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Vom Inquisitor zum Gegner der Hexenverfolgung

29.10.2001 - (idw) Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

Plastiknase und Kunstwarze, dazu ein Hauch grüne Schminke - schon ist die Hexe ausgehfertig für die Halloween-Party. Am 31. Oktober wird dieses Kostüm bei den Feiernden wieder hoch im Kurs stehen. Vor gut 350 Jahren dagegen loderten im Rheinland noch echte Scheiterhaufen, und viele Frauen gaben unter Folter zu, sich mit dem Teufel verbündet zu haben. Einblicke in diese düstere Zeit gibt das Buch eines Augenzeugen, das nun auch im Internet erschienen ist.


Der Kupferstich aus dem Löher-Buch zeigt eine Verdächtige, die bei der Folterung ums Leben gekommen ist. Bilder zu dieser Pressemitteilung erhalten Sie unter http://www.verwaltung.uni-bonn.de/presse/Bildgalerie/loeher/loeher.htm. Der Archivar der Universität Bonn Dr. Thomas Becker hat zusammen mit seiner Frau Theresia die "Wemütige Klage der Frommen Unschültigen" des Rheinbacher Schöffen Hermann Löher einer breiteren Leserschicht zugänglich gemacht: In siebenjähriger Arbeit haben sie das Buch für das Internet ediert und zusammen mit zwei weiteren Forschern um eine Einleitung sowie einen detaillierten Index ergänzt.

Löher, geboren in Münstereifel, war Bürgermeister in Rheinbach und damit auch Schöffe am dortigen Gericht. Ab 1631 kommt es dort zu den ersten Hexenprozessen, deren Leitung bald von Dr. Franz Buirmann aus Bonn, einem Experten der Hexenverfolgung, übernommen wird. Unter seiner Ägide wird 1631 Löhers Schwiegervater verbrannt, Löher selbst muss als Ehemann eines "Hexenkindes" 1636 fliehen.

In Amsterdam gründet Löher ein Geschäft und beginnt knapp vierzig Jahre nach der Flucht, seine Erlebnisse in Rheinbach und seine Zweifel an der Praxis der Hexenverfolgung niederzuschreiben - "eine politische Kampfschrift", betont Uni-Archivar Becker, "eine Quelle wie diese gibt es kein zweites Mal auf der Welt." Die besondere Bedeutung des Buches besteht darin, dass es die Konflikte innerhalb der Hexengerichte offenlegt - z.T. sogar in wörtlicher Rede. "Die Schöffen hatten mitunter eine ganz andere Meinung als der Hexenkommissar, ließen sich aber aus Angst um ihr Leben von ihm manipulieren."

Die Internet-Ausgabe in Original-Sprache und Kommasetzung sei vor allem für Historiker und Germanisten interessant, aber auch als Appell an die Menschlichkeit ein ganz wesentlicher Text - besonders die Kapitel 2,3 und 31 seien auch für interessierte Laien lesenswert.

Die Abschrift, die in Kürze um eine Einleitung und einen detaillierten Index ergänzt wird, ist über den Server "Frühe Neuzeit" in München abrufbar - ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft, bei dem Studienmaterialien aus der frühen Neuzeit online bereitgestellt werden. Becker: "Wir wollen den barocken Text mit moderner Technik weltweit erschließbar machen."

Im 17. Jahrhundert dagegen war Löhers "Wemütige Klage der Frommen Unschültigen", der er die letzten Jahre seines Lebens gewidmet hatte, ironischerweise nahezu ungehört verhallt: Die Veröffentlichung des Buches 1676 hatte fast die kompletten Ersparnisse seiner zweiten Ehefrau aufgezehrt. Als Löher 1678 starb, verkaufte seine Frau fast alle gedruckten Exemplare als Altpapier, um zumindest einen Teil ihrer Schulden zu begleichen. Lediglich zwei Bände sind heute noch erhalten - einer in Amsterdam, ein zweiter in Rheinbach.

Löhers Buch findet sich im Internet unter http://www.sfn.uni-muenchen.de/loeher/. Am 10. und 11. November findet zu Hermann Löher und zur Hexenverfolgung im Rheinland eine Tagung an der Thomas-Morus-Akademie Bensberg statt (Tel.: 02204/408472).

Weitere Informationen gibt Dr. Thomas Becker, Archivar der Universität Bonn, Tel.: 0228/73-7555, Fax: 0228/73-7840, E-Mail: archiv@uni-bonn.de.

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