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Mit der Green Card zum Traumjob an der Uni

23.07.2001 - (idw) Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Sie sind zwei von rund 8000. Deutschland war ihr Traumziel. Jetzt haben sie es geschafft. Ihor Mys und Ruiping Shi sind die ersten beiden Mitarbeiter der Universität Erlangen-Nürnberg mit einer Green Card. Der IT- und Laserspezialist Ihor Mys arbeitet seit Anfang Mai am Lehrstuhl für Fertigungstechnologie von Prof. Dr. Manfred Geiger. Ruiping Shi hat sein Büro im Wolfgang-Händler-Hochhaus am Lehrstuhl für Mustererkennung von Prof. Dr. Heinrich Niemann bereits im Februar 2000 bezogen.

Hell und modern präsentieren sich die Arbeitsräume auf dem Röthelheim-Campus in Erlangen, wo die Arbeitsgruppe Mikrotechnik des Lehrstuhls für Fertigungstechnologie angesiedelt ist. In den ehemaligen Kasernengebäuden sind Computerräume und Versuchshallen dicht aneinandergereiht. Alles dreht sich hier um Laser. Auch Ihor Mys ist längst der Faszination des hochenergetischen Strahls verfallen. Er arbeitet in einem Projekt zum Mikrolöten und Mikro-schweißen mit Festkörperlasern, so genannten Nd:YaG-Lasern. "Schon im Studium an der Staatlichen Technischen Hochschule L'viv habe ich mich intensiv damit beschäftigt", erzählt Mys. "Durch die Hochschulpartnerschaft zwischen L'viv und der Nürnberger Fachhochschule konnte ich meine Diplomarbeit in Deutschland anfertigen." Drei Monate war er 1999 in Nürnberg, um sich mit Festkörperlasern zu befassen. Auch sein nächster Aufenthalt in Deutschland führte den Ingenieur nach Nürnberg: "In war von August 2000 bis Ende März 2001 an einem Industrieprojekt an der Fachhochschule beschäftigt."

Spätestens nach der halbjährigen Praxiserfahrung mit der deutschen Arbeitswelt war klar, dass er noch einige Zeit in Deutschland arbeiten wollte. "Die Green Card-Initiative der Bundesregierung hat mich ermutigt, es mit einer Bewerbung zu versuchen", erklärt Mys. Ohne die im Jahr 2000 eingeführte Neuerung wäre es für ihn schwierig gewesen, eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland zu bekommen. So schrieb der IT- und Laserspezialist jedoch rund ein Dutzend Bewerbungen und freute sich über die positive Resonanz. "Ich konnte schließlich auswählen, wo ich arbeiten wollte." Den Ausschlag für die Universität Erlangen-Nürnberg hat schließlich die Promotionsmöglichkeit gegeben. Auch Prof. Dr. Manfred Geiger, Lehrstuhlinhaber für Fertigungstechnologie, und Gerd Eßer, der Geschäftsführer des Bayerischen Laserzentrums, waren nach dem Vorstellungsgespräch vom jungen Ukrainer angetan. "Er bringt viel Spezialwissen mit, hat bereits Einblick in die deutsche Hochschullandschaft gehabt und braucht daher weniger Einarbeitungszeit. Außerdem spricht er sehr gut deutsch", lobt Prof. Geiger seinen neuen Mitarbeiter.

Lernhilfen von der Deutschen Welle

Überwiegend im Selbststudium hat sich Mys die Sprachkenntnisse angeeignet. "Fünf Jahre Schulunterricht waren umsonst gewesen. Ich hatte alles vergessen". Ein zweimonatiger Sprachkurs in Zwickau im Rahmen des Tempus/Lingua-Programmes schuf wieder eine Grundlage. "Schon davor und auch danach hörte ich Radio Deutsche Welle aus Kiew. Und als ich nicht mehr weiter wusste, habe ich die Redakteure um Hilfe gebeten. Sie schickten mir dann vier Lehrbücher", erzählt Ihor Mys über sein Sprachstudium.
Sein größter Wunsch ist jetzt, dass seine Frau bei ihm sein kann. Sie war noch bis Ende Juni als Laborantin an der Universität in L'viv beschäftigt. "Dann", so ist er sich sicher, "lässt sich auch das größte Problem lösen: eine eigene Wohnung zu finden." Bislang wohnt der Ukrainer noch bei einem Freund in Nürnberg, der, ebenfalls mit einer Green Card ausgestattet, als Programmierer bei einer Softwarefirma arbeitet. Kontakte zu vielen anderen Studienfreunden kann er hingegen nur per E-mail pflegen. "Die meisten von ihnen arbeiten in England oder den USA - wegen der Sprache". Für ihn jedoch hat sich die mühevolle Beschäftigung mit der deutschen Sprache gelohnt. "Es ist einfach wunderbar hier", lautet sein knappes Fazit.

