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Wittenberger Thesen zur Hochschulreform

29.10.2001 - (idw) Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Disputation am Reformationstag

Zum Auftakt der 500-Jahr-Feier der Universität Halle-Wittenberg diskutiert am 31. Oktober 2001 in der Lutherstadt Wittenberg der Akademische Senat der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit Detlef Müller-Böling, Direktor des Bielefelder Centrums für Hochschulentwicklung, und Volker Bigl, Rektor der Universität Leipzig, über 12 Thesen zur Hochschulreform.
Die Veranstaltung beginnt 15:00 Uhr, im Auditorium Maximum der Stiftung LEUCOREA, Collegienstraße 62. Zu diesem traditionellen Streitgespräch am Reformationstag ist auch die interessierte Öffentlichkeit herzlich eingeladen.

Der Verfasser der Thesen, Reinhard Kreckel, von 1996 - 2000 Rektor der Martin-Luther-Universität und heute Direktor des Instituts für Hochschulforschung in Wittenberg, ist in der hochschulpolitischen Diskussion als Befürworter der klassischen Volluniversität bekannt. In Kreckels Wittenberger Thesen geht es darum, das klassische Universitätsmodell zu erhalten und gleichzeitig die Reform der Hochschulen voranzubringen.

Mit der Wittenberger Disputation, die bewusst an traditionelle Formen des akademischen Meinungsstreites anknüpft, soll mehr Sachlichkeit und Augenmaß in die hektische Hochschulreformdebatte hineingetragen werden, die zur Zeit in Deutschland stattfindet. An Stelle aktueller Reformvorschläge, wie etwa "Juniorprofessur", "Gebühren für Langzeitstudierende", "Bachelor- und Masterstudiengänge", "Kennziffersystem für die Hochschulfinanzierung" u.a., die eher am Symptom zu kurieren versuchen, sollen in der Disputation einige grundlegende Strukturfragen der deutschen Hochschulen angesprochen werden.
Dabei wird davon ausgegangen, dass für die Hochschulen in Deutschland ein unabweichbarer Reformbedarf gegeben ist, und zwar vor allem wegen drei allgemeiner Entwicklungen, die nicht mehr umzukehren sind:

1. die Vervielfachung der Studierendenzahlen in den letzten Jahrzehnten,
2. die andauernde Unterfinanzierung der Hochschulen,
3. die beginnende Internationalisierung des Hochschulsystems.

Die 12 Wittenberger Thesen wollen zeigen, wie mit diesen Herausforderungen umzugehen ist und welcher Weg aus der verfahrenen Diskussion um die Zukunftsfähigkeit der Hochschulen führen könnte:

These 1:
Durch die Veränderung von strukturellen Rahmenbedingungen werden bewährte Handlungsmuster der Hochschulen problematisch.
These 2:
Das deutsche Hochschulsystem hat auf die Expansion der Studierendenzahlen mit der Ausprägung von drei Hochschultypen reagiert: Klassische Volluniversität, moderne Schwerpunktuniversität, Fachhochschule.
These 3:
Die klassischen Volluniversitäten sind durch die zahlreichen Hochschulneugründungen gegenüber den beiden anderen Hochschultypen in die Minderheit geraten.
These 4:
Die Volluniversität ist als Regelhochschule überholt, nicht aber als gültiges Leitbild für die deutsche Hochschullandschaft.
These 5:
Die funktionale Differenzierung zwischen Fachhochschulen und Universitäten ist in den letzten Jahrzehnten nur unvollkommen vollzogen worden.
These 6:
Eine klare funktionale Differenzierung zwischen "praktischen" Fachhochschulen und "theoretischen" Universitäten ist heute nicht mehr zu verwirklichen.
These 7:
Der Übergang von der funktionalen zur vertikalen Differenzierung durch radikale "Verwettbewerblichung" des Hochschulsystems ist eine gefährliche Alternative.

These 8:
Universitäten und Fachhochschulen können durch das Angebot von theorie- und von anwendungsorientierten Bachelor- und Masterstudiengängen zu einer komplementären Arbeitsteilung mit gegenseitiger Durchlässigkeit kommen.
These 9:
Die Gleichheitsfiktion zwischen Universitäten und zwischen Fachhochschulen trägt auch zur Qualitätssicherung bei.
These 10:
Reformbedarf besteht - aber vor revolutionärer Ungeduld wird gewarnt.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Reinhard Kreckel
Tel.: (0345) 55 242 50
Fax: (0345) 55 271 50
E-Mail: kreckel@soziologie.uni-halle.de
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