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Lernen in der Wissensgesellschaft

19.10.2001 - (idw) Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung

PM 29/2001


Lernen in der Wissensgesellschaft

Vom 8. bis 12.10.2001 trafen sich im baden-württembergischen Esslingen ca. 80 Experten aus Schule, Wissenschaft und Bildungsadministration aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, um Fragen des Lernens in der Wissensgesellschaft zu diskutieren. Die 3 Länder setzten damit ihre seit 1977 erfolgreich durchgeführten OECD/CERI-Seminarreihe fort. Dem Auftaktseminar kam die Rolle der Vergewisserung und Klärung zu, den Orientierungshorizont möglichst genau abzustecken und das Arbeitsfeld der Schulentwicklung zu vermessen.

Es lassen sich exemplarisch folgende Ergebnisse hervorheben.

Eine Konsequenz aus der Bestimmung der Merkmale der Wissensgesellschaft im Hinblick auf die Veränderung von Bildungszielen ist darin zu sehen, dass Normen keine so große Gültigkeit mehr besitzen und tradierte Anforderungen auf den Prüfstand zu stellen sind. Es wird eine höhere Eigenverantwortung der Individuen propagiert, Partizipation gewinnt an Bedeutung, aber die Persönlichkeitsbildung bleibt nach wie vor zentrales Bildungsziel. Diskutiert wurde die Frage, wie sich veränderte Bildungsziele effektiv im Bildungsprozess vermitteln lassen. Die Entwicklung hat nachhaltige Implikationen für die Lehrplanentwicklung und eine systematische Schulentwicklung, die den Schulen eine stärkere Verantwortung überträgt.

In Bezug auf die Veränderung der Bildungspraxis wurde die Bedeutung neuer Lernarrangements hervorgehoben, die die Selbststeuerung stärken und Lernen als aktiven, sozialen Prozess verstehen. Welcher Stellenwert dabei der zur Zeit viel diskutierten konstruktivistischen Lerntheorie einzuräumen sei, war durchaus umstritten. Übereinstimmung bestand darin, das für die zukünftige Ausgestaltung neuer Lernarrangements den neuen Technologien ein zentraler Stellenwert einzuräumen sei. Dabei stellen die technischen Voraussetzungen inzwischen nicht mehr das zentrale Problem dar, vielmehr kommt es darauf an, Informations- und Kommunikationstechnologien optimal in Lernarrangements zu integrieren, um die Qualität des Unterrichts nachhaltig zu verbessern. Unstrittig ist, dass das Präsenzlernen u.a. aufgrund seiner wichtigen sozialen Funktion, seinen Platz nicht verlieren wird.

Angeregt durch Strategien der Organisationsentwicklung sowie des Wissensmanagements wurde vorgeschlagen, mehr Verbindlichkeit des Lernens für die Schüler durch Zielvereinbarungen zu erreichen, um so den Schülern mehr Verantwortung für ihre eigenen Lernprozesse zuzuweisen. Dies macht die Lehrkraft keineswegs überflüssig, ihr kommt verstärkt die Rolle der Unterstützung und Begleitung dieser Lernprozesse zu.

In Bezug auf die Veränderung der Bildungsorganisation stand die Frage im Mittelpunkt, inwieweit Bildung zukünftig noch als öffentlich zu verantwortendes Gut angesehen wird. Szenarien, die von der OECD erstellt worden sind, spielen sehr unterschiedliche Möglichkeiten durch vom Weiterbestand bestehender, von eher bürokratisch angelegter Strukturen zum reinen Marktmodell, aber auch Formen der Netzwerkbildung und Einbindung von Bildungseinrichtungen in lernende Regionen.

In diesem Zusammenhang spielte auch die Zunahme bzw. Neubewertung von Lernprozessen, die nicht in Bildungsinstitutionen, sondern im Lebensalltag erworben werden, eine zentrale Rolle.

Unabhängig davon, wie man die weitere Entwicklung der Institutionen des Bildungswesens beurteilt, wird ein neues, nicht lineares Steuerungsverständnis erforderlich und die Systeme der Selbst- und Fremdbeurteilung müssen weiterentwickelt werden.

Auch die Anforderungen an die Lehrenden ändern sich im Zuge der Herausbildung einer Wissensgesellschaft, und die Dimensionen von Professionalität werden neu akzentuiert. Führungskompetenz wird in der Schule mit neuen Aufgaben eine viel größere Rolle als bisher spielen. Für die Rolle der Lehrkräfte wird die beratende Funktion an Bedeutung gewinnen, ebenso wird die Organisationskompetenz verstärkt als Schlüsselqualifikation beurteilt. Besonders hervorgehoben wurde der zentrale Stellenwert der Fortbildung von Leitungskräften im Bildungswesen aufgrund ihrer ausschlaggebenden Funktion bei Veränderungsprozessen.

Die Teilnehmenden beurteilten die konstruktive Diskussion mit Expert/-innen/en aus den verschiedenen deutschsprachigen Nationen als außerordentlich produktiv und wünschten sich eine weitere Intensivierung des Erfahrungsaustausches und der Kooperation.

Als besonders anregend wurde von den Teilnehmenden ein intensiver Gedankenaustausch mit Vertretern von DaimlerChrysler angesehen. So gelang es die Perspektive der Wirtschaft in die Diskussion um die zukünftige Ausgestaltung des Bildungswesens einzubeziehen.


Das Seminar endete mit einem Vortrag von Prof. Dr. Glotz/St. Gallen zum demokratischen Handeln und zur politischen Willensbildung in der Wissensgesellschaft.

Die Ergebnisse dieses Seminars fließen in die Vorbereitung eines Folgeseminars ein, das von Österreich im Jahr 2003 durchgeführt werden wird.

Weitere Informationen unter http://www.zse.asn-ktn.ac.at/oecdceri
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