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Neue Publikation des Osteuropa-Instituts München zur Religionspolitik des Stalinismus

15.03.2002 - (idw) Ludwig-Maximilians-Universität München

Politik und Religion in der Sowjetunion 1917 - 1941 / Herausgegeben von Christoph Gassenschmidt und Ralph Tuchtenhagen. - 2001. 260 S. DM 128,00 - ISBN 3-447-04440-3
(Schriften zur Geistesgeschichte des östlichen Europa Band 23)

Die Beziehung von Politik und Religion, so hätte man noch vor 20 Jahren behauptet, ist ein Thema der vormodernen Welt. Inzwischen werden wir als Augenzeugen einer "Rückkehr der Religionen" (Martin Riesebrodt), des religiösen Fundamentalismus und eines "Kampfes der Kulturen" (Samuel Huntington), der sich vorzugsweise im religiösen Gewand zeigt, eines Besseren belehrt. Einen Kulturkampf der besonderen Art thematisiert der vorliegende Band: den Kampf nämlich zwischen dem mit dem Anspruch des "wissenschaftlich-atheistischen" Fortschrittsglaubens antretenden Bolschewismus und den traditionalen Glaubensvorstellungen der alten Religionsgemeinschaften im sowjetischen Russland. Die entsprechende Religionspolitik des Regimes bewegte sich dabei zwischen zwei taktischen Alternativen. Die eine, evolutionistische und bis zu Lenins Tod (1924) dominierende, ging davon aus, dass sich mit der Änderung der sozioökonomischen Verhältnisse auch die Erscheinungsformen der Religion in Russland ändern oder die Religion überhaupt absterben würde. Entsprechend hielt man Zwang in Glaubensdingen nicht nur für überflüssig, sondern direkt für schädlich zur Entwicklung einer atheistischen Gesellschaft. Überzeugung und Vorbild, so meinten die Evolutionisten, gewönnen die Kirchengläubigen eher für die Partei als militanter Atheismus und Verfolgung. Die andere taktische Alternative war interventionistisch. Sie wurde vor allem vom Bund der Kämpferischen Gottlosen, aber auch Stalin, vertreten und beherrschte seit Mitte der 1920er Jahre zunehmend die Religionspolitik des Staates. Die ideologische Intervention und die aktive Bekämpfung der Religion sollten mit den Mitteln und Begriffen der traditionalen Religion erfolgen und Zwangsmaßnahmen nicht ausschließen.
Weder der evolutionistische noch der interventionistische Weg führten indes zum gewünschten Ergebnis. Solange man sich der Mittel der Religion zu ihrer Abschaffung bediente, hielt man sie eben dadurch am Leben. In der Mitte der 1930er Jahre bezeichnete sich noch immer der weitaus größte Teil der Bevölkerung als gläubig. Dies hing zum Teil mit dem religiösen Feindbild der Partei zusammen. Die antireligiöse Politik des Sowjetstaates richtete sich fast ausschließlich auf die Kirchenorganisation und meinte damit auch den Glauben treffen zu können. Diese Hoffnung wurde jedoch enttäuscht. Und nicht nur das. Einige Religionsgemeinschaften sahen trotz gleichlautender Propaganda der Partei im neuen Regime Chancen zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Insbesondere die unter der Zarenherrschaft minder berechtigten nichtorthodoxen Glaubensgemeinschaften konnten sich auf der Grundlage des Verfassungspostulats der Religionsfreiheit mit dem neuen Staat identifizieren und erwiesen sich als loyal. Mit dem Wechsel der innenpolitischen Großwetterlage Ende der zwanziger Jahre ging jedoch eine Umbewertung dieser Religionsgemeinschaften von Seiten der Politik einher. Der Staat setzte im Fahrwasser des entstehenden "Sowjetpatriotismus" nun eher auf Glaubensgemeinschaften, die sich in der Tradition der orthodoxen Volks- und Kirchenkultur bewegten. Die zum Zwecke der Erschaffung einer sowjetisch-vaterländischen Identität von Staats wegen eingespannte Orthodoxe Kirche, die Altgläubigen, die Georgische und die Armenische Kirche standen nun wieder - wie schon zur Zarenzeit - "unerwünschten" Glaubensgemeinschaften wie Lutheranern, protestantischen Freikirchen oder Juden gegenüber. Und eine kolonialistische Spielart des Sowjetpatriotismus brandmarkte Muslime, Schamanisten, Buddhisten und andere Glaubensgemeinschaften im Südosten und Osten des Stalin-Reiches als unterentwickelte und unzivilisierte Bedroher des Vaterlandes.
Die Religionspolitik verschränkte sich neben der Nationalitäten- und Außen- auch mit der Agrarpolitik. Die von Anfang an beabsichtigte, jedoch nicht sofort realisierbare Kollektivierung der Landwirtschaft, machte einige Religionsgemeinschaften, die schon vor dem Sturz des zarischen Systems kollektive Formen der Agrarwirtschaft praktiziert hatten, zur unfreiwilligen Avantgarde einer sozialistischen Agrarwirtschaft. Vor allem die freikirchlich-dissidenten Landwirtschaftskooperativen dienten der Parteipropaganda gegenüber den agrarpolitischen Sachzwängen der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) als Morgenröte des Sozialismus auf dem Lande. Sie hatten ihren Zweck erfüllt, als Stalin zu Ende der 1920er Jahre zum Sturm gegen die private Landwirtschaft blies und sich die Religions- von der Agrarpolitik zu emanzipieren begann.
Die Schaffung des "neuen", des "Sowjetmenschen" durch Parteiarbeit und atheistische Propaganda erscheint so als Machtspiel mit den Mitteln der politischen Theologie. Die Partei sollte bewusst als Kirchenersatz fungieren - womit sie ebenso unbewusst wie unbeholfen die Herrschaftsstruktur des kaiserlichen Russland fortsetzte: Religionspolitik ist - wie alle Politik - Machtpolitik. Der Herrscher von Gottes Gnaden wurde durch die Herrscher von Ungottes Gnaden ersetzt. Im übrigen blieb alles beim Alten. Dieses Fazit zieht der Band vor allem aus der Perspektive der betroffenen Glaubensgemeinschaften. Zur Sprache kommen die Beziehungen des Staates zur Russisch-Orthodoxen, Georgischen und Armenischen Kirche, zu den Altgläubigen, den Lutheranern, den protestantischen Freikirchen, den Juden, Muslimen und Schamanisten.
Die Beiträge beruhen zum größten Teil auf neuen, bisher nicht veröffentlichten Archivquellen und gewähren Einblicke in die bisher wenig bekannte Welt sowjetischer Glaubensgemeinschaften während der Zwischenkriegszeit. Es handelt sich dabei um den ersten von mehreren zu diesem Thema geplanten Bänden, die die Sowjetperiode in ihrer gesamten Dauer (1917 bis 1991) abdecken sollen. Zusammenfassungen in englischer Sprache erleichtern den internationalen Zugang zu den Beiträgen.

Das Osteuropa-Institut München kooperiert mit dem Centrum für Ost- und Südosteuropaforschung der Ludwigs-Maximilians-Universität München

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