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Die Enkel des Löwenmenschen

15.03.2002 - (idw) Fachhochschule Aalen

Die älteste Tier-Mensch-Figur der Welt wird an der FH Aalen stereolithographisch reproduziert.


Prof. Dr. Uwe Berger und Kurt Wehrberger (vlnr)
Der Löwenmensch aus der Altsteinzeit (Foto: Ulmer Museum) Vor über 30.000 Jahren, als in der Schwäbischen Alb noch der Urmensch Cro-Magnon zugange war, entstand eine Figur aus Mammutelfenbein, um die sich bis heute Mythen ranken. Die Rede ist vom Löwenmenschen, der im August 1939 bei Grabungen im Lonetal in der Höhle Hohlenstein-Stadel gefunden wurde. Auf die Bruchstücke dieses Fundes stieß man dreißig Jahre später per Zufall in einem Museumsdepot. Und erst 1988 gelang es, die Bruchstücke zum Löwenmenschen endgültig zusammenzufügen, zur ältesten und mit knapp 30 Zentimetern größten Tier-Mensch-Figur der Welt.

Der Löwenmensch weist verblüffende Ähnlichkeiten mit Höhlenmalereien der Chauvet-Höhle im südfranzösischen Ardèche auf, die 1994 entdeckt wurden und aus derselben Zeit, dem Aurignacien stammen. Ist an den Malereien an der Wänden der Chauvet-Höhle bemerkenswert, dass in der Altsteinzeit offensichtlich Techniken der Perspektive bekannt waren, so überrascht am Löwenmenschen, dass er aus einem nur äußerst schwer zu bearbeitenden Mammutstoßzahn geschnitzt wurde. "Die Bearbeitung des Elfenbeins mit dem damals gebräuchlichen Hornstein muss eine halbe Ewigkeit in Anspruch genommen haben", räumt Kurt Wehrberger ehrfurchtsvoll ein. Wehrberger ist Leiter der Archäologischen Sammlung im Ulmer Museum. Dort hat der Löwenmensch inzwischen seine Ruhestätte gefunden.

Weil jedoch das Interesse am Löwenmenschen nicht nachlässt und am Ulmer Museum immer wieder Anfragen eintreffen, den paläolithischen Kunstschatz für archäologische Ausstellungen zu entleihen, möchte Wehrberger vom Löwenmenschen Repliken erstellen lassen, die er nach Frankreich, Italien, aber auch in die Vereinigten Staaten schicken kann. Um Beschädigungen am Original zu vermeiden, sollen an der FH Aalen naturgetreue Kopien des Löwenmenschen berührungslos hergestellt werden. Dieser Aufgabe haben sich Prof. Dr. Uwe Berger und Prof. Dr. Friedrich Klein an der Fachhochschule Aalen mit großem Interesse angenommen, sodass die Abbilder des Löwenmenschen bereits innerhalb weniger Tage dem Ulmer Museum zur Verfügung gestellt werden können. Computertomographie und Stereolithographie machen's möglich.

In der Computertomographie durchdringt ein fächerartiges Bündel aus Röntgenstrahlen zuerst den altsteinzeitlichen Körper des Löwenmenschen. Je nach Beschaffenheit des Mammutstoßzahns werden die Strahlen vom Elfenbein unterschiedlich absorbiert. Diese Unterschiede der Absorption werden Schicht für Schicht an Strahlendetektoren gemessen. Da die Strahlenbündel den Körper aus allen Richtungen durchdringen, werden die Absorptionsmessungen mit den räumlichen Daten der Strahlenquelle im Computer verrechnet und am Monitor visualisiert. "Mit dieser Methode kann man sogar die Nervenkanäle im Stoßzahn sehen", führt Stephan Tomaschko von der ARGE Metallguss zu dieser berührungslosen Messtechnik aus.

Am Stereolithographen werden die Daten aus der Computertomographie dann auf dem umgekehrten Weg dazu verwendet, aus Harz wiederum Schicht für Schicht die naturgetreue Nachbildung des Originals zu erzeugen. Hierfür wird eine Plattform hauchdünn mit flüssigem Harz beschichtet. Darüber wird gemäß der gespeicherten Daten ein Laser gelenkt, der das flüssige Harz härtet. Dann wird die Plattform eine Schichttiefe abgesenkt und erneut mit flüssigem Harz überzogen. Auf diese Weise erhält die Replik sogar dieselben Hohlräume im Innern des Körpers wie das Original. Am Ende der Prozedur wird das nichtgehärtete Harz abgewaschen und die fertige Plastik mit ultraviolettem Licht endgehärtet. Und bereits nach wenigen Stunden kann Martin Kuhnle, CIM-Assistent bei Prof. Berger, die replizierte Figur des Löwenmenschen dem beeindruckten Archäologen aus Ulm überreichen.

Der seinerseits ist am überlegen, ob er nicht das Herstellungsverfahren im "Löwenmensch-Raum" des Ulmer Museums dokumentieren soll. Und so ganz nebenher gäbe Wehrberger damit einen dezenten Ausblick auf das Museum der Zukunft, in dessen archäologischer Abteilung einmal ein Computertomograph zu finden sein könnte - samt der einmal an dieses Gerät gebundenen Mythen.


Kontakt:

FH Aalen
Prof. Dr. Berger
Tel. 07361/576-245
uwe.berger@fh-aalen.de

Ulmer Museum
Kurt Wehrberger
Tel. 0731/161-4320
k.wehrberger@ulm.de
Tel.
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