Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenSonntag, 15. Dezember 2019 

Zwischen Musterekennung und Kuchenpflicht

25.01.2002 - (idw) Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

"Meine Jungs" sagt Dr. Gabriella Kókai. Sie spricht von Zoltan Tóth und Robert Ványi, ihren Schützlingen, die sie nach Erlangen geholt hat und deren Arbeiten am Lehrstuhl für Programmiersprachen sie betreut. György Dorkó, der den Lehrstuhl für Mustererkennung gewählt hat, muss sich trotzdem nicht ausgeschlossen fühlen. Die kleine ungarische Gemeinschaft am Institut für Informatik der Universität Erlangen-Nürnberg nimmt jeden Neuling gern auf und hält zusammen, fachlich wie privat. Deshalb sind eigentlich alle gemeint, wenn Dr. Kókai versichert, dass es eine Freude ist, sich um "ihre Jungs" zu kümmern.

Dorkó, Ványi und Tóth profitieren von einem Programm, das die Siemens AG und der Deutsche Akademische Auslandsdienst (DAAD) gemeinsam aufgestellt haben und finanzieren. Junge graduierte Ingenieure aus Osteuropa und Asien erhalten Stipendien für ein zweijähriges Aufbaustudium an einer deutschen Hochschule, die solche Qualifizierungsmöglichkeiten in englischer Sprache bietet - wie die Universität Erlangen-Nürnberg mit ihrem internationalen Masterprogramm Computational Engineering. In Deutschland studieren zu können, ohne Deutschkenntnisse mitbringen zu müssen, empfindet Robert Ványi als besonderen Vorteil. Ungarische Schüler wählen Englisch als erste Fremdsprache, wenn sie ein ingenieurwissenschaftliches Studium planen, um der englischen Fachliteratur gewachsen zu sein.

Außerdem, meint Tóth, könne man hier ja ganz leicht Deutsch lernen. "Ganz leicht!" Dem kann sich György Dorkó nicht anschließen. Den spontanen Protestruf ausgenommen, kommt ihm Englisch nach wie vor viel flüssiger über die Lippen. Allerdings hat er im Gegensatz zu den beiden anderen kein Intensivtraining in Kleingruppen mitgemacht, wie es der DAAD aus der mittlerweile ausgelaufenen Anschubfinanzierung bezahlte. Pro Woche zehn Stunden Sprachkurs in einem Privatinstitut neben den Lehrveranstaltungen an der Universität, da bleibt die Versuchung nicht aus, gelegentlich zu schwänzen - doch "meine Jungs hab' ich dazu verdonnert", gibt Gabriella Kókai energisch bekannt. Nun brauchen sie die Sanktionen nicht zu fürchten, die am Lehrstuhl Informatik II von Prof. Dr. Hans-Jürgen Schneider gelten. In Gegenwart von Nicht-Ungarn die ungarische Sprache zu verwenden, ist dort "kuchenpflichtig".

Eigene Regeln für den Umgang zwischen Deutschen und Ungarn am Erlanger Informatik-Institut sind das Ergebnis einer gemeinsamen Geschichte. Sie beginnt mit zwei Humboldt-Stipendiaten, Attila Kuba und János Csirik,die sich zwischen 1980 und 1984 an der FAU aufhielten. Beide wurden später an die Joszef Attila Universität in Szeged berufen und ließen als Lehrstuhlinhaber die Verbindungen nach Erlangen nicht abreißen. So ergab es sich, dass Gabriella Kókai, die in Szeged Informatik studiert hatte, 1998 bei Prof. Schneider promoviert wurde. An seinem Lehrstuhl verfolgt sie ihr Habilitationsprojekt, seit sie 1999 einen der Bayerischen Habilitationsförderpreise erhielt. Ványi und Tóth hat Dr. Kókai mit Hilfe des DAAD-Siemens-Stipendiums als viel versprechenden Nachwuchs aus ihrem Heimat- und Studienort nach Deutschland mitgebracht.

