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Der Ramadan

07.10.2004 - (idw) Universität Rostock

Am 16. Oktober beginnt für die rund vier Millionen Muslime in Deutschland das Ramadanfasten. Das muslimische Fasten dauert meist dreißig Tage, sein Beginn und sein Ende werden nach dem Mondkalender bestimmt. Das Fasten trägt den Namen des neunten Mondkalendermonats, in dem es durchgeführt wird. Da die Monate des Mondkalenders kürzer als die Sonnenkalendermonate sind, verändert sich ständig der Zeitpunkt des Ramadanfastens innerhalb des Sonnenkalenderjahres.

Der Ramadan ist neben dem muslimischen Glaubensbekenntnis, dem fünfmaligen Tagesgebet, dem Almosengeben und der Pilgerfahrt nach Mekka ein Grundpfeiler des Islam. Die muslimische Überlieferung besagt, dass der Koran dem Propheten des Islam, Mohammad, im Ramadan offenbart wurde. Das macht den Ramadan zu einem besonderen Monat. Der eigentliche Grund, in diesem Monat zu fasten, ist für die Muslime jedoch das Gebot des Korans. Da der Koran von den gläubigen Muslimen als die Wahrheit aufgefasst wird, werden seine Vorschriften, so auch das Gebot, im Ramadan zu fasten, aufs Genaueste befolgt.

Die Muslime fasten vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang und verfolgen dabei das Ziel, sich in dieser Zeit von allen körperlichen Genüssen freizuhalten. Daher wird während des Ramadans am Tage weder gegessen noch getrunken noch geraucht; die verheirateten Muslime verzichten auch auf den Geschlechtsverkehr mit ihren Ehepartnern. Die Alten, die Kinder, die Kranken und im Prinzip auch die Reisenden sind vom Fasten im Ramadan befreit. Wenn man während des Fastenmonats krank wird und das Fasten unterbrechen muss, verlängert man sein Fasten entsprechend der Anzahl der ausgelassenen Tage. In vielen Familien steht man vor dem Sonnenaufgang auf, um eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Als Ausgleich zu dem während des Tages geübten Verzicht wird nach dem Sonnenuntergang das Fasten mit einem üppigen Mahl gebrochen. Die Abende sind mit einer Reihe von sozialen Ereignissen gefüllt. In dieser Zeit besucht man Verwandte und Freunde, viele machen abends einen Spaziergang mit der ganzen Familie, Straßenmusikanten ziehen durch die Stadt, auf den Marktplätzen finden musikalische Aufführungen statt.

Die letzten zehn Tage des Ramadan hält man für besonders wichtig, weil eben an einem dieser Tage die koranische Offenbarung begann. Und da man nicht weiß, an welchem Tag genau das war, widmet man sich während aller zehn Tage intensiv dem Gebet, das für die Muslime nicht nur als eine rituelle Pflicht, sondern auch als eine Tugend gilt. Im Anschluss an das dreißigtägige Fasten findet ein Fest statt, das im Arabischen das Fest schlechthin heißt und diese Bedeutung im Jahresablauf für die Muslime in der Tat hat. Dieser Tag ist in den islamischen Ländern ein offizieller Feiertag. Dieses Fest ist mit einer sozialen Verpflichtung verbunden, die eine theologische Bedeutung hat: Damit das Ramadanfasten vollgültig ist, müssen - meist am Vortag des Festes - Almosen unter die Armen verteilt werden.

Der Ramadan ist ein Grundpfeiler des Islam und hat als solches eine große religiöse Bedeutung für die Muslime. Er ist die Zeit der Einkehr und der Besinnung, die Zeit, in der man die Nähe Gottes sucht, an seine Mitmenschen denkt und sich guter Werke in einer besonderen Weise befleißigt. Das andauernde Fasten soll jedem einzelnen die Gelegenheit geben, das Leid der Bedürftigen und der Mittellosen nachzuempfinden; es stärkt somit die Solidarität der Gemeinschaft. Neben seinen theologischen und sozialen Aspekten hat der Ramadan eine zentrale kulturelle Bedeutung für die Muslime. Als ein gemeinsamer gleichzeitiger Akt aller Muslime in der Welt ist der Ramadan ein wichtiges Element der kollektiven Identität der Muslime, das sie unverwechselbar macht.

Das Fasten ist natürlich nicht eine ausschließlich muslimische religiöse Praxis, sondern wird auch von Christen praktiziert. Der Zeitpunkt und die theologische Begründung des Fastens im Christentum unterscheiden sich vom Islam. Katholische, orthodoxe und evangelische Christen fasten in der Woche vor der Kreuzigung Jesu Christi. Das christliche Fasten ist ein Zeichen der Demut angesichts des Kreuzestodes, der für den christlichen Glauben fundamentale Bedeutung hat. Auch die Adventszeit, in denen das Weihnachtsfest vorbereitet wird, gilt in der Christenheit als eine Zeit des Fastens ebenso wie der Freitag einer jeden Woche. Trotz der Unterschiede in der Zeit, der Dauer und der Durchführung ist dem Islam und dem Christentum die Auffassung gemeinsam, dass der während des Fastens geübte Verzicht den Menschen für die geistigen Dinge öffnet und in Selbstkontrolle und Selbstbeschränkung einübt.

Das dreißigtätige Fasten der Muslime ist nicht nur eine ethische, sondern auch eine körperliche Leistung, die nicht geringe Kräfte mobilisiert und auf Unterstützung des sozialen Umfelds angewiesen ist. Diese Einsicht ist für viele Menschen, die in unmittelbarer Nähe zu Muslimen leben, Anlass, sich ihnen im Fasten anzuschließen. So ist es in den Ehen, in denen sich ein Ehepartner zum Islam bekennt, üblich, dass der andere Ehepartner im Ramadan mit fastet. Auf jeden Fall rechnen die Muslime mit der Nachsicht angesichts der körperlichen Schwäche, deren Anzeichen sich bei ihnen im Fastenmonat bemerkbar machen können. Das abendliche Fastenbrechen ist ein besonderes Ereignis, und es daher ist für die Muslime wichtig, zu diesem Zeitpunkt zu Hause sein zu können.

Der Ramadan wird von den Muslimen als eine besondere Gabe Gottes aufgefasst, die sie dankbar annehmen. Nichtsdestotrotz ist ihre Freude wegen des vollbrachten Ramadans nicht gering. Das Fest am Ende des Ramadan ist besonderes soziales Ereignis. Aus diesem Grunde laden Moscheen und muslimische Familien ihre nichtmuslimischen Freunde und Nachbarn zum gemeinsamen Brechen des Ramadanfastens ein.

Igor Pochoshajew
Tel: (0381) 498 84 16
Email: igor.pochoshajew@theologie.uni-rosotock.de
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