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Juden zwischen Kaiser, Landesfürst und lokaler Herrschaft

07.10.2004 - (idw) Universität Augsburg

Eine Tagung über "Gemeinsamkeiten und Differenzen jüdischen Lebens im Süden des Alten Reichs in Spätmittelalter und Früher Neuzeit" - vom 22. bis zum 24. Oktober 2004 am Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg ---


Das Institut für Geschichte der Juden in Österreich, der Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte der Universität Augsburg und das Institut für Jüdische Studien der Universität Düsseldorf veranstalten vom 22. bis zum 24. Oktober 2004 an der Universität Augsburg eine Tagung, die unter dem Titel " Juden zwischen Kaiser, Landesfürst und lokaler Herrschaft" die aktuelle fachhistorische Debatte über das Selbstverständnis, die Gegenstände und die Zielrichtungen jüdischer Geschichtsforschung aufgreift und fortführt. Unterstützt wird diese Tagung von der deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Österreichischen Kulturforum Berlin.

PERSPEKTIVWECHSEL IN DER HISTORISCHEN FORSCHUNG

In der Forschung zur jüdischen Geschichte hat sich in den letzten Jahren ein Perspektivwechsel vollzogen, der unser Bild über das Verhältnis der beiden Kulturen in der Vormoderne grundlegend gewandelt hat. Deutsch-jüdische Geschichte ist nicht länger ausschließlich ein Erinnerungsort des Holocausts, sondern steht auch für eine lange Phase multikultureller Koexistenz. Dabei zeigte sich, dass die antijüdischen Stereotypen als ein kultureller Code über Jahrhunderte tradiert wurden, Juden und Christen aber auch in Nachbarschaft kooperierten. Diese Erkenntnis, die keineswegs die Verfolgungen im Nationalsozialismus relativiert, sondern vielmehr deren Erklärungsbedarf erhöht, hat in Expertenkreisen eine lebhafte Diskussion ausgelöst und dazu geführt, dass sich das Interesse der internationalen historischen Forschung zunehmend auf die Epoche vor 1800 verlagert hat. Getragen und ermöglicht wurden die neuen Ansätze durch eine stärkere Einbettung der jüdischen Geschichte in die allgemeine Geschichte und die methodische Einbeziehung der seit den 70er Jahren entwickelten kulturhistorischen Forschung sowie der Mikrogeschichte. Die Erneuerung der herkömmlichen Ausrichtung jüdischer Geschichte blieb nicht ohne Widerspruch, sie führte zu einer fachhistorischen Debatte über das Selbstverständnis, die Gegenstände und die Zielrichtungen jüdischer Geschichtsforschung.

LAUFENDE PROJEKTE AUS DER GRUNDLAGENFORSCHUNG

Am Institut für Europäische Kulturgeschichte findet vom 22.-24. Oktober 2004 eine Tagung statt, die die Teilnehmer dieser Debatte zusammenführt, gemeinsam veranstaltet vom Institut für Geschichte der Juden in Österreich (Dr. Martha Keil), vom Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte in Augsburg (Prof. Dr. Rolf Kießling) sowie vom Institut für jüdische Studien in Düsseldorf (Prof. Dr. Stefan Rohrbacher). Erstmals werden weiterhin die wichtigsten Institutionen, die federführend in der Grundlagenforschung sind, über ihre laufenden Projekte gemeinsam diskutieren: die Forschungsstellen Germania Judaica an den Universitäten in Düsseldorf und Jerusalem (Prof. Dr. Michel Toch) und Austria Judaica in St. Pölten sowie das Ayre-Maimon Institut in Trier (Prof. Dr. Alfred Haverkamp).