Über Prof. Dr. Laslo Czink, ebenfalls mehrfach Gast in Erlangen, laufen die Beziehungen zum Kando College in Budapest, wo György Dorkó studiert hat. Das Erasmus-Programm der Europäischen Union ermöglichte ihm ein Semester als Gaststudent am Lehrstuhl Informatik V von Prof. Dr. Heinrich Niemann. Da ein DAAD-Siemens-Stipendium nicht unmittelbar nach Studienabschluss vergeben wird, griff er zunächst auf andere Fördermittel zurück, um mit dem Studiengang Computational Engineering zu beginnen. PD Dr. Dietrich Paulus ist der Mentor, der Dorkós Arbeiten innerhalb des weit gespannten Problemfelds der Mustererkennung betreut. Aus dem Teilgebiet der Bildanalyse greift György Dorkó ein anschauliches Beispiel heraus: Beim Blick in eine Küche fällt es Menschen leicht, manche Gegenstände als Gläser, andere als Flaschen zu benennen; elektronischen Systemen ist die Unterscheidung unvergleichlich schwerer beizubringen.

Zoltan Tóth befasst sich mit evolutionären Algorithmen, Vorschriften für Rechenabläufe, die miteinander konkurrieren und "wie in der Natur überleben müssen", wenn es etwa darum geht, Stundenpläne für Schulen oder Krankenhäuser optimal auszuarbeiten. In weitem Sinn "genetisch" sind Rechenverfahren zur Abbildung von biologischen Strukturen - "wie sich Blutgefäße in der Retina baumartig verzweigen", erläutert Robert Ványi. Werden krankhafte Veränderungen regelmäßig festgehalten, ergibt sich eine strukturelle Beschreibung, die in der Diagnostik genutzt werden kann.

Was hat die heute Drei- bis Vierundzwanzigjährigen dazu veranlasst, zur Spezialisierung ins Ausland zu gehen? Kontakte suchen, Professoren näher kennenlernen, ein Netz aufbauen, das der beruflichen Laufbahn nützen könnte - und die Hoffnung auf eine Promotion in Deutschland. "Doktoranden werden in Ungarn eher nach dem amerikanischen PhD-System ausgebildet", erklärt Gabriella Kókai. "Informatik wird nur an fünf Universitäten gelehrt, da ist die Zahl der PhD-Studenten begrenzt."

Außerdem liegt die Chance, den Berufsweg in Deutschland zu beginnen, nicht allzu fern. Die Siemens AG wählt neue Mitarbeiter nicht selten unter den Stipendiaten aus, um deren Aufbaustudium sie sich gekümmert hat. Das Unternehmen bietet während des zweijährigen Deutschlandaufenthalts ein Praktikum an. "Über den DAAD wird ungefähr die Hälfte der Studierenden vermittelt, die von Siemens gefördert werden", berichtet Eberhard Wildgrube, der das "Youth and Knowledge" genannte Gesamtprojekt des Unternehmens koordiniert. "Die andere Hälfte kommt über direkte Kontakte zu Hochschulen in Osteuropa, Fernost oder neuerdings Lateinamerika. Oft werden sie später in den Regionen beschäftigt, aus denen sie stammen."

Die jungen Ungarn sind in Erlangen bald heimisch geworden. "Hier ist es ungefähr so wie in Szeged", sagt Zoltan Tóth. "Erlangen hat das Klima einer Universitätsstadt und ist genau so übersichtlich. In der Fußgängerzone trifft man Bekannte." Dass es mit der Unterkunft anfangs nicht so geklappt hat wie vorgesehen, ist inzwischen verziehen. Zufrieden konstatieren die ungarischen Stipendiaten, dass sie sich unter den Erlanger Informatikern ernst genommen fühlen, als gleichwertige Mitarbeiter gelten. Private Kontakte stärken zudem das Gemeinschaftsgefühl. Dr. Kókai berichtet von Spieleabenden im Institut, mit warmen Mahlzeiten, die jeweils einer für alle in der Kochnische zubereitet, und von Ausflügen in die Umgebung: "Da sind deutsche Kollegen immer dabei."

Weitere Informationen:

Dr. Gabriella Kókai, Lehrstuhl Informatik II, Tel.: 09131/85 -28996, kokai@informatik.uni-erlangen.de

PD Dr. Dietrich Paulus, Lehrstuhl Informatik V, Tel.: 09131/85-27894, paulus@informatik.uni-erlangen.de

Dr. Heide Wichmann, Lehrstuhl Informatik X, Tel.: 09131/85 -28688, wichmann@informatik.uni-erlangen.de

uniprotokolle > Nachrichten > Zwischen Musterekennung und Kuchenpflicht

ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/82093/">Zwischen Musterekennung und Kuchenpflicht </a>