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Die Revolution in der französischen Grammatik

16.05.2001 - (idw) Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Tübinger Linguisten erforschen die Einführung eines neuen Faches in Frankreich um 1800

Wer herrschen will, muss die Grammatik beherrschen, denn auf ihrer Grundlage entstehen neue Ideen. Diese Überzeugung vertraten während der Französischen Revolution die "Ideologen", eine Gruppe von Wissenschaftlern aller Disziplinen. Die pädagogischen Bemühungen der Ideologen um die Einführung des Grammatik-Unterrichts an den französischen Zentralschulen werden von Sprachwissenschaftlern der Tübinger Romanistik untersucht.


Wie entstehen Ideen? Nach Überzeugung der Ideologen, einer Gruppe von Wissenschaftlern, die aus dem literarischen Salon der Madame Helvétius hervorgegangen war, entstehen die Ideen auf der Grundlage der Grammatik: Wer die Grammatik beherrscht, hat ein ausgezeichnetes Instrument zur Hand, um revolutionäre Ideen zu verbreiten. Zu der Gruppe der Ideologen gehörten bekannte Namen wie Cabanis, Destutt de Tracy, Ginguené, Daunou und Volney. Madame Helvétius, die eine Generation zuvor Aufklärer wie Diderot, d´Alembert und d´Holbach in ihren Salon - eine für das 18. Jahrhundert typischen Einrichtung, in der meist aristokratische Damen die adlige und bürgerliche Intelligenz versammelten - einlud, hatte offensichtlich eine Begabung dafür, einflussreiche Leute mit revolutionären Ideen zusammen zuführen. Im Kreis dieser Wissenschaftler wurden die philosophischen Debatten der Aufklärung fortgesetzt, die schließlich zur Entstehung der Wissenschaft von den Ideen, der "Idéologie", führten. Die Ideologie sollte weder Psychologie noch Metaphysik sein, sondern "Mutter aller Wissenschaften", so der Chef der Gruppe, Destutt de Tracy. Ein Beispiel für die Umsetzung dieses interdisziplinären Prinzips ist die Gründung einer "Gesellschaft zur Beobachtung des Menschen" 1799: Dabei machten alle damals bekannten Wissenschaften mit. Die Wissenschaftler beteiligten sich an den aktuellen Debatten, die die Gesellschaft bewegte: Einer von ihnen, der Arzt Philippe Pinel, schrieb 1800 einen Bericht über den wilden Jungen von Aveyron, der ohne Sprache aufgewachsen war - ein Fall, der nicht nur in den Salons in Frankreich, sondern in ganz Europa ausführlich diskutiert wurde.

Die Ideologen wollten nicht nur die Grundlagen der Sprache erforschen, sondern sie verfolgten auch pädagogische Interessen: Zu ihren Zielen gehörte es, die allgemeine Grammatik als Unterrichtsfach an den Schulen einzuführen. Dabei standen ganz praktische Fragen im Vordergrund: Wer sollte die Lehrer für das neue Fach ausbilden und nach welchen Prinzipien, und wo sollte man die nötigen Lehrbücher hernehmen? Ziel der Ideologen war es, ein Handbuch für die Schule aus den Reihen der Grammatik-Lehrer zu erstellen. Die pädagogischen Bemühungen der Ideologen werden gegenwärtig durch Sprachwissenschaftler der Tübinger Romanistik untersucht, zu der die beiden Doktoranden Ilona Pabst und Jochen Hafner mit der Unterstützung von Christine Blauth, Holger Michelfeit und Uwe Reutter gehören. Im Pariser Nationalarchiv und in den Archiven der Departments haben Ilona Pabst und Jochen Hafner die Unterrichtsprogramme gesammelt, die die Lehrer der Zentralschulen zur Auswertung an das Innenministerium schickten - insgesamt 800 Texte, zum größten Teil unveröffentlicht. Die in der Ausstellung gezeigten Porträts, auf denen die wichtigsten Ideologen zu sehen sind, haben die beiden Wissenschaftler in Pariser Antiquariaten und den Buchständen am Seine-Ufer aufgestöbert.

Das Forschungsprojekt geht auf die Initiative der kürzlich verstorbenen Tübinger Romanistin Prof. Brigitte Schlieben-Lange zurück. Ein zentrales Thema ihrer Arbeit war die Geschichte der Sprachreflexion in Frankreich im 18. Jahrhundert. Bis zu ihrem Tod leitete Schlieben-Lange ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt über die Einführung des Allgemeinen Grammatikunterrichts an den französischen Zentralschulen während der Französischen Revolution (1795-1802). Zu Ehren dieser Professorin haben Ilona Pabst und Jochen Hafner eine Ausstellung mit dem Titel "Les enfants sauvages - les enfants sages" im Deutsch-Französischen Kulturinstitut in Tübingen organisiert, die noch bis zum 25. Mai zu sehen ist. Für die Experten sind die vielen bisher unbekannten Schriften interessant, die die Forscher entdeckt haben. Darunter befinden sich einige bisher unveröffentlichte Briefe aus der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz in Berlin und das Tagebuch des Sohnes von Destutt de Tracy, dem Kopf der "Ideologen", den dessen Enkelin den beiden Ausstellern zur Verfügung gestellt hat. Das Tagebuch zeugt von der Unterrichtsmethode der Ideologen, die zum unabhängigen Denken anleiten sollte und die de Tracy höchstpersönlich an seinen Kindern ausprobierte.

Die Debatten der Ideologen um die Neustrukturierung der Gesellschaft fanden auch in den Wörterbüchern der Revolution statt - eine Tatsache, die heute etwas verwundern mag. Allerdings waren diese Wörterbücher nicht bloß Nachschlagewerke im heutigen Sinn, sondern in ihnen wurden die zentralen Diskussionen ausgetragen, die die Zeitgenossen im revolutionären Frankreich bewegten. Ein Beispiel für die Bedeutungsveränderung, den die Wörter in der Revolution durchlebten, ist das französische Wort "lanterner": Im Frankreich vor der Revolution ein Wort für den Müßiggang, wurde es für die Revolutionäre zum Ausdruck für "einen Aristokraten an der Laterne aufknüpfen". Da das Forschungsprojekt der Tübinger Sprachwissenschaftler zu 80 Prozent bisher unveröffentlichte Manuskripte untersucht, wollen Ilona Pabst und Jochen Hafner die Manuskripte herausgeben. Bei der Form der Publikation wollen sie sich an ihrem Forschungsgegenstand orientieren: Es soll ein Lexikon über die "Ideologen" in Frankreich werden.


Nähere Informationen bei:
Ilona Pabst M.A.
Jochen Hafner
Wilhelmstr. 50
72074 Tübingen
Tel. 07071/29-74290
Fax. 07071/29-5859
ilona.pabst@uni-tuebingen.de
jochen.hafner@uni-tuebingen.de

Die Ausstellung "Les enfants sauvages - les enfants sages. Sprache und Gesellschaft in Frankreich um 1800" ist noch bis zum 25.5. im Deutsch-Französischen Kulturinstitut in Tübingen (Doblerstr. 25) zu sehen.

Der Pressedienst im Internet: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html.
Hier finden Sie Bildmaterial zum Thema.
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