Das findet auch Ruipeng Shi, wenn er aus seinem Büro im sechsten Stock des Wolfgang-Händler-Hochhauses den Blick über die Technische Fakultät in Erlangen und die umliegenden Wälder schweifen lässt. Doch dazu hat der Chinese aus Shanghai nur selten Zeit. Meistens sitzt er vor seinen drei Arbeitsplatzrechnern und gestikuliert. Was nach Nervosität aussieht, ist hochkonzentrierte Arbeit. Denn das Arbeitsgebiet von Shi ist die Gestikerkennung am Computer. Im Rahmen eines Verbundprojektes zur Interaktion von Mensch und Technik entwickelt er seit Februar 2000 Module, die Gesten sprachlichen Äußerungen zuordnen und gemeinsam interpretieren. An einem Kinoauskunftssystem kann das bereits exemplarisch erprobt werden. Unklare oder unvollständige sprachliche Eingaben werden durch die Verbindung mit den dazugehörigen Zeigegesten richtig interpretiert. "Das ist für mich als Nicht-Muttersprachler natürlich sehr wichtig", witzelt der dreißigjährige Ruipeng Shi, der zur Verständigung nicht auf seine technische Entwicklung zurückgreifen muss.

"Fränkisch" und Latein als Fremdsprachen

Eloquent und mit deutlich fränkischem Einschlag erzählt er über sich und sein Studium: Zunächst Elektrotechnikstudium in Shanghai, dann Arbeit als Ingenieur in einem chinesischen Stromversorgungsunternehmen. "Über eine deutsche Bekannte meiner Eltern hatte ich schon viel über Deutschland und die deutsche Kultur erfahren. Es war klar: ich muss dorthin. Außerdem wollte ich mich noch weiter qualifizieren", beschreibt er seine Motivation. Ende 1996 stieß er im Internet zufällig auf den internationalen Studiengang Computational Engineering der Universität, bewarb sich und wurde ausgewählt. Nach einem zweimonatigen Deutschkurs waren seine Sprachkenntnisse bereits so weit fortgeschritten, dass er mit dem Studium 1997 beginnen konnte. "Sprachenlernen ist mein Hobby. Es fällt mir sehr leicht", lautet seine Erklärung für das rasante Lerntempo. Auch das Masterstudium absolvierte er in der Regelstudienzeit mit sehr gutem Erfolg.

Grund genug für Prof. Dr. Heinrich Niemann, Inhaber des Lehrstuhls für Mustererkennung, ihm eine Promotionsstelle anzubieten. Besonders schätzt er die ungebändigte Neugierde seines Mitarbeiters, der aus Interesse an europäischer Kultur in Shanghai auch schon Latein gelernt hatte. Aber das war keine Bedingung für die Beantragung der Green Card, die er als Wissenschaftler streng genommen auch gar nicht gebraucht hätte. Während der Projektlaufzeit ist der Aufenthalt eigentlich gesichert. Shi: "Ich wollte unabhängig sein und auf jeden Fall ein paar Jahre hier arbeiten können". Zumindest so lange, wie seine Frau an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät "International Business" studiert. Vielleicht werden sie dann wie viele der Absolventen der internationalen Studiengänge einem verlockenden Stellenangebot aus den USA folgen. Eine "Verlängerung" in Erlangen ist aber nicht ausgeschlossen. Shi: "In der Region gibt es hochinteressante Arbeitsplätze. Im Vergleich zu Shanghai oder anderen Riesenstädten ist das Leben hier jedoch beschaulich. Das weiß ich sehr zu schätzen".

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