungsvorausschätzung des DIW zugrunde, die von einem nahezu gleichbleibenden Geburtenniveau, einer weiteren Erhöhung der Lebenserwartung - auf 81,4 Jahre bei Männern und 86,4 Jahre bei Frauen - sowie einem durchschnittlichen jährlichen Wanderungssaldo, also Zuzügen minus Fortzügen, von 260 000 ausgeht. Zugleich wird angenommen, dass die Wahrscheinlichkeit pflegebedürftig zu werden, konstant bleibt, während die Verlängerung der Lebenserwartung indes die Pflegebedürftigkeit erhöht.
Die weitergehenden Analysen, die DIW-Forscherin Dr. Erika Schulz zusammen mit den beiden Gesundheitsökonomen Professor Dr. Reiner Leidl und Dr. Hans-Helmut König von der Universität Ulm auf dieser Basis vorgenommen hat, zeigen, dass zugleich mit dem generellen Anstieg die Zahl der Schwer- und Schwerstpflegebedürftigen stärker steigen wird als die der "erheblich Pflegebedürftigen". Die Folge: Die Nachfrage nach stationären Pflegediensten wird stärker zunehmen als die nach ambulanter Betreuung. "Der Versorgung- und Betreuungsbedarf wächst damit überproportional zur Zahl der Pflegefälle", sagt Schulz.
Eindrucksvoll sind auch weitere Zahlen über die gravierenden Verschiebungen in der Altersstruktur. Insgesamt ist in den am stärksten von Pflegebedürftigkeit betroffenen Altersgruppen der Zuwachs bis 2050 mit rund 280 Prozent bei den 80- bis 85jährigen, 240 Prozent bei den 85- bis 90jährigen und 410 Prozent bei den über 90jährigen beträchtlich. 1999 waren 18 Prozent der Pflegebedürftigen unter 60 Jahre alt und 15 Prozent 90 Jahre und älter. Im Jahre 2020 werden nur mehr rund elf Prozent unter 60 Jahre, aber 19 Prozent mindestens 90 Jahre alt sein. Der Anteil der 80jährigen und Älteren insgesamt wird von 49 auf 62 Prozent steigen.
"Diese voraussehbare Entwicklung gibt insbesondere in Hinsicht auf die finanziellen Folgen für die sozialen Sicherungssysteme Anlass zur Sorge", sagt Schulz. Sicher sei schon heute, dass der gegenwärtig 1,7 Prozent betragende Beitragssatz der Pflegeversicherung keinen Bestand haben werde. Hinzu komme ein weiteres: Pflegende sind zum überwiegenden Teil (Ehe-)Frauen und (Schwieger-)Töchter. Die bereits seit längerem zu beobachtenden Veränderungen in den Haushalts- und Familienstrukturen sowie die zunehmende Erwerbstätigkeit der Frauen dürften somit auch Auswirkungen auf den Kreis der Personen haben, die potentiell für die häusliche Pflege zur Verfügung stehen. Dies werde sich nachteilig zu dem rein demographischen Effekt hinzu addieren.

Weitere Informationen bei Dr. Erika Schulz, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Königin-Luise-Straße 5, 14195 Berlin, Tel. 030/89789-303, Fax 030/ 89789-200, Email: eschulz@diw.de und im Internet unter http://www.diw-berlin.de

Das DIW gehört zusammen mit 76 anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Serviceeinrichtungen für die Forschung zur Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V. (WGL). Das Spektrum der Leibniz-Institute ist breit und reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften und Museen mit angeschlossener Forschungsabteilung. Die Institute arbeiten nachfrageorientiert und interdisziplinär. Sie sind von überregionaler Bedeutung, betreiben Vorhaben im gesamtstaatlichen Interesse und werden deshalb von Bund und Ländern gemeinsam gefördert. Näheres unter: http://www.wgl.de.

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