FACETTEN DES JÜDISCHEN LEBENS IN DER VORMODERNE

Ein Schwerpunkt der Tagung wird auf der zukünftigen Positionierung und Ausrichtung der jüdischen Geschichte in Deutschland liegen. Ein zweites Anliegen ist die Vorstellung der verschiedenen Facetten jüdischer Siedlungsstruktur, Wirtschaftsweise und jüdischen Alltagslebens in der Vormoderne. Teilnehmer aus Deutschland, Israel, Österreich, der Schweiz und den USA werden dazu Ergebnisse aus ihren aktuellen Quellenstudien zur Diskussion stellen. Staatsbildung und Konfessionalisierung - zwei entscheidende Prozesse der europäischen Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts - bildeten die Rahmenbedingungen der unsicheren Handels- und Aufenthaltsrechte der 'Schutzjuden'. Zugleich waren jüdische und christliche Lebenssphären eng miteinander verwoben: Nicht nur die jüdischen Organisationsstrukturen paßten sich den neuen Landesgrenzen an, sondern die sich formierende frühmoderne Staatsgewalt suchte auch ihre jüdische Untertanenschaft zu disziplinieren und den fiskalischen Zugriff auf sie zu optimieren.

VOM URBANEN JUDENTUM DES MITTELALTERS ZUM FRÜHNEUZEITLICHEN LANDJUDENTUM

Nach den Vertreibungen aus den großen Städten um 1500 wurde das urbane Judentum des Mittelalters durch das frühneuzeitliche Landjudentum abgelöst - weite Teile des jüdischen Lebens in Mitteleuropa waren bis ins 19. Jahrhundert hinein von einer ländlichen Umwelt geprägt. Dabei entwickelten sich spezifische Siedlungsschwerpunkte, die eine eigene jüdische Landkarte im Alten Reich formten. Die Zentren jüdischen Lebens lagen nun im Süden des Reiches - im Elsaß, in Schwaben, in Franken und in Niederösterreich. Dörfer wie Buttenwiesen, Harburg oder Fürth, die auch in der Frühen Neuzeit zur ländlichen Provinz zu zählen sind, erhielten in der jüdischen Welt einen klingenden Namen, der für talmudische Gelehrsamkeit, die jährlichen Landjudentage und ein reges Gemeindeleben stand. Diese jüdische Siedlungstopographie ist das Ergebnis einer höchst wechselhaften, von unterschiedlichen Interessenslagen gesteuerten Judenpolitik der Landes- bzw. Ortsherrschaften sowie des Kaisers. Neben der topographischen Spurensuche stehen qualitative Aspekte jüdischer Existenz im Zentrum: Wie gestaltete sich christlich-jüdische Nachbarschaft im engen Dorfraum? Welche wirtschaftlichen Handlungsräume standen jüdischen Frauen offen? Wie fanden die verstreut siedelnden Gemeinden zu einer überörtlichen Organisation? Welche familiären, religiös-kulturellen und ökonomischen Netzwerke kamen dabei zum Tragen?

SCHWABEN: EIN ZENTRUM DES LANDJUDENTUMS IN DER FRÜHEN NEUZEIT

Jüdische Geschichte erfordert nicht nur stets die internationale Perspektive und Kooperation, sondern die siedlungsgeschichtlichen Besonderheiten führten dazu, dass sie auch zu einem Arbeitsfeld der Regionalgeschichte wurde und sich so in einigen Bundesländern zu einem Schwerpunkt der jeweiligen landesgeschichtlichen Lehrstühle entwickelt hat. Der Augsburger Lehrstuhl von Prof. Dr. Rolf Kießling trägt dabei mit seinen Forschungen der Tatsache Rechnung, dass das 'Medinat Schwaben' zu den Zentren des Landjudentums in der Frühen Neuzeit gehörte.

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Tagungshomepage mit dem Programm und ausführlichen Informationen zu den einzelnen Vorträgen via
http://www.uni-augsburg.de/institute/iek/
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KONTAKT:
Dr. Anke Sczesny
Institut für Europäische Kulturgeschichte
Universität Augsburg
Eichleitnerstraße 30
D-86159 Augsburg
Telefon 0821/598-5843
Telefax 0821/598-5850
anke.sczesny@iek.uni-augsburg.de
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