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Leben und Werk des Bildhauers Richard Engelmann

16.11.2001 - (idw) Bauhaus-Universität Weimar

In Zusammenarbeit mit der Fakultät Gestaltung der Bauhaus-Universität Weimar, zeigt das Stadtmuseum die Ausstellung "Revision 2001: Leben und Werk des Bildhauers Richard Engelmann", im Stadtmuseum Weimar, Kunsthalle am Goetheplatz.

29.11.01 bis 20.01.02, tgl. außer Mo 10-17:00
Es erscheint ein Katalog (Sonderheft "thesis" 3/4 2001) im Universitätsverlag der Bauhaus-Universität, Preis während der Ausstellung: 29,- DM, danach 40,- DM.

Engelmann hat von 1913 bis 1937 in Weimar gelebt. Bis 1933 war er als Professor für Bildhauerei an der Hochschule für bildende Kunst tätig. Sein Leben und Werk spiegeln einen wichtigen Abschnitt der Geschichte der heutigen Bauhaus-Universität. Engelmann ist zudem wie kein anderer Künstler im öffentlichen Raum von Weimar präsent: Der Krieger im Poseckschen Garten, die liegende Frauengestalt und die beiden sitzenden Aktfiguren vor den Giebelseiten des Uni-Hauptgebäudes, das kleine Mädchen vor der Pestalozzi-Schule, schließlich das verwitterte Relief im Garten des Nietzsche-Archivs und die beiden mit Wandfarbe übertünchten Figuren im Treppenhaus des Polizeireviers in der Ossietzky-Straße. Aber kaum jemand kennt die eigentlichen Bezeichnungen der Werke: Denkmal für Ernst von Wildenbruch (1913/15), Ruhende (1908), Schwestern/Abschied/Abend und Morgen (um 1911), Denkmal An Pestalozzi (1928), unvollendeter Grabstein für die Grafen Kielmansegg (1920/22) oder Wahrheit und Gerechtigkeit (1914/16) im ehemaligen Amtsgerichtsgebäude. Das Phänomen der vom öffentlichen Raum absorbierten Kunst greift auch in Weimar und macht deutlich: Alles an seinen Platz und Kunst schleunigst ins Museum!

Als "Schau zur Schau" sind zehn im Siebdruckverfahren und mit finanzieller Unterstützung der JENOPTIK AG gedruckte Plakate zur Ausstellung an der Litfaßsäule vor der Kunsthalle zu sehen. Entstanden sind sie aus der kritischen Auseinandersetzung von Studierenden der Bauhaus-Universität mit Engelmann und seinem Werk im Sommersemester 2001.

Elfi Fröhlich, Professorin für freie Kunst in Weimar, reagiert mit ihrer Videoarbeit VENUS. Ein immerwährend erotisches Fließen (1996) auf Engelmanns bedeutendste Plastik, die Ruhende. Mit dieser in die Ausstellung einbezogenen "Neuen-Medien-Arbeit" kehrt die Figur für eine Weile an ihren ursprünglichen Aufstellungsort zurück.

Richard Engelmann - Leben und Werk

Obwohl ausgewiesener Monumentalbildhauer, hat Engelmann zunächst kleine Entwürfe modelliert, die dann maßstabsgetreu vergrößert wurden. So existieren zu fast allen der Weimarer Außenraumfiguren Fassungen im Minimalformat. U.a. diese sind nun in der Kunsthalle des Stadtmuseums zu sehen und sollen den Blick auf die "eigentlichen" Werke im Freien schärfen. Darunter befindet sich auch die kleine Ruhende. Um 1906 entstanden, präsentierte Engelmann die großformatige Fassung dieser Figur 1908 in der Ausstellung der Berliner Sezession. Noch im selben Jahr zeigte er sie auch im Großherzoglichen Museum für Kunst und Kunstgewerbe in Weimar, heute Kunsthalle am Goetheplatz. 1909 fand die von Großherzog Wilhelm Ernst angekaufte Ruhende im Innenhof des Museums Aufstellung. Der Schöpfer folgte seinem Werk vier Jahre später nach Weimar.

