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Rhetorik der Weiblichkeit

18.10.2001 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Münsteranerin untersucht Rede der Frauen in Antike und Moderne


Erst im 19. Jahrhundert durften Frauen auch öffentlich reden. "Die Rhetorik ist eine bis heute einflussreiche Disziplin, die in der Antike entstanden ist. Jeder, der in Rom oder Griechenland mitreden wollte, musste die Schule der Rhetorik durchlaufen. Frauen zählten nicht zu ihren Adressatinnen", beschreibt Prof. Dr. Martina Wagner-Egelhaaf vom Institut für Deutsche Philologie II der Universität Münster die Ausgangssituation ihres Projektes "Weibliche Rede - Rhetorik der Weiblichkeit", das Rhetorik- und Geschlechterforschung verbindet. Untersucht wird zum einen die Geschichte weiblicher Rednerschaft. Wann und wo haben Frauen das Wort ergriffen? Eine zweite Frageperspektive nimmt die rhetorische Inszenierung und Konstruktion von Weiblichkeit im kulturellen Prozess in den Blick: Wie wurde von Frauen gesprochen und welches Bild der Frau wurde dadurch geschaffen? In der Selbstwahrnehmung der Rhetorik spiegeln sich, so formuliert es Wagner-Egelhaaf, kulturell wirksame Ein- und Ausgrenzungsmechanismen. Zugleich macht die Rhetorik die Differenz der Geschlechter deutlich und verstärkt sie. Das kulturwissenschaftlich angelegte Projekt wurde vom NRW-Wissenschaftsministerium und der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt.

Am Anfang des Projektes stand für Wagner-Egelhaaf und ihre Mitarbeiterinnen die These, dass diese beiden Aspekte, die konkrete rhetorische Praxis von Frauen und die kulturelle Konstruktion von Weiblichkeit, eng zusammenhängen. Seit April 1997 versuchten sie diese These zu erhärten. Derzeit werden die Ergebnisse der Untersuchungen in einem Buch zusammengefasst. Jedoch wird die für 2002 geplante Monografie nicht die gesamte Geschichte der "Weiblichen Rede" und der "Rhetorik der Weiblichkeit" umfassen können. Schon zu Beginn des Projektes stellte sich heraus, dass das Thema größere Ausmaße besaß als gedacht. "Eigentlich sollte die Antike als historischer Entstehungszusammenhang der Rhetorik nur der Anfang unserer Untersuchungen sein. Doch bald haben wir gemerkt, dass es dort so viel aufzuarbeiten gibt und es nötig wurde, der Antike den ganzen ersten Projektteil zu widmen", erläutert Wagner-Egelhaaf. Als Disziplin der klassischen Bildung konnte sich jeder Mann, der es sich leisten konnte, in der Kunst der öffentlichen Rede unterrichten lassen. Frauen indessen sollten im Haus agieren und nicht in der Öffentlichkeit sprechen.

Für die Frage nach der "Rhetorik der Weiblichkeit" fand das Projekt vielfältige Ansatzpunkte. Die Projektgruppe untersuchte, wie die
männliche Rhetorik in der Antike die Frau darstellte und wie sich die klassischen Texte auf die Differenz der Geschlechter bezogen beziehungsweise sie weiterschrieben, zum Beispiel wenn eine gute Rede als "männlich" und die schlechte, mit Schmuck überladene Rede als "weiblich" bezeichnet wird. Mitarbeiterinnen des Projekts waren Stephanie Kratz und Doerthe Bischoff; außerdem waren die studentischen Hilfskräfte Silke Ottemeier, Svenja Flaßpöhler, Annette Switala, Claudia Röser und Olaf Eigenbrodt beteiligt.

Auf die Untersuchungen zur Antike im ersten Projektteil sollen ein zweiter und dritter Teil folgen. Der zweite Teil des Projekts wird sich dann mit dem so genannten "Ende der Rhetorik" im 18. Jahrhundert beschäftigen. In dieser Zeit kam es zu einem deutlichen Ansehensverlust der Redekunst. Nicht mehr das starre Regelwerk der Rhetorik galt nunmehr als Ideal, sondern Spontaneität und Authentizität waren gefragt. Gleichzeitig entstand in dieser Zeit ein neues Frauenbild, das die Frau als empfindsame und stumme Schönheit entwarf. Die Frau war auf das Medium der Schrift verwiesen; als das ihrer Gefühls- und Herzenssprache angemessene Genre galt vor allem der Brief.

Der geplante dritte Teil des Projekts wird sich der Wiederkehr der Rhetorik im 20. Jahrhundert widmen. In der Moderne und zunehmend in der von den Medien geprägten Postmoderne kam es zur Ausbildung einer Vielzahl von rhetorischen Bühnen. Auch Frauen bemächtigten sich immer mehr des gesprochenen Wortes in der Öffentlichkeit. Bewusst bedienen sie sich heute verschiedener rhetorischer Stile, um ihre Rechte einzufordern. Geschlechterstereotypen werden spielerisch und ironisch eingesetzt und damit dekonstruiert, so Wagner-Egelhaaf.

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