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Ausstellung "Optische Phänomene" feierlich eröffnet

02.10.2001 - (idw) Fachhochschule Aalen

Optische Täuschungen und die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Raum stehen im Zentrum einer Ausstellung, die zu Semesterbeginn an der FH Aalen eröffnet wurde.


Ausstellungseröffnung: vlnr Prof. Dr. Dr. Hering, Prof. Dr. Steinhart, Prof. Dr. Schröder Der Ringmuskel der Iris zuckt unbewusst, der Augapfel wandert Halt suchend hin und her; die im nervus opticum gebündelten Nervenimpulse der Sehsinneszellen treffen wie wild aus allen Richtungen ein; unser Gehirn läuft auf Hochtouren. Und was sehen wir? Verschwimmende Konturen fixer Zeichnungen, hypnotische Spiralen, die sich auf einer rotierenden Scheibe in die Tiefe des Raumes bohren und Linien, die losgelöst vom Pinselstrich über die Blattoberfläche wandern. Erst auf den zweiten Blick wird einem bewusst, dass es sich bei diesen Wahrnehmungen um optische Täuschungen handelt. Optische Täuschungen aber, die auch dann noch das Auge gekonnt verführen, wenn man sich in sicherer Kenntnis ihres physiologischen Zustandekommens wähnt. Schwarze Flecken huschen über Diagramme, wo keine sind und Mitmenschen schrumpfen zu zwergenhaften Wesen, selbst wenn man weiß, dass die Perspektive verzerrt ist.
Zu sehen ist dieses Verführungskabinett des visuellen Sinnesapparates auf der Ausstellung "Optische Phänomene", die zu Semesterbeginn von Rektor Prof. Dr. Dr. Hering eröffnet wurde. Im Foyer der FH fallen die vexierenden Exponate aus dem augenoptischen Fundus von Prof. Dr. Lingelbach unwillkürlich durch das sie umgebende Netz farbenfroher Kunstwerke von Schülerinnen und Schülern des Schubart-Gymnasiums ins Auge, das den Besucher im verheißungsvollen Strahl des Regenbogens ins zentrale Schwarz der Pupille weist und ihn so auf eine endlose Wanderung schickt, auf der er in so manches Loch der Täuschung plumpst.
Dass ein Loch keinesfalls nur Nichts ist, stellt man erleichtert an Steinskulpturen fest, deren Schöpfer aus der 10. Klasse den Durchbruch wagten, indem sie den Panzer der marmornen Oberfläche sprengten und so neue Perspektiven auf den Stein als Ganzes freigeben. Daneben jagen geometrische Linien nach einsamen Fluchtpunkten, dräuende Schatten überwindend und stets auf der Suche nach Raum. Oder besser gesagt: nach Räumen. Denn der Besucher findet auf der Ausstellung Räume, die kühn mit der Gesetzmäßigkeit des euklidischen Raumes brechen und die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung gekonnt abzirkeln. Wie von außerhalb jeglicher Raumvorstellung nähert man sich geometrischen Objekten, die Vordergrund und Hintergrund spielerisch ad absurdum führen. So werden Gegenstände im Vordergrund von solchen im Hintergrund verdeckt, und geschlossene Figuren lassen sich zu keinem Ende führen, gerade so, als hätte sich das genetische Programm des Sehapparates zu ihrer Wahrnehmung in einer endlosen Möbius-Schleife aufgehängt. Die archimedisch im Bewusstsein verankerte Welt gerät ins Fließen, ihre Koordinaten, könnte man sagen, geraten in Abhängigkeit zu ihrer Ausbreitungsgeschwindigkeit.
Je mehr sich Aug' und Raum krümmen, umso verwunderter verharrt der Besucher vor den künstlerischen Arbeiten, die auch die Resultate einer Abiturabschlussprüfung umfassen. In Gouache und Dispersionsfarben wird der Raum zum optischen Phänomen gebannt, aber auch Linoldrucke und Collagen befinden sich unter den Ausstellungsstücken.
In der Unterstufe bildet der zeichnerische Umgang mit Räumlichkeiten der Alltagswelt den kunsterzieherischen Mittelpunkt. "Die Jugendlichen müssen zuerst den Umgang von Farben, Größen, Licht und Überlagerungen zur räumlichen Darstellung erlernen," erläutert Sieglinde Freising, die am Schubart-Gymnasium Bildende Kunst unterrichtet. An ersten architektonischen Kompositionen, einer spot-überfluteten Faschingsdisco und archaisch wilden Maskenschnitten zeigen sich bereits individuelle Zugänge zu den Wesensmerkmalen des Raumes und seiner überwältigenden Vielfalt der Darstellung. Seine künstlerische Enge wird aber bereits überwunden, wo die Schrift als gestalterisches Element hinzugenommen wird. Anhand von Selbstportraits erfährt man auf diese Weise vieles über das Aussehen der Person hinaus, indem man sozusagen in den Konturen im wahrsten Sinne des Wortes liest. "Diese Verfremdung zeigt, dass nicht nur durch die Wahl der Farben ganz verschiedene Stimmungen auf Seiten des Betrachters erzeugt werden können," so Freising.
Das Bewusstsein, im künstlerischen Ausdruck verschiedene Stimmungen erzeugen zu können, sollte vorhanden sein, wenn die Schülerinnen und Schüler ab der 9. Klasse die isometrische Darstellung von Körpern im Raum in der Zentral- oder Parallelperspektive erlernen. "Die Spannung von Ausdruck und Wissen ist das Faszinierende an diesen Werken," meint Freisings Kollege Uli Natterer. Wer beides beherrsche, könne die unmöglichen Graphiken des belgischen Künstlers M.C. Escher spielerisch zum schöpferisch freien Ausdruck fortentwickeln. Beispiele eines solchen Ausdruckes findet man auch in den aufgestellten Trommelkinos, in denen phantastische Gebilde zu übermütigen Metamorphosen verwachsen. Dass sich heimlich die Zeit in den Raum der Trommelkinos eingeschlichen hat, entgeht dem aufmerksamen Beobachter sicherlich nicht. Schließlich werden ihm auf seinem Rundgang durch die Ausstellung neben der vierten Dimension noch weitere Dimensionen in der Wahrnehmungstiefe der optischen Phänomene angedeutet.
Noch bis zum 11. Oktober.

Kontakt:

Prof. Dr. Bernd Schröder
07361/576-361
Bernd.Schroeder@fh-aalen.de
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