Der in München, Florenz und Paris geschulte Bildhauer hatte seit 1899 in Berlin gelebt und dort seine bedeutendsten Arbeiten geschaffen. Die meist weiblichen Aktfiguren sind von einer ausgewogenen Anordnung großflächiger Volumina gekennzeichnet und stilistisch dem Neoklassizismus zuzuordnen. Auf eine wesentliche Betrachteransicht konzipiert, verweisen sie auf die Formtheorie Adolf von Hildebrands und eigneten sich besonders für die Einbindung in architektonische oder landschaftsgärtnerische Anlagen. Neben Peter Behrens und Leberecht Migge realisierte auch Henry van de Velde mehrere Projekte gemeinsam mit dem Bildhauer. Van de Velde hatte zudem bereits 1911 die Umsetzung der Ruhenden aus dem Hof des Großherzoglichen Museums vor die Giebelseite des gerade vollendeten Westflügels der Weimarer Kunsthochschule veranlaßt. Im Erdgeschoß dieses Gebäudeteils unterhielt Engelmann später sein Atelier.

Nach dem Ersten Weltkrieg war er kurze Zeit Formmeister am Staatlichen Bauhaus. Engelmann fühlte sich auch weiterhin der "hohen Kunst" ver-bunden und neigte dazu, Walter Gropius und die von ihm neu berufenen Meister eher als Kunstgewerbler und Handwerker zu betrachten. Aufgrund der "Mißachtung der künstlerischen Individualität" (Engelmann) seitens Gropius’ verließ er 1920 die Reformschule.

Ab 1921 leitete Engelmann die Bildhauerklasse an der wieder errichteten Weimarer Hochschule für bildende Kunst. 1923 allerdings schuf Engelmann eine Folge von Kaltnadelradierungen, die der Bauhausmeister Lyonel Feininger kolorierte. Engelmann komplettierte sein recht homogenes plastisches Îuvre in den Weimarer Jahren um etliche Porträts von Persönlichkeiten aus seinem weitläufigen Freundes- und Bekanntenkreis. Zu diesen zählten beispielsweise der Dichter und Weimarer Theaterintendant Ernst Hardt, aber auch der Nobelpreisträger für Literatur Rudolf Eucken und der Komponist Max Reger aus Jena.

Wilhelm Frick, in seiner Funktion als Thüringer Volksbildungsminister, erster nationalsozialistischer Minister Deutschlands, veranlaßte 1930 die Zusammenlegung der Hochschule für bildende Kunst mit der seit 1926 von Otto Bartning geleiteten Hochschule für Handwerk und Baukunst. Neuer Direktor der nun Staatlichen Hochschulen für Baukunst, bildende Kunst und Handwerk wurde sein Parteigenosse, der Maler und Architekt Paul Schultze-Naumburg. Noch 1930 erfolgte Engelmanns Versetzung in den Wartestand, "...da dessen Kunstrichtung nicht derjenigen entsprach, welche die Schule nach der Neuorganisation vertreten sollte..." (Schultze-Naumburg am 28.11.1933 an das Thüringische Volksbildungsministerium). Drei Jahre führte Engelmann seine Bildhauerklasse als Privatschule weiter, bis er 1933 in den Ruhestand ging.

Zwei Jahre später wurde er aufgrund seiner jüdischen Herkunft offiziell mit Berufsverbot belegt. Gegen die Anfeindungen vor allem durch Schultze-Naumburg konnte auch die mit Engelmann eng befreundete Elisabeth Förster-Nietzsche wenig ausrichten.

Als die Situation für den Bildhauer und seine Familie in Weimar unerträglich wurde, übersiedelte er mit seiner dritten Frau und der gemeinsamen Tochter nach Kirchzarten bei Freiburg/Br. Nach 1945 schuf er für die Stadt Freiburg einige monumentale Plastiken, wie bspw. die Trauernde als Mahnmal auf dem Hauptfriedhof.

Als Engelmann 1966 hochbetagt starb, hinterließ er ein umfangreiches Gesamtwerk von ca. 80 grafischen Blättern und 150 Plastiken. Aus Platzgründen mußten die meisten der überlebensgroßen Gipse später im Keller des Kirchzartener Schwimmbads eingelagert werden, was etliche Plastiken zerstörte. Erst 1997 gelang die Vermittlung des gesamten künstlerischen Nachlasses an die Bauhaus-Universität Weimar.

Silke Opitz, Kunsthistorikerin, Kuratorin der Ausstellung
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