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"..damit du ihn und seinen Verstand vor Kälte erstarren lässt..." - Magie in Antike und Mittelalter

25.01.2002 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Jena (25.01.02) Wissenschaftler aus Großbritannien, Irland, Ungarn, den USA und Deutschland treffen sich vom 31. Januar bis 2. Februar 2002 an der Uni Jena zur Tagung "Magie und Theurgie in Antike und Mittelalter". Der schottische Forscher Richard Gordon hält am Donnerstag, dem 31. 1., um 18 Uhr im Hörsaal 24 des Uni-Hauptgebäudes (UHG) den Eröffnungsvortrag zum Thema "Magie in der antiken Welt". Am Freitag und Samstag geht's jeweils ab 9 Uhr im Senatssaal (UHG) weiter mit Vorträgen zu Themen wie der "Magie im alten Ägypten", dem "Ende der Orakel", der "Kriminalisierung der Volksmagie seit dem späten Mittelalter" oder der Auseinandersetzung des Christentums mit Magie und Theurgie. Gäste sind herzlich willkommen.


Diese aramäische Zauberschale aus dem mesopotamischen Nippur sollte das Vieh vor Unheil schützen. Am Grunde ist ein gefesselter Dämon abgebildet, der von Bannsprüchen umgeben ist. Foto: Wolfgang Hirsch, Uni Jena In allen Kulturen, ob in der Antike, im Mittelalter oder weit darüber hinaus, haben sich die Menschen der Magie und der Zauberei bedient, um künftiges Geschehen zu beeinflussen. Wer sportlichen oder geschäftlichen Erfolg anstrebte, die Liebe eines schönen Mädchens gewinnen oder sich vor irgendeinem Schaden schützen wollte, sei er körperlicher oder materieller Art, der betrieb ganz selbstverständlich Magie.

Apollonianos zum Beispiel, ein Wagenlenker im Athen des 3. Jahrhunderts n.Chr., ein Vorfahre der modernen Formel-1-Piloten sozusagen. Ihm bereitete ein anstehendes Rennen ziemliche Sorgen, nahm doch sein ärgster Kontrahent Alkidamos daran teil - der Sieg schien in weite Ferne gerückt. Doch es gab Abhilfe: Schnell war ein Bleiplättchen zur Hand, auf das er einige flüchtige Zeilen kritzelte. Adressat war ein Geist namens Betpy, als "Postkasten" diente ihm ein Brunnen nahe des Athener Marktplatzes. Auf dem Plättchen - es wurde bei Ausgrabungen gefunden - lesen wir:

"Borphor-barbarphor-babarphor-baborphor-babaie - mächtiger Betpy. Ich übergebe dir Alkidamos ..., damit du ihn und seinen Verstand vor Kälte erstarren lässt ... damit du ihn bindest in die lichtlose Ewigkeit des Vergessens ... und nicht in die Startkäfige des Athenäenwettlaufs einfahren lässt. Sollte er aber starten, dann gerate er aus dem Kurs und mache schlechte Figur ..."

Wer das Wagenrennen für sich entschieden hat, wissen wir nicht. Das Beispiel macht aber deutlich, wie sehr die Magie in den Alltag der Menschen eingriff. Auch heute ist sie noch nicht ganz aus unserem Leben verschwunden: Noch immer gibt es Menschen, die sich der schon in der Antike beliebten Talismane bedienen, um Krankheiten oder Schaden abzuwenden. Und was wären Zauberkunststücke im Zirkus ohne ein feierlich gesprochenes "Abrakadabra"?

Neben der Magie gab es in der Antike aber noch eine weiteres Verfahren, mit dem unsere Vorfahren in Kontakt mit höheren Mächten treten wollten: die Theurgie. Dabei wird ein Gott oder ein Dämon beschworen, der in ein Abbild oder eine in Trance befindliche Person einfahren soll. Hier fällt wieder der Bezug zur Gegenwart auf: Noch heute nehmen manche Menschen an spiritistische Sitzungen teil, und die sind ursprünglich nichts anderes als ein spezielles Verfahren der Theurgie. Ein Sitzungsleiter zwingt dabei den Gott oder Dämon durch bestimmte rituelle Handlungen in ein Medium, durch das der herbeigerufene Geist dann alle möglichen Fragen beantwortet.

Aber schon der antike Autor Iamblichos war sich bewusst, dass bei solchen Séancen oft getäuscht wurde. So berichtet er, dass er bei einer solchen Sitzung den angeblichen Gott Apollon als einfachen, aber sehr umtriebigen Geist eines Gladiators entlarvt habe.

Heute erscheinen uns derartige Praktiken als äußerst zweifelhaft, Séancen gelten als unwissenschaftlich und esoterisch. Alle großen Zivilisationen, von den Babyloniern über die Ägypter bis hin zu Griechen und Römern, waren indes anderer Meinung. Für sie war Magie eine strenge Wissenschaft, es gab eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur dazu und hochspezialisierte Fachleute. Magier und Theurgen standen zum Teil in hohem Ansehen und waren manchmal sogar enge Berater des Herrschers.

Als ein berühmter antiker Magier galt zum Beispiel der Ägypter Arnuphis, der im 2. Jahrhundert n.Chr. am Hofe des römischen Kaisers Mark Aurel lebte und dem beeindruckende Fähigkeiten nachgesagt wurden. Er soll, so berichtet der Geschichtsschreiber Dio Cassius, auf Mark Aurels Quadenfeldzug (173 n.Chr.) die schon halb verdursteten Truppen gerettet haben, indem er den wolken- und regenbringenden Luftgott Hermes beschwor. Eine andere Überlieferung will freilich wissen, dass es nicht etwa Arnuphis, sondern eine christliche Legion im Heer des Kaisers war, die durch ihre Gebete den Regen herbeiflehte. Hier deutet sich bereits der Wettstreit zwischen dem aufstrebenden Christentum und der heidnischen Magie an.

Wie man sieht, ist "Magie" mehr als Harry Potter, der Zauberstab und der "Ritt auf dem Besen" - sie ist ein wesentlicher und facettenreicher Bestandteil vieler Kulturen. Die Tagung, die vom Jenaer Graduiertenkolleg "Leitbilder der Spätantike" veranstaltet wird, betrachtet erstmals Magie und Theurgie zusammenhängend und als langwirkende Kulturphänomene.

Weitere Informationen: Friedrich-Schiller-Universität Jena, Philosophische Fakultät, Institut für Altertumswissenschaften, Lehrstuhl für Klassische Philologie (Latinistik), Kahlaische Str. 1, 07745 Jena, Prof. Dr. Meinolf Vielberg, 03641/944830, Fax 03641/944802, E-Mail: vielberg@cleon.altertum.uni-jena.de
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