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Abschied von Immanuel Kant

11.07.2001 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster


Prof. Dr. Alejandro Rosas Wenn das Leben geradlinig verlaufen würde, dann würde Alejandro Rosas heute mit Schutzhelm auf dem Kopf und aufgerollten Plänen unter dem Arm Großbaustellen in Lateinamerika prüfen. Oder er arbeitete in seinem Ingenieurbüro, in Lima oder Bogotá. Doch wie so häufig kam es anders: Wenn Alejandro Rosas vom Schreibtisch in seiner Wohnung aufschaut, fällt sein Blick auf eine Grünanlage in Münster. Meist aber ist er vertieft in die neueste Literatur zur Soziobiologie und zum Naturalismus. Mit beidem setzt sich der Philosophieprofessor als Gast des Philosophischen Seminars der Universität Münster intensiv auseinander.

Seit rund dreißig Jahren versuchen Evolutionsbiologen zu zeigen, dass soziale Verhaltensweisen und moralische Einstellungen in der Entwicklungsgeschichte gründen. "Diese Wissenschaftler haben den Anspruch, die menschliche Psyche und letztlich die Moral neu zu erklären", sagt der 42-jährige Kolumbianer. "Ich habe große Sympathie für diesen Ansatz. Denn wenn man den religiös geprägten Glauben verloren hat, was bleibt dann noch, um die eigene Existenz zu erklären? Die Evolution ist eine gute Alternative." Bei seiner persönlichen und philosophischen Auseinandersetzung, nach der ihm ein religiös-theologisches Weltbild nicht mehr annehmbar war, spielt Immanuel Kant eine bedeutende Rolle.

Der deutsche Philosoph lockte 1985 den damals gerade examinierten Studenten von Peru zur Promotion nach Deutschland. Alejandro Rosas hatte sechs Jahre in Lima studiert, wo er nach Stationen in Kolumbien und Uruguay bereits den größten Teil seiner Kindheit und Jugend verbracht hatte Nach fünf Jahren an der Universität Münster hatte Alejandro Rosas 1990 den Doktortitel in der Tasche, Kant jedoch war ihm fremd geworden. Er näherte sich der Kant'schen "Kritik der reinen Vernunft" mit den Interpretationsmustern der angelsächsisch geprägten analytischen Philosophie, insbesondere der Sprachanalyse. "Es gefällt mir, mit welcher Klarheit bei den analytischen Philosophen Gedanken ausgesprochen werden." Doch diese wissenschaftliche Orientierung brachte es mit sich, dass der junge Mann sich immer mehr von Kant distanzierte. "Kant zeigte sich mir als ein sehr metaphysischer Philosoph. Er blieb verhaftet in einer spirituellen, christlichen Sicht der Welt. Davon war auch seine Moralphilosophie bestimmt. Mir war diese Weltanschauung verdächtig geworden." Die Abkehr vollzog sich mit einem persönlichen Umbruch des Forschers. Sein christlicher Glaube erschien ihm nicht mehr tragfähig. "Wenn man mit dem Glauben gewisse intellektuelle Ansprüche verbunden hat und sie dann wieder zurückziehen muss, ist dies ein schwieriger Prozess." Die Jahre in Münster hatten dem Südamerikaner auch eine neue Sicht auf seinen Kontinent eröffnet. Aus der Ferne sah er die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Lateinamerika mit anderen Augen: Insbesondere die Kirche und die religiöse Weltanschauung hätten mehr sozialen Schaden gebracht als Nutzen.

An der Nationalen Universität in Bogotá fasste er nach seiner Rückkehr rasch Fuß und wurde Professor auf Lebenszeit. Nach einem wieteren Deutschlandaufenthalt von 1992 bis 1994 ist Alejandro Rosas nun erneut in Münster, zusammen mit seiner Frau Lucia Marquez und seinen zwei kleinen Söhnen, diesmal als Humboldt-Stipendiat und Gast von Prof. Dr. Ludwig Siep vom Philosophischen Seminar der Universität Münster. "Ich versuche eine philosophische Würdigung der Soziobiologie herauszuarbeiten mit dem Gedanken, dass man vielleicht einen moralischen Realismus mit Hilfe der evolutionären Theorie verteidigen kann. Ich denke, es ist möglich zu verdeutlichen, dass moralische Werte eine Stütze in der Wirklichkeit haben und keine theologische Begründung brauchen."

In Bogotá lehrte der junge Professor zwar Kant'sche Moralphilosophie, wandte sich aber mehr und mehr einer naturalistischen Sicht der Dinge zu. "Problematisch ist, ob und wie man als Naturalist Moral vertreten kann. Die traditionelle Position bedeutet, dass die Vernunft, die moralisches Handeln voraussetzt, natürlich nicht erklärbar ist. Das heißt, moralische Normen lassen sich nicht auf die Natur reduzieren." Doch Rosas erklärt auch moralische Haltung evolutionär. Zum Beispiel, warum die Menschen mit ihren Kindern besonders altruistisch umgehen: Dieses Verhalten dient ihrer genetischen Fitness. Wer seinen Nachwuchs vernachlässigt, empfindet deswegen Schuld. Schuld wiederum beruht auf Mechanismen, die die Psyche aufbaut, um soziales Verhalten zu sichern.

Alejandro Rosas arbeitet allein, er teilt damit das Schicksal vieler Geisteswissenschaftler. Dennoch fällt ihm nicht die Decke auf den Kopf. Die Familie bringt eine Menge Leben in den Alltag. Und außer den neuen Spielplatzbekanntschaften gibt es noch lateinamerikanische Freunde aus der Studienzeit.

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