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Averroismus: Mehr als eine kuriose Sackgasse der Philosophie

06.10.2004 - (idw) Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Averroisten - das sind die abendländischen Anhänger des 1198 in Marrakesch gestorbenen arabischen Philosophen Averroes. Sie geben der philosophiegeschichtlichen Forschung seit langer Zeit Rätsel auf. Der Würzburger Wissenschaftler Dag Nikolaus Hasse, Experte für die Philosophie des Mittelalters, hat einige bisher vertretene Auffassungen über die Averroisten widerlegt.

Im 19. Jahrhundert wurden die Averroisten zu Vorläufern der freigeistigen Intellektuellen der Aufklärungszeit stilisiert. Spätere Forscher waren hingegen davon überzeugt, dass westliche Denker die radikalen Ansichten des Averroes - zum Beispiel die These, dass es nur einen einzigen Intellekt für alle Menschen gebe - niemals in Reinform vertreten hätten. Tatsächlich aber gab es einige Averroisten, deren Ideen allerdings meist von der Forschung als kuriose Sackgasse der Philosophiegeschichte betrachtet wurden.

Hasses Forschungen am Institut für Philosophie der Uni Würzburg haben gezeigt, dass es im 15. und 16. Jahrhundert eine beträchtliche Anzahl von Averroisten gab. Außerdem bildete der Averroismus schon in der damaligen Wahrnehmung eine Strömung.

"Präzise gesagt kam es erst im 15. Jahrhundert, in der italienischen Renaissance, und nicht bereits im Mittelalter zur Herausbildung des Averroismus als einer Strömung im vollen Sinne", so Hasse. Erst in dieser Zeit habe man Averroes nicht mehr nur als Aristoteles-Kommentator geschätzt, sondern sich um seine Doktrin gestritten und auf diese Weise um die Meinungsführerschaft innerhalb einer Schule von Gleichgesinnten gekämpft.

Weiterhin zeigen die Forschungen des Würzburger Philosophen: "Es ist historisch vollkommen unwahrscheinlich, dass die averroistische Spitzenthese von der Einheit des Intellekts viele und kluge Anhänger unter den Philosophen hätte finden können, wenn sie nicht eine ihr eigene philosophische Attraktivität besessen hätte." Die Anhänger des Averroes waren sich bewusst, dass dessen Philosophie eine elegante Antwort auf die Frage bot, wie ein individueller Mensch eine allgemeine Wahrheit erkennen kann. Er kann es dadurch, sagt Averroes, dass sein Intellekt ein allgemeiner ist und nicht nur ihm gehört - und trotzdem erkennt er individuell, weil er die allgemeinen Wahrheiten mit Hilfe der Vorstellungskraft erkennt, die jedem Menschen eigen ist. Viele Renaissancephilosophen waren davon überzeugt, dass diese Theorie in vollem Einklang mit der Erkenntnislehre des Aristoteles stehe und sich philosophisch nur schwer widerlegen lasse.

In der Mitte des 16. Jahrhunderts verlor die These ihre Anhänger. Wiederum ist es historisch unwahrscheinlich, dass sie konkurrierenden Weltbildern zum Opfer fiel, wie bislang vermutet wurde, etwa dem Humanismus, dem Platonismus oder dem Kopernikanismus. Hasse: "Tatsächlich wurde die Einheitsthese durch ganz ähnliche Theorien abgelöst, die dieselbe Frage nach der Allgemeinerkenntnis auf etwas andere Weise beantworteten. Das heißt, die These wurde durch andere Formen des Aristotelismus abgelöst."

Seine Arbeiten über den Aufstieg und Niedergang des Averroismus stellte Hasse auf einigen wissenschaftlichen Konferenzen vor, unter anderem in Porto, Köln, Berlin und Bonn. Ermöglicht wurde ihm dies durch ein Stipendium aus der Jubiläumsstiftung zum 400-jährigen Bestehen der Uni Würzburg, das ihm 2002 verliehen wurde. Inzwischen hat die Volkswagen-Stiftung (Hannover) den 35-jährigen Wissenschaftler mit einer Lichtenberg-Professur ausgezeichnet. 2003 wurde ihm außerdem der Röntgenpreis der Uni Würzburg verliehen.

Weitere Informationen: Dr. Dag Nikolaus Hasse, T (0931) 31-2850, Fax (0931) 31-2855, E-Mail:

dag-nikolaus.hasse@mail.uni-wuerzburg.